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G E W A L T

Die Rückkehr der "German angst"

Die Brutalität von Erfurt hat uns die Sprache verschlagen. Doch ändern wird sie nichts

Von Matthias Altenburg

Deutschland ist ein schönes Land. Die feuchten Wälder des Eggegebirges im Morgenlicht. Die Burgen am Mittelrhein, wenn ein Bussardpärchen darüber kreist und sich schreiend in den Wind wirft. Die Alte Fischerei in Bamberg nach einer durchtanzten Nacht. Die Kreidefelsen auf Rügen, wenn rot im Westen die Sonne untergeht. Und immer, Nacht und Tag, Winter und Sommer: der leichte Schwindel, der einen erfasst, wenn man unten steht, den Kopf in den Nacken legt und hochschaut zu den Spitzen des Kölner Doms. Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Orte, vor deren stiller Schönheit man schier vergehen möchte. Warum bloß ist mir dieses Land dann manchmal so zuwider?

Friedlich wirkt auch die alte Frau mit den blauen Haaren, die da in ihrem Elektrorollstuhl in der Fußgängerzone sitzt und ihr schönes, altes Gesicht in die Sonne hält. Auf ihrem Schoß liegt dösend ein winziger schwarzer Hund, dessen Nacken sie bedächtig grault. Schweigend, mit geschlossenen Augen, wartet sie wie jeden Tag, dass hinter ihr der Supermarkt öffnet und die Kassiererin ihr Milch, Zeitung und Brötchen nach draußen bringt. Das Geld dafür ist schon abgezählt. Plötzlich entwindet sich der Hund ihrem Griff, springt ihr vom Schoß und kläfft einen lethargischen Setter an, der in der Ferne vorübertrabt. Die Alte öffnet die Augen, ihr Gesicht reißt mitten entzwei, und sie beginnt laut zu kreischen. Sie beschimpft ihren Hund, nennt ihnen einen Drecksköter, einen verdammten Mistkrüppel, zerrt an der Leine, dass der kleine Körper durch die Luft wirbelt und gegen den Rollstuhl schlägt, hat ihn schließlich wieder bei sich und drischt, immer weiter schreiend, minutenlang mit dem losen Ende der Leine auf ihn ein. Die Leute gehen vorüber, schauen kurz hin und schnell wieder weg. Niemand sagt etwas. Die alte Frau ist ja behindert. Deutschland ist ein schönes Land.

Zäh fliessender Verkehr. Ich höre die Nachricht auf der Autobahn. Drüben auf der Wiese startet gerade ein Graureiher, überfliegt die A 3 und landet auf dem Dach einer alten Scheune. Daneben eine Miete, bedeckt mit weißen Plastikplanen. "Am 1. Mai gegen Nazis" hat jemand in riesigen schwarzen Lettern darauf gesprayt. Das Programm im Radio wird unterbrochen.

Die Erregung in den Stimmen der Moderatoren ist nicht zu überhören. Fast möchte man, was da mitschwingt, Geilheit nennen. Plötzlich sind sie wichtig. Haben uns etwas Unerhörtes, etwas Nie-da-Gewesenes mitzuteilen. Nicht mehr bloß Effenberg, Uschi Glas und Frühlingsdiäten. Achtzehn Tote heißt es zunächst, habe es im Erfurter Gutenberg-Gymnasium gegeben. "Das ist nicht die Art, wie wir uns das Projekt 18 vostellen", sagt der FDP-Abgeordnete Ralf Witzel, dessen Partei bei den kommenden Bundestagswahlen 18 Prozent der Wählerstimmen anstrebt. Nein, es gibt nicht einmal mehr die kleine Stille nach dem Sturm, das kurze Schweigen nach der Katastrophe. Die Medienmaschine läuft. Wie geölt. Sie sind sofort zur Stelle, die Trauerprofis und Ursachenforscher, die Gewaltspezialisten und Staatssekretäre. Die Reporterin, die eben noch mit Grabesstimme vom Ort des Geschehens berichtet hat, flötet wenige Sekunden später, nicht ahnend, dass sie noch auf Sendung ist, ihren Kollegen ein fröhliches "Tschühüss" ins Mikrofon. Es war dieser kurze Gruß, der den großen Rest als Simulation kenntlich machte.

