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B I L D U N G

"Die Lehrer kämpfen für uns"

Wie Schulversager an einer Kölner Schule im zweiten Versuch doch noch zu einem Abschluss kommen

Von Marion Werner

Diese Schule ist das Beste, was mir je passiert ist", sagt Markus. Er ist 19 Jahre alt und macht seinen Hauptschulabschluss nach - an einer "Schule der Zweiten Chance". So nennt sich ein Projekt der Tages- und Abendschule (TAS) in Köln-Mülheim. Wer hieran teilnimmt, hat schon einmal versagt, denn er hat keinen Schulabschluss. Neun Prozent der Schulabgänger in Deutschland teilen dieses Schicksal und haben deswegen kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Auf dem Schulhof der TAS geht es bunt zu. Türken, Italiener, Deutsche, Kurden und Schüler vieler anderer Nationalitäten unterhalten sich in kleinen Gruppen oder schlendern herum. Die Mädchen tuscheln, die Jungs demonstrieren in Machoposen ihre Stärke. Gesprächsfetzen in Türkisch, Deutsch und Kölsch schwirren durch die Luft. "50 Nationalitäten sind hier an der TAS vertreten", verkündet stolz ein im Foyer eingerahmtes Informationsblatt. Angesichts dieser Zahl scheinen Konflikte programmiert. "Bemerkenswert an unserer Schule ist, dass wir zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen fast keine Auseinandersetzungen haben", sagt Bert Pelzer, Schulleiter der TAS. Gegen den Gedanken der Ghettoschule verwahrt er sich. "Ein Grundgedanke dieser Schule ist die Integration ausländischer Schüler. Das geht nicht allein mit Ausländern; dazu brauchen Sie auch deutsche Schüler." So hat sich im Laufe der Jahre ein Verhältnis von 45 Prozent ausländischer zu 55 Prozent deutscher Schüler an der TAS eingependelt.

Für Markus sind das immer noch zu viele Ausländer. Er hat schon an seiner früheren Schule Probleme mit nichtdeutschen Mitschülern gehabt. Allerdings, räumt er ein, komme er hier an der Schule mit den Ausländern besser zurecht. "Die Lehrer achten sehr darauf, dass es keine Probleme zwischen deutschen und ausländischen Schülern gibt." Die Schüler sitzen in den Klassen gemischt: der Marokkaner neben der Kurdin, die Deutsche zwischen einem Russen und einer Italienerin. Eine türkisch sprechende Schülerin wird schon einmal in der Cafeteria von einem Lehrer mit den Worten gerügt: "Das ist Rassismus, Serap, wenn du eine Sprache sprichst, die nicht alle am Tisch verstehen."

Edith Cresson, damals Europäische Kommissarin für Bildung, hob 1995 die Schulen der Zweiten Chance aus der Taufe. Als europäisches Netzwerk angelegt, gliederten sich überall in Europa Schulen dieser Idee an, alle mit dem gleichem Ziel: die Ausgrenzung von Jugendlichen durch Bildung zu bekämpfen. Marseille war Vorreiter; es folgten Leeds in Großbritannien und Hämeenlinna in Finnland, Schulen in Dänemark, Spanien, Griechenland und Italien. Die Kölner Schule besteht seit 1997 und ist mit 400 Schülern die größte in Europa.

Die Schulen entstanden in Städten oder Stadtteilen, die als soziale Brennpunkte gelten. Köln-Mülheim ist so ein Brennpunkt. Mülheim zog in den sechziger und siebziger Jahren Zuwanderer hauptsächlich aus der Türkei an, die in den Fabriken Arbeit fanden. Nach und nach machten sie aus dem Viertel ihre zweite Heimat. Sie gründeten Im- und Exportläden, kleine Restaurants, Reisebüros und Juwelierläden. Für die Kinder der Zuwanderer ist Mülheim schlichtweg Heimat. Die Keupstraße dort hat das Flair von "Klein Istanbul". Aber dieses idyllische Bild ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stehen hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Bildungsnotstand.

Wer die Regeln verletzt, fliegt

Schulen der Zweiten Chance haben eine schwierige Klientel: Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, sozial benachteiligte Jugendliche von 16 bis 24 Jahre ohne Job. Wie bekommt man die gebändigt? In der TAS gibt es einen strengen Verhaltenskodex, den die Teilnehmer in Form eines Regelwerkes vor Schuleintritt unterschreiben müssen. Gewaltausübung jeglicher Art, Drogenhandel und längere Fehlzeiten und Verspätungen führen zum sofortigen Ausschluss aus der Schule! "Das muss sein", sagt der Schulleiter. "Zum einen, damit die Schule funktioniert. Zum anderen ist es wesentlich für die Teilnehmer, dass sie Grenzen aufgezeigt bekommen." Und die Schüler, wie finden die dieses strenge Reglement? "Das ist in Ordnung", sagt die 18-jährige Yeliz. "Alles andere hat keinen Sinn."

