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H A S S

Das Kasperle der Grausamkeit

Die Popkultur soll schuld sein am Amoklauf in Erfurt. Doch Zensur ist keine Lösung. Gegen den Hass hilft nur ein ganz neues Verständnis für die ewige Rebellion der Jugend

Von Thomas Groß

Die Zeit seit der Tat sei zu kurz, um zu verstehen, sagen Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums vor laufender Kamera, und das Pappschild fragt "Warum?". Anderen war sie zu lang, sie riefen auf der Stelle nach "Konsequenzen". Knapp zwei Wochen, das sind auch zwei Wochen der Politikerrunden, der Expertenbefragungen, der laizistischen wie professionellen Einschätzungen - und der Rezepte: Gewaltvideos und Computerspiele hat man bei dem Täter gefunden, auch einige Heavy-Metal-CDs der blutrünstigeren Sorte. Bis auf weiteres stehen sie unterm dringenden Verdacht der Beihilfe zum Amoklauf.

Dass die Politik nicht ohne den Verbotsreflex auskommen würde, war zu erwarten und folgt der Logik des Populismus. Aber auch weniger schnell schießenden Instanzen graut dieser Tage vor der Popkultur. In den Newsgroups und Chat-Foren des Internet hat Frank Schirrmacher den "Kern jener ,Hass'-Industrie" fixiert, "über die künftig zu reden sein dürfte" (FAZ vom 30.4.02). An gleicher Stelle erkennt Dietmar Dath, passionierter Heavy-Metal-Hörer und Exchefredakteur des Popmagazins Spex, in der Seelenruhe des Teenage-Mordens eine Melodie, die die "Hassindustrie" vorgespielt hat. Ein neuer Sound mischt sich auch von liberaler Seite in das öffentliche Räsonieren über das Schicksal jugendlicher Delinquenten, ihr Tenor: Wer Monstern in den Medien freien Lauf lässt, erzeugt am Ende Medienmonster.

Bemerkenswert daran ist nicht nur, dass die spontane Identifikation mit den Usern, den Pickligen und Pubertanden, die lange zum guten Ton der Popkulturkritik gehörte, aufgekündigt ist. Das Verhältnis von Fantasie und Tat steht erneut zur Debatte. Wenn die Optik des Konsumenten zunehmend medialer wird, nähert sich die Wirklichkeit dann nicht der Simulation? Und wenn die Trennung zwischen unmittelbarer Lebenswahrnehmung und inszenierter Lebensdarstellung verschwimmt, liegt es dann nicht nahe, den Film wahr werden zu lassen? So wurde schon 1999 im Falle von Littleton, Colorado, dem ersten global wahrgenommenen Teenage-Massaker an Schulen, laut über die "Mitschuld der Medien" nachgedacht. Und tatsächlich: Mit dem gut gemeinten Ratschlag an Eltern, ihren Kindern tief in die Augen zu blicken, wird es nicht getan sein. Längst ist ein Teil ihrer Erziehungsgewalt an Bilder und Töne übergegangen.

Dass Robert Steinhäuser einen Lebensfilm inszeniert hat - vieles spricht dafür. Auf zu evidente Weise ähnelt seine Tat dem Drehbuch von Hollywood-Filmen, der virtuellen Realität eines Videos. Ein Racheengel, der da bewaffnet durch die Flure der Schule zog, die ihn verstoßen hatte, und seine Lehrer erschoss, ohne Anteilnahme für die Opfer, sonst hätte er früher aufgeben müssen. Stattdessen gefiel er sich in der Rolle des einsamen Regisseurs, der seine Fantasien mit unheimlicher Leichtigkeit ins Reale hinüberspielen lässt. Die Pumpgun erinnert an Schwarzenegger, der schwarze Kampfanzug an Ninja-Kämpfer. Noch das Schlussbild seines Showdowns ist ein Zitat. "Für heute reicht's" - mit solchen Worten legt ein erschöpfter Spieler den Joystick aus der Hand.

Die Stilisierung zur Kunstfigur entspricht einer Praxis, die die Poptheorie beschäftigt, seit der Teenager als konsumfähiges Subjekt entdeckt wurde. Risse und Leerstellen des Selbstbildes werden durch Leihgaben von außen ins Heroische umgedeutet. Identität im Zeichen von "Style" ist Ergebnis eines Bastelprozesses, für den die Kultur ein ganzes Arsenal von Symbolen, Ritualen und Praktiken bereitstellt. Für den, der es versteht, die Zeichen handzuhaben, enthalten sie das Versprechen, dem Alltag auf magische Weise wenigstens für Momente zu entkommen. Lange war die sprichwörtliche Straße Ort dieser Verwandlung, waren es Kinos, in denen man sich auf den billigen Plätzen zurücksinken lassen konnte, Tanzböden und Kinderzimmer, in denen Musik lief. Neuerdings sind es auch Konsolen, die die verschiedenen Medien im Guckkastenformat miteinander vereinen.

Der Flirt mit dem Bösen

Popkultur hat schon immer mit der Überschreitung geflirtet, auch mit dem Bösen und Anderen - von Jim Morrison, der seine Psychodramen auf offener Bühne ausagierte, bis hin zu Alice Coopers kleiner Horrorschau und anderen. Sie spielt in einer Gegenwelt, die von Eigenliebe gewärmt ist und nicht selten von Grausamkeitstheatralikern bewohnt wird. Das Uneindeutige, das Polymorph-Perverse, das Egozentrisch-Narzisstische, das bekanntlich auch im Teenager steckt: In der Popkultur findet es ein Forum. Sie theatralisiert Wünsche, die gegen die Majoritätskultur gerichtet sind und von keinem Verständigungsdiskurs gezähmt werden wollen. Mit Sympathie für den Teenager gesprochen: Sie handelt von nichts anderem als dem Versuch, übermächtigen Autoritäten gegenüber ein wenig Würde zu bewahren. Wenn sie die Details nicht verstehen - gerade gut! Und wenn die Provokationsspirale dabei angezogen wird - umso besser! Allerdings ist es ein weiter Weg von den Style-Games der Sechziger und Siebziger nach Erfurt.

Man kann die Geschichte als Desillusionierungsprozess ihrer Interpreten beschreiben, als wiederkehrenden Alb- und Gegentraum der Popkultur, als allgemeine Dampfkesseltheorie der Modernisierung, die zu Explosionen führt, "wenn der Druck steigt" (ZEIT Nr. 19/02), als soziales Rührstück oder auch als Evolution des Medialen ins Intrapsychische - immer bleibt ein Rest. Nicht auszuschließen, dass die ultrabrutalistische Metal-Band Slipknot, deren Songzeile "People = Shit" auf ein irreduzibel schlichtes Menschenbild schließen lässt, dem Täter aus der Seele gerockt hat, doch, um es noch einmal zu sagen: Millionen Teenager hören es auch und schießen nicht. In manchem ähnelt die Geschichte Robert Steinhäusers der des Schockrockers Marilyn Manson: Auch der beschreibt sich in seiner Biografie The Long Hard Road Out of Hell im Stile eines (Anti-)Bildungsroman als Racheengel, der aus dem Kinderzimmer kam, doch ist er eben kein Mörder, sondern Rockstar und Oberzeremonienmeister im Kasperletheater der Grausamkeit.

Auch die vielen Expertisen, die versendet wurden, kulminierend in der Ausgrabung des "Killer-Gens" durch die Bild-Zeitung, haben mehr beschwörenden als erklärenden Charakter. Momentan scheint die Abstumpfungsthese den Sieg im Streit der Empiriker davongetragen zu haben, die in etwa besagt, der Konsum von Ballerspielen vermindere die soziale Hemmung und das Mitgefühl mit den Opfern (Süddeutsche Zeitung vom 30. 4./1. 5. 02). Doch zuvor schon gab es die Katharsisthese und die Stimulationsthese und davor wiederum die These, alles hänge am "sozialen Umfeld". Bei dem User von Ballerspielen und Gewaltvideos scheint es sich um ein ebenso wankelmütiges wie flüchtiges Wesen zu handeln - was auch mit seiner relativen Unsichtbarkeit zu tun haben mag. Längst ist die alte Popöffentlichkeit in eine Vielzahl von Stämmen zerfallen, die, oft noch unterteilt in Subzirkel und Spezialstkultgemeinden, unter hypermedialen Bedingungen zu einer Tauschwirtschaft zurückgekehrt ist und, neben Schulhöfen und Freundeskreisen, spezielle Ecken des Internet bewohnt. Der Forscher, der dieses weite Feld überblickt, muss erst noch erfunden werden.

Trotzdem ist das Internet so wenig wie die Popkultur im Allgemeinen einfach Ort einer "Hasskultur", die um sich greift und bald den letzten Teenager verdorben haben wird. So wenig der Einfluss von Bildern und Tönen zu bestreiten ist, so komplex muss er gedacht werden. Und so wenig Bemutterung hilfreich ist, umso mehr geht es um Aufklärung. Die Schwierigkeit besteht darin, Prozesse zu verstehen, die von der technischen Entwicklung wie der Kapitalisierung des Vergnügens, von der die Popkultur lebt wie keine andere, beständig vorangetrieben und überholt werden. Wenn die Forschung angekommen ist, ist der Pop längst wieder woanders. Nicht nur in dem Punkt ist er Avantgarde.

Verbotsforderungen bedienen in dieser Situation einerseits populistische Reflexe, sie sind aber auch selbst Ausdruck magischen Denkens, das mit den Bildern zugleich die Taten bannen will. Aus den Augen, aus dem Sinn - das ist die simplizistische Logik, mit der Antriebe und Handlungen weggezaubert werden sollen. Die amerikanische Journalistin Marcia Pally hat bereits Anfang der neunziger Jahre bemerkt, dass das Allheilmittel der Zensur in den USA zu unheiligen Allianzen zwischen christlichen Fundamentalisten und verunsicherten Liberalen geführt hat, die, unter dem Deckmantel der Sorge, darauf abzielten, mit der Inkriminierung von hate speech und Pornografie auch künstlerisch explizite Darstellungen der Öffentlichkeit fernzuhalten. Wenn hierzulande Stimmen laut werden, die bereits so harmlose Sendungen wie den öffentlich-rechtlichen Tatort indizieren wollen, mag man sich nicht ausmalen, wie die geforderten "Konsequenzen" sich auswirken könnten.

Wenn etwas zu fordern wäre, dann nicht weniger Pop, sondern tatsächlich mehr und bessere Popkritik. Eine Kritik müsste dies sein, die nicht nur herbeizitiert wird, wenn ein schockierendes Ereignis akuten Erklärungsnotstand nach sich zieht, um Tage später wieder in Vergessenheit zu geraten. Und mit der Verdoppelung jugendlicher Attitüden dürfte sie sich auch nicht zufrieden geben. In dem Maße, in dem Pop sich universalisiert hat, wäre sie eine Art Gesamtgegenwartskritik - die freilich in den Sternen steht. Bis es so weit ist, müssen die kognitiven Dissonanzen ertragen werden, die das Unbehagen in der Popkultur mit sich bringt, auch wenn es schwer fällt. Nichts kränkt eine Gesellschaft, die so viel über sich zu wissen meint wie unsere, mehr als Ratlosigkeit.





(c) DIE ZEIT   20/2002   


 
 





 
 






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