ALLES über das Verbrechen. Gleich in Radio FFH. Als wisse irgendwer schon mehr, geschweige denn ALLES. Aber nein, wir sollen ja dranbleiben, jedenfalls bis zur nächsten Werbung, also darf, was uns versprochen wird, keinesfalls weniger als ALLES sein.

Und abends wie immer auf allen Kanälen: Sondersendungen, Extras, Brennpunkte. Genüsslich werden die Zauberworte ein ums andere Mal wiederholt. Amoklauf, Massaker, Blutbad, Killermaschine, Pumpgun. Es ist, als hätten auch die seriöseren Journalisten nur auf den Moment gewartet, sich mit Behagen der Wortwahl des Boulevards ergeben zu dürfen.

Nichts sei mehr, wie es war in Deutschland nach diesem 26. April, sagt ein Kommentator im Radio. Ach was. Die Opposition fordert "endlich Maßnahmen", die Regierung will "sorgfältig prüfen". Alles wie immer. Und in den Abendnachrichten wird im Proporz getrauert: Schröder, Rau, Stoiber, Westerwelle. Ein Zoom auf die Tränen der Hinterbliebenen. Die Voyeure des Leids, die Maulhelden der Betroffenheit haben Hochkonjunktur. "Wo wird denn noch kommuniziert?", fragt ein Staatssekretär. Wo wird denn nicht kommuniziert? Wie wäre es stattdessen mit: reden. Oder besser noch: schweigen. Aber selbst Bayerns Innenminister Beckstein hat ihn drauf, den Dumm-dumm-Slang der Encounter-Groups: "Es hat mich schon betroffen gemacht ..." sagt er und fordert, dass wir den Fernseher abstellen, wenn es gewaltätig wird, um jenen die Quote zu verderben, die seine Partei mit Macht installiert hat.

Trotzdem merkwürdig, dass außerhalb der Medien kaum jemand über die Tat von Erfurt sprechen mag. Hat uns das Ausmaß der Brutalität die Sprache verschlagen? Würde eine ernsthafte Suche nach den Ursachen womöglich zu tief rühren an unsere Art zu leben? Oder schweigen wir, weil uns das Dauerbombardement der Bilder und Worte, die uns aus dem Fernsehen erreichen, so schamlos vorkommt? "Jetzt ist es schon zwei Stunden her", sagte eine Schülerin kurz nach der Tat in die Kamera, "und ich kann es noch immer nicht begreifen." Es war wohl einer der wenigen würdevollen Momente dieser Woche, als für einige Minuten niemand etwas sagte, als auf der Trauerfeier in Erfurt die Staatskapelle Weimar den zweiten Satz von Schuberts Unvollendeter spielte.

Hat eigentlich irgendwer noch vor irgendetwas Angst? Ich bin mir nicht sicher. Und wenn es sie noch gibt, dann ist die "tschörmen ängst" mal wieder so diffus, so allgemein und wenig fassbar, dass sie garantiert vor Einsichten schützt und vor Konsequenzen bewahrt.

Ein paar Tage nach der Tat, als es nichts Neues mehr zu berichten gibt, sucht die Bild-Zeitung in ihrem Aufmacher nach einem "Killer-Gen". Zehn Zentimeter tiefer streckt schon wieder die "leidenschaftliche Naschkatze" Verena ihre "Sahnestückchen" in die Kamera. Angesichts der grenzenlosen Obszönität dieser Art von Journalismus wundere ich mich wirklich, warum ich so friedlich bin.

Eine seltsame Stimmung hat sich breit gemacht im letzten Jahrzehnt. Seit der Gegner im Osten fehlt, scheint das eigene Selbstverständnis zu erodieren. Mit dem Feindbild ging auch das Freundbild verloren. Wem das Andere nicht mehr vorstellbar ist, dem wird das Eigene fremd. Nun steht man da wie das Schaf im Regen und weiß nicht weiter. Wo es keine politischen Alternativen mehr gibt, bleibt man auf die persönlichen verwiesen. Und wer nur die Wahl hat zwischen Stoiber und Schröder, könnte, wenn er jung ist oder sich auch nur einen Rest politischer Unbescheidenheit bewahrt hat, leicht auf den Gedanken kommen, überhaupt keine Wahl zu haben. Das heißt aber auch: keine Zukunft, die über die Frage nach dem persönlichen Wohl hinausgeht. Und wenn das dann noch gefährdet ist, wegen eines verpfuschten Abiturs, wegen bevorstehender Arbeitslosigkeit ... Wer jung ist, steckt - im Normalfall - voller produktiver Energie. Wenn diese oft genug zurückgewiesen wird, lässt sie sich leicht in kriminelle Energie umwandeln.

