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Er kam nicht vom anderen Stern

Robert S. und der Mord als Menetekel: Wo die Familie versagt, helfen weder die besten Schulen noch die strengsten Gesetze

Von Susanne Gaschke

Die Toten von Erfurt haben ein Recht darauf, dass über ihren Särgen nicht geheuchelt wird. Sprachlos, fassungslos darf man sein angesichts der zielgerichteten (also gar nicht blinden) Gewalt des Mordschützen Robert Steinhäuser. Aber so tun, als komme diese Gewalt von einem anderen Stern - das darf man, um der Opfer willen, nicht.

Nach dem, was jeder Lehrer, Sozialpädagoge, Polizist und hinreichend aufmerksame Elternteil über die seelische Verwahrlosung vieler junger Menschen in diesem Land weiß, muss es eher verwundern, dass derartiges Unheil nicht häufiger geschieht. Die Familien zerfallen - manche sichtbar, manche nur innerlich. Erwachsene haben immer weniger Zeit für Kinder. Deren Mediennutzung nimmt, mit elterlicher Duldung, gefährliche Formen an; dazu dröhnt die Konsummaschine mit ihrer lauten Dauerbotschaft, dass nur der etwas ist, der etwas hat. Die Brutalisierung der Alltagskultur schreitet voran.

Die Ermordeten von Erfurt sind die Opfer eines sinnlosen, zynischen Zufalls geworden. Eine menschliche Zeitbombe hat sie in den Tod gerissen. Das hätte auch in Plön passieren können, oder in Mainz. Ähnliches ist geschehen in Meißen, Brannenburg, Freising, Bad Reichenhall. Wir müssen endlich fragen, welchen Anteil jeder einzelne daran hat, dass solche Zeitbomben herumlaufen. Doch genau da liegt das Problem. In zurechenbarer Weise verantwortlich für ein Kind oder einen Jugendlichen möchte kaum noch jemand sein. Es ist bezeichnend, dass die von Hillary Clinton popularisierte Spruchweisheit, man brauche ein ganzes Dorf (It takes a village), um ein Kind großzuziehen, heute dermaßen gut ankommt. Das könnte uns so passen: Wenn das ganze Dorf erzieht, dann sind wenigstens nicht wir Eltern schuld, falls etwas schief geht. In Ermangelung eines Dorfes setzen wir auf staatliche Institutionen: Krippe, Kindergarten, Ganztagsschule. Nicht, dass diese Einrichtungen nicht notwendig und nützlich wären. Aber den Blick der Eltern in die Augen ihrer Kinder können sie nicht ersetzen. Berufspädagogen haben weder die Zeit, noch die Aufgabe, allzusehr in ihre Schützlinge zu dringen. Wie es in deren Seelenlandschaft aussieht, können, müssen zuerst die Eltern wissen.

Einmischung ist "spießig"

Die reflexhafte Forderung nach mehr schulischer Nachmittagsbetreuung geht darum als Reaktion auf das Erfurter Massaker ebenso in die Irre wie die Sehnsucht nach technischen Lösungen für menschliche Katastrophen. Natürlich kann man versuchen, unübersichtliche Schulhöfe besser zu sichern, mit Zäunen und Pförtnerlogen, mit Metalldetektoren und Ausweispflicht. Aber wir wissen sehr wohl, dass ein entschlossener Täter diese Hindernisse überwinden kann. Und wir ahnen auch, dass wir konsequenterweise jedes Einkaufszentrum und jeden Badestrand gleichermaßen aufrüsten müssten. Solche Vorschläge sind, wie die Einführung einer altersgebundenen Chipkarte für Zigarettenautomaten, Zeichen der Kapitulation. Wir glauben einfach nicht mehr daran, dass in unserer Gesellschaft für jedes Kind wenigstens ein Erwachsener da ist, der die Verantwortung trägt. Dem das Kind vertraut - und sich verpflichtet fühlt. Der merkt, dass ein Zwölfjähriger raucht oder dass in einem Neunzehnjährigen tödlicher Hass und unvorstellbare Gefühllosigkeit wachsen. Und der die Unbequemlichkeit auf sich nimmt, darüber zu sprechen, zu streiten, für das Richtige zu kämpfen - nicht einmal, sondern dreißigmal, hundertmal.