So viel Konsens zwischen Schule und Schülern verwundert. Warum rebellieren die Teilnehmer nicht? An der TAS kümmern sich zusätzlich zu den Lehrern auch Sozialpädagogen um die persönlichen Belange der Schüler, die Klassen sind mit 20 Schülern relativ klein, das Lehrerkollegium ist mit einem Altersschnitt von 40 Jahren verhältnismäßig jung, und die Differenzierungsmöglichkeiten sind enorm. Wenn etwa die Schüler eines Semesters in einem Fach große Leistungsunterschiede aufweisen, dann werden die Klassen aufgesplittet, und ein zusätzlicher Lehrer hilft den leistungsschwächeren Eleven, das Klassenniveau zu erreichen.

An der TAS seien die Lehrer viel aufmerksamer als an den anderen Schulen, sagt ein Schüler. "Die geben nicht so einfach auf, die kämpfen für uns." Und Markus fügt hinzu: "Wir haben hier mehr Respekt vor den Lehrern." Woran liegt es, dass die Lehrer so gute Noten bekommen? Ein Grund dafür ist sicher, dass sich der Schulleiter die Lehrer selbst aussucht. Weil es sich bei der TAS um eine staatlich anerkannte Ersatzschule handelt, ist er nicht auf personelle Zuweisungen der Bezirksregierung angewiesen. Die Lehrer, die an der TAS arbeiten wollen, müssen sich wie bei einem normalen Unternehmen bewerben und in einem Einstellungsgespräch überzeugen. Ein wichtiges Kriterium bei der Einstellung ist für Pelzer, dass die Arbeit mit den sozial benachteiligten Jugendlichen für die Kollegen überhaupt reizvoll ist. Dazu sei, sagt der Schulleiter, mehr Lebenserfahrung nötig, als der durchschnittliche Lehramtsanwärter mitbringt. "Unsere Verantwortung gegenüber den Schülern liegt nicht nur in der Vermittlung von Theorie", sagt Pelzer. Lebenserfahrung sei auch wichtig, um den Schülern vermitteln zu können, wie es außerhalb des Biotops Schule aussieht.

Nicht nur das Ziel der Integration durch Bildung eint die Schulen der Zweiten Chance, auch die Berufsorientierung wird großgeschrieben, die Zusammenarbeit mit Stadt, Handwerkskammern, Arbeitsamt oder Unternehmen, die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen und die Einführung in neue Technologien. Für die Berufsorientierung, die den Jugendlichen einen leichteren Einstieg ins spätere Berufsleben ermöglichen soll, wird an der Kölner Schule besonders viel getan. Einmal die Woche gibt es eine Berufsorientierungsstunde, in der die Jugendlichen zusammen mit einem Sozialpädagogen ihre Berufswünsche sondieren. Paul, 18, ist vor anderthalb Jahren als Aussiedler mit seinen Eltern aus Sibirien nach Köln gekommen. Er wirkt schüchtern und zerbrechlich, und so ganz beheimatet scheint er hier noch nicht zu sein. Aber er hat schon einen handfesten Berufswunsch. "Ich will Raumausstatter werden", sagt er, obwohl er den Beruf bis vor einem halben Jahr noch gar nicht kannte. Den hat er erst in der Orientierungsstunde kennen gelernt. Zur Berufsorientierung an der TAS zählt auch eine Einrichtung, die sich Bewerbungstreff nennt. Hier können die Schüler den Stellen- und Ausbildungsmarkt erkunden und lernen, wie man sich richtig bewirbt. Dazu gehört, dass die Berater mit den Jugendlichen Vorstellungsgespräche und Einstellungstests simulieren und die richtigen Umgangsformen einüben. Serap bekommt im Bewerbungstreff eine Antwort auf ihre dringende Frage: "Was ziehe ich bloß an für das Gespräch mit meinem zukünftigen Chef?"

86 Prozent schaffen es

Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit, Verbindlichkeit, Rechtsempfinden oder Gewaltlosigkeit können nicht in gesonderten Unterrichtseinheiten behandelt werden. "Das müssen die Lehrer selbst vorleben", sagt der Englischlehrer Alexander Schäfer. Ziel der Schule ist also nicht, den Arbeitgebern eine willfährige Arbeitsmasse zuzuführen. Es geht auch darum, den Teilnehmern Ordnung stiftende kulturelle und soziale Werte zu vermitteln.

Die Schulen der Zweiten Chance haben Erfolg. Nur 14 Prozent der Absolventen des Semesters 2000/01 an der TAS wussten nicht, was sie nach der Schule machen sollten. Die restlichen 86 Prozent hatten eine Anschlussperspektive, sei es eine Ausbildung, ein Arbeitsplatz oder weiterführende Bildungsmaßnahmen. Der Erfolg des Projektes lässt sich auch an den Gesichtern der Teilnehmer ablesen. Die Jugendlichen kommen an diese Schule, weil sie einen Abschluss brauchen. Sie bleiben, weil sie sich wohlfühlen.


(c) DIE ZEIT   29/2001   


 
 





 
 






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