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Es sind unsere Kinder

Gewalt unter Jugendlichen - ein Abbild der Gesellschaft - vom 8. April 1998

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wann das wohl einmal enden wird? Die Kinderkriminalität nimmt zu. Die Delinquenten werden immer jünger. Jetzt werden schon Zwölf- und Vierzehnjährige straffällig. Vor kurzem häuften sich in der Leistikow-Schule in Berlin-Zehlendorf die Morddrohungen gegen Lehrer dermaßen, daß der Direktor die Polizei rufen mußte. Es war die erste große Razzia in einer deutschen Schule. Neunzig Polizisten stürmten die Schule, unterzogen die Schüler der siebten und achten Klasse, dreizehn bis fünfzehn Jahre alt, einer Leibesvisitation, suchten und fanden Pistolen, Messer, Drogen. Sieben Schüler wurden in Handschellen abgeführt. Auch in vielen anderen Schulen, so ergab eine Bonner Studie, kommen die Täter mit Baseballschlägern, "Butterfly-Messern", Gaspistolen und Schlagringen zum Unterricht; die Opfer wappnen sich dagegen mit Reizgas.

Seit sich im Januar des vorigen Jahres der siebzehnjährige Mirko Schubert aus Verzweiflung vor die Hamburger S-Bahn geworfen hat, ist den Bürgern klargeworden, in welchem Zustand der Angst und Einsamkeit ein Teil der Jugend lebt. Der Siebzehnjährige war über Monate erpreßt und schikaniert worden - er wurde immer stiller, immer blasser und trauriger. Keiner wußte, was mit ihm war; er sprach zu niemandem, weil seine Erpresser erklärt hatten: "Ein Wort, und du bist erledigt" - eine Drohung, die nach allem, was er hatte durchmachen müssen, sehr glaubwürdig klang.

Die Hemmschwelle ist niedrig geworden. Mord, der Tod eines Menschen, scheint seine Schrecken verloren zu haben. In einem Münchner Heim beschlossen drei Mädchen, denen ein Ausflug in die Stadt verboten wurde, die dafür Verantwortliche "abzustechen"; einem glücklichen Zufall war es zu danken, daß dieses Vorhaben nur zu einer schweren Verwundung führte. In Schwedt hat eine Fünfzehnjährige mit Hilfe ihrer Freunde eine Dreizehnjährige "bestraft", weil diese etwas Falsches behauptet hatte. Das Mädchen überlebte die Messerstiche nicht - es starb nach sieben Tagen Koma.

Die Berichte von Landeskriminalämtern, Jugendpsychologen und Polizei variieren in den Zahlen, doch alle bestätigen eine Zunahme von Gewaltdelikten. Diebstahl in Läden, das gab's immer, neu ist die Zunahme von Gewaltverbrechen. Nach Angaben der Kripo ist im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg die Zahl der Straftäter bis vierzehn Jahre um zwölf Prozent auf 13 000 gestiegen. Alle sprechen von einer "Dunkelziffer", weil die Schüler aus Angst vor ihren Erpressern die Vorfälle weder in der Schule noch zu Hause melden. Viele Lehrer schweigen ebenfalls, weil sie Sorge haben, der Ruf ihrer Schule könnte gefährdet, das Schulhaus sogar geschlossen werden.

Wenn man nur die Berichte der vergangenen Monate nimmt, kommt man aus dem Erschrecken nicht heraus. In Harburg hat vor vierzehn Tagen ein Vierzehnjähriger zuammen mit seinem Freund und einem Onkel die eigene Großmutter überfallen, beraubt und dann erdrosselt. In Hofheim in Hessen gab es beim Zusammenstoß zweier Gruppen sechs Schwerverletzte - einer der Schläger, ein Fünfzehnjähriger, hatte seinem Opfer den Schädel zertrümmert. In Hamburg-Horn wurde der vierzehnjährige Johannes monatelang fast jede Woche von einem gleichaltrigen Türken erpreßt - mal um zehn, mal um zwanzig Mark. Der Erpreßte verzweifelte, wurde immer bedrückter, aber er schwieg aus Angst. Nur durch einen Zufall wurde er schließlich erlöst.

Übrigens haben alle Untersuchungskommissionen, Fachleute und Schulpsychologen festgestellt, daß das Muster stets das gleiche ist, ob in Großstädten oder auf dem Land, ob in Schulen mit oder ohne Ausländer; auch in den neuen Bundesländern entwickelte sich mit einem gewissen Phasenverzug das gleiche Szenario. Zwei Fragen drängen sich auf. Erstens: Warum diese Brutalität? Zweitens: Was kann man dagegen tun? Warum soviel Gewalt? Das Münchner Institut für Schulpädagogik hat die Leiter von 3600 bayerischen Schulen befragt. Deren Erklärung: fehlendes Unrechtsbewußtsein, Intoleranz, extreme Ich-Bezogenheit. Eine Sozialpädagogin meint, die Verwahrlosung der Eltern-Kind-Beziehung sei mit schuld, weil der Kontakt auf das Nötigste beschränkt werde. Der Leiter eines Mädchenheims fügt hinzu: "Die Eltern finden ihre Rolle nicht mehr, seit sich die Grenzen zwischen den Generationen verwischt haben." Und alle miteinander beobachten die Folgen des Fernsehens: Viele Kinder meinen, die Wirklichkeit sei ein Abbild der Filme und des Fernsehens. Insofern ist Gewalt für sie ein normales und probates Mittel zur Lösung von Konflikten.

Und die zweite Frage: Was kann man tun? Der Versuch, allein mit Verbot und Strafe etwas zu erreichen, ist hoffnungslos. Seit zwei Jahren finden sich darum allenthalben Organisationen und Privatpersonen zusammen, um durch Antigewaltprojekte, Präventivmaßnahmen und das Aufzeigen von Alternativen bei Konflikten Versöhnung zu bewirken. In Hamburg-Wilhelmsburg läuft ein solches Aktionsprogramm, an dem mehr als dreißig Institutionen teilnehmen, desgleichen in Berlin und Bayern. Für Kinder muß es feste Regeln geben und glaubwürdige Vorbilder, die deutlich machen, was man tut und was man nicht tut. Aber gibt es dies in der Welt der Eltern?

Wenn die Gesellschaft keine verbindlichen ethischen Maßstäbe hat, wenn sich alles um den materiellen und kommerziellen Erfolg dreht, wenn Mitglieder des Vorstands einer Großbank wegen Steuerhinterziehung zurücktreten und gegen Hunderte von Ärzten wegen Betrügereien ermittelt wird, dann kann man von Jugendlichen nicht viel erwarten.

Schlußfolgerung: Wir müssen erst einmal unsere Gesellschaft zivilisieren, für eine humane Dimension des Zusammenlebens sorgen und für mehr Interesse an geistigen und kulturellen Dingen. Dann wird sich auch das Bild der heranwachsenden Jugend verändern. Ob dies schnell genug geschieht, hängt allein von uns ab.



8. April 1998 (c) ZEIT.DE


 
 





 
 









 

 


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