1. Mai, Frankfurt. Auf der windigen Hanauer Landstraße haben sich zwischen McDonald's, Teppichcenter und Heimwerkermarkt ein paar hundert Demonstranten versammelt, um den Aufmarsch der Freien Kameradschaften zu verhindern. Auf der A 66, heißt es, würden Reifen brennen. Der Polizeihubschrauber kreist, die Wasserwerfer werden in Stellung gebracht, dennoch bleibt es ruhig im Kessel. Wirklich zu fürchten scheint sich niemand vor dem martialischen Auftreten der Ordnungskräfte. Ziemlich jung sind die meisten Demonstranten und ziemlich schwarz gekleidet. Christen sind dabei, Globalisierungsgegner, Autonome, viele Schüler, sogar ein paar Alte aus dem Widerstand. "Deutsche Polizisten schützen die Faschisten", ruft jemand, aber keiner will einstimmen. Naiv ist manches, was hier gerufen wird, manches auch dumm. Trotzdem hat man den Eindruck: Wenn es noch ein paar Leute gibt, denen Politik mehr bedeutet, als alle vier Jahre ein Kreuz zu malen, dann sind sie heute hier. Um 11.30 Uhr dann die Nachricht: Die Nazis haben aufgegeben. Es wird gelacht und geklatscht. Man hat etwas erreicht und eine Menge gelernt.

Abends ein Fernsehbild von den Straßenschlachten in Berlin. Ein verletzter Polizist im Kampfanzug wird von zwei Kollegen in Sicherheit gebracht. Im Vordergrund sehen und hören wir einen Mann, der auf seinem Saxofon eine jaulende Version des Deutschland-Liedes spielt. Es ist wie damals, als Jimi Hendrix auf seiner E-Gitarre die amerikanische Hymne zersägte.

Es hätte ein ruhiger Nachmittag werden können. Es ist warm, aber der Regen tropft auf das Dach der Pergola. Nach einem guten Essen dösen wir im Garten von Freunden vor uns hin. Dann, unvermittelt, das: "Es wird Zeit, dass die Juden mal wieder ordentlich was auf die Fresse kriegen", sagt einer, dem man bislang nichts angesehen hat. Er korrigiert sich gleich. Er meine die Israelis, nein, die israelische Regierung. Aber es sei doch wahr. Und dass die Juden ungemein habgierig seien, könne ja wohl selbst ich nicht bestreiten. Im Gegensatz zu den Muslimen, die nicht einmal Zinsen nehmen dürften. Wie gesagt, mein Freund war bis dahin nicht auffällig geworden. Hat mal die SPD, mal die Grünen gewählt. Und es fragt sich, welche Programmierungen ihn mit einem Mal etwas sagen lassen, das seinen bisherigen Überzeugungen so zuwider läuft. Was bricht da auf? Und warum gerade jetzt? Von ganz rechts bis ganz links ist es der ganze alte deutsche Chor, der da - unter dem Vorwand, Scharons Palästina-Politik kritisieren zu wollen - gerade wieder laut wird im Land.

Dortmund ist Meister. Es hätte schlimmer kommen können. Oh, wie ist das schön. Der dicke Calmund weint. Heute Abend im Fernsehen: Teufelskreis der Gewalt, Premiere des Schreckens, Mörderische Schwestern, Tod in Miami, Der Tod kommt mit der Post, Söldner des Todes.

"Deutschland ist ein schönes Land", sang Rio Reiser vor 16 Jahren. Und fügte hinzu: "Bei Nacht."

Matthias Altenburg ist Schriftsteller und lebt in Frankfurt a. M. Zuletzt erschien sein Buch "Alles irgendwie Sex" (Kiepenheuer & Witsch)




(c) DIE ZEIT   20/2002   


 
 





 
 
 
 




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