Gewiss, es gibt viele Eltern, die ihre Kinder allein lassen, weil sie arbeiten müssen. Dazu tragen wir als Konsumenten übrigens bei, indem wir nach 24-stündiger, siebentägiger Verfügbarkeit von allem und jedem verlangen. Aber so richtig die Kritik an familienfeindlichen Arbeitszeiten ist: Sie wird zu oft als Entschuldigung bemüht.

Allzu häufig findet in den Familien, nicht nur in den unterprivilegierten, auch dann keine Kommunikation statt, wenn alle zu Hause sind. Die Bereitschaft zum Sicheinlassen, zum Miteinander schrumpft; man ist doch froh, wenn die Kinder in ihrem Zimmer verschwinden, zum Fernsehen oder zum Spielen am Computer. Nette Computerspiele, in denen ein besonders schöner Zoo entsteht - und weniger nette wie Resident Evil oder Counterstrike, deren Ziel es ist, möglichst viele Menschen blutig niederzumetzeln.

Lange hat dabei eine apologetische Wirkungsforschung die Eltern in ihrer Trägheit gehätschelt: Ein direkter Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt könne nicht nachgewiesen werden. Kein Grund zur Sorge also, und erst recht nicht zum anstrengenden Eingriff in die Privatwelt der Töcher - und vor allem der Söhne, die eine hohe Affinität zu den gewalttätigen Spielen und Videos zeigen. Was es für eine Gesellschaft moralisch bedeutet, wenn sie menschenverachtende Unterhaltung für normal hält, stand kaum zur Debatte. Und die moralische Verfassung der Kinder? "Mein Junge ist ein Waffennarr. Und er ist leicht auf die Palme zu bringen", soll die Mutter des Todesschützen und Counterstrike-Fans gesagt haben, so, als ginge es um einen ganz fremden Menschen. Sie wäre nicht die einzige Mutter in Deutschland, die redet, als hätte sie auf ihren Sohn oder ihre Tochter eigentlich keinen Einfluss.

Die Freizeitgestaltung, die jugendlichen Subkulturen, die Selbststigmatisierung durch Piercing und Ghetto-Mode, all dies wird nur selten infrage gestellt. Weil es Mühe machen würde, weil man Verbote durchsetzen und zeitaufwändige Alternativen anbieten müsste; auch, weil es als spießig gilt, sich "einzumischen". Unser Bequemlichkeitsliberalismus ist hoch entwickelt: Die Kinder werden schon wissen, was gut für sie ist.

Sie wissen es nicht. Und wir liegen falsch, wenn wir ihre Coolness zum Nennwert akzeptieren. Die Kinder sehnen sich nach jener Einmischung, die vor allem eins bedeutet: Zuwendung. Doch die wird ihnen tausendfach verweigert. Die Schlussfolgerung: Warum soll man reden, wenn niemand zuhört? Warum Gefühle zeigen, die keinen interessieren? Warum sich an Regeln halten, die von den Erwachsenen nicht verteidigt werden? Das Schweigen zwischen Eltern und Nachwuchs muss aufhören. Und ebenso der fehlgeschlagene gesellschaftliche Großversuch, Verantwortung für Kinder überallhin zu schieben, um nur ja nicht diejenigen damit zu belasten, die allein verpflichtet und berechtigt sind, sie zu tragen.

Vielleicht markiert Erfurt in dieser Hinsicht einen Wendepunkt. Auch weil hier ein Mann selbstlos Verantwortung übernommen hat, in höchster Gefahr und unter Missachtung seines persönlichen Risikos. Von keinem Erwachsenen wird die seltene Tapferkeit des Geschichtslehrers Rainer Heise verlangt, der sich Robert Steinhäuser mit den Worten "Kannst mich erschießen, aber sieh mir dabei in die Augen" in den Weg stellte und ihn daran hinderte, noch mehr Menschen zu morden. Aber von jedem muss der Mut gefordert werden, an die Kinderzimmertür zu klopfen und mit seinem Kind zu reden. Ihm in die Augen zu sehen und auf den Bildschirm. Rechtzeitig.




(c) DIE ZEIT   19/2002   


 
 






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