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S C H U L E

Zwischen Erfurt und Pisa

Der Thüringer Amoklauf ist ein Einzelfall - und stellt dennoch das selektive Schulsystem infrage

Von Sabine Etzold, Reinhard Kahl, Ulrich Schnabel, Martin Spiewak & Astrid Viciano

Auch das Entsetzen hat eine Halbwertszeit. Woran in Erfurt derzeit niemand zu denken wagt, hat Dietmar Liesch selbst schmerzhaft erlebt. Nur zu gut erinnert sich der Schulleiter des Franziskaneums in Meißen an jenen 9. November, als dort ein 15-jähriger Schüler eine Lehrerin ermordete. Mitten im Unterricht hatte der Täter den Klassenraum betreten und seine Geschichtslehrerin erstochen. Die Mitschüler saßen geschockt in der Bank. Die Lehrerin verblutete in den Armen des Schulleiters.

Auch damals ging ein Aufschrei des Entsetzens durch das Land, auch damals brach eine heftige Diskussion über Schulsicherheit und dringend zu ziehende Konsequenzen los. Langfristig geändert hat sich kaum etwas. Zwar wurde dem Franziskaneum zunächst großzügig Geld für ein intensives Sozialprogramm bewilligt. Schulleiter Liesch richtete Klassenlehrerstunden ein, in denen nicht gepaukt, sondern miteinander gesprochen wurde. Und zwei junge Streetworker mischten sich auf dem Pausenhof unter die Schüler, um Streitereien zu schlichten und Probleme zu lösen. Doch nach wenigen Monaten strich der Landkreis kurzerhand die finanzielle Unterstützung. "Dabei können die Lehrer allein eine psychologische Betreuung ihrer Klassen nicht leisten", sagt Liesch, leicht resigniert.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Wolfgang Melzer gemacht. Der Schulforscher von der TU Dresden, der schon 1998 eine Studie über Gewalt als soziales Problem in Schulen vorgestellt hatte, wurde nach der Bluttat von Meißen plötzlich zum gefragten Experten. Politiker suchten nach Antworten, und Melzer erhielt den Auftrag zu einer Folgestudie, um "Ansätze zur Gewaltprävention" zu untersuchen und Vorschläge zu einer "Qualitätsentwicklung der Schule" zu machen. Im vergangenen Dezember kam für Melzer das Aus. Mit Verweis auf die Pisa-Studie erhielt er ein Schreiben des sächsischen Kultusministeriums, sich doch bitte künftig auf Pisa-relevante Themenbereiche wie etwa die Leseförderung in Grundschulen zu konzentrieren.

"Seit der Pisa-Studie reden alle nur noch über Leistung", empört sich der Dresdner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Melzer. "Und die Kultusministerien starren wie das Kaninchen auf die Schlange auf den 30. Juni, wenn die Daten der nationalen Pisa-Vergleichsstudie veröffentlicht werden." Der Schulforscher befürchtet schon jetzt, dass dann die ganzen Diskussionen über die Folgen von Erfurt schnell in der Versenkung verschwinden. "Jetzt dürfen sich die sozialen Mahner noch einmal zu Wort melden", kommentiert Melzer bitter, "doch nach dem 30. Juni wird auch dieser Schock bald keine Rolle mehr spielen."

Dabei weist gerade die Pisa-Studie auf den engen Zusammenhang zwischen besseren Schulleistungen und einem sozialverträglichen Schulklima hin. Um beide steht es in Deutschland nicht gut. Sicher, die Taten von Meißen und Erfurt lassen sich nicht als symptomatisch für das deutsche Schulsystem werten. Möglicherweise hätte kein noch so guter Klassenlehrer einen Zugang zu Robert Steinhäuser finden können, hätte kein Schulprogramm ihn von seinen pathologischen Gewaltfantasien heilen können. Und dennoch sagt das Massaker von Erfurt vielleicht mehr über die deutsche Schulwirklichkeit aus, als Lehrer, Politiker und Eltern wahrhaben wollen.

Wie ist es möglich, dass Wut und Verzweiflung des Erfurter Schülers unbemerkt im Verantwortungsloch zwischen Schule, Elternhaus und Freundeskreis wachsen konnten und niemand ein Warnsignal wahrgenommen hat? Wie kann es sein, dass ein Schüler, nachdem er zum zweiten Mal nicht zum Abitur zugelassen wurde, in ein biografisches Nichts fällt?

Die Verhältnisse in Erfurt sind dabei besonders ungünstig: Thüringen ist das einzige von 16 Bundesländern, in dem ein Schulverweis kurz vor dem Abitur den Weg zu einem Schulabschluss überhaupt verbaut. Dort wird - ähnlich wie das Zentralabitur - auch der mittlere Schulabschluss zentral vergeben. "Wer die Oberstufe durchläuft und dann scheitert, steht buchstäblich vor dem Nichts", sagt Andrea Schwermer, Sprecherin der Kultusministerkonferenz (KMK).

Doch zeigt dies ein grundsätzliches Problem des deutschen Schulsystems: Auch in anderen Bundesländern herrscht das Prinzip der Selektion. Schüler werden schon früh nach Leistung sortiert und damit Lebenschancen bereits nach der vierten Klasse festgeschrieben. Die Förderung schwacher Schüler kommt dabei zu kurz. "Es gibt kein anderes Land mit so homogenen Lerngruppen", stellt Pisa-Chef Jürgen Baumert für Deutschland fest, "und trotzdem sind sie uns immer noch zu heterogen." Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung legt den Finger auf die vernarbte deutsche Wunde: Wir haben Schwierigkeiten im Umgang mit Unterschieden und Abweichungen. "Im Unterricht", so Jürgen Baumert, "stören immer zwei Sorten von Antworten: die intelligente Antwort und der Fehler." Kindern und Jugendlichen würden häufig ihre Individualität und der durchaus kreative Eigensinn aberkannt.

Außerdem entlässt das selektive deutsche System die Schulen aus der Verantwortung, sich um schwierige, abweichende und eigensinnige Schüler zu kümmern. So werden Einzelne entmutigt, und in den Schulen wird schleichende Verwahrlosung produziert. Diejenigen, die Fehler machen, stigmatisiert das System zu schlechten Schülern. Sie werden vom Gymnasium in die Realschule und von dort in die Hauptschule exportiert - oder fallen wie im Extremfall des Robert Steinhäuser durch alle Raster. So müsste der Fall Erfurt auch Anlass zu grundlegenderem Nachdenken geben: Die deutsche Schule muss anders mit Verlierern und Abweichlern umgehen, die sich nicht nach der Norm verhalten. Und auch das Klima an deutschen Schulen muss sich verändern; unter anderem müssen intensivere Kontakte zwischen Lehrern und Eltern geknüpft werden. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen bringt das Unbehagen auf den Punkt: "Die Pisa-Studie war ein Anlass über ein anderes Schulverständnis nachzudenken, Erfurt ist ein anderer."

Doch in den ersten Reaktionen nach dem Massaker von Erfurt brachen gleich wieder die ewigen alten deutschen Missverständnisse auf: dass Fordern und Fördern in der Schule Gegensätze sein müssen. Dass internationale Spitzenleistung nur mit strenger nationaler Auslese zu haben ist und der Preis höherer Leistung Drill ist. Zwei Tage nach dem Amoklauf warnte Innenminister Otto Schily davor, dass sich der Druck auf die Schüler durch die Pisa-Studie nun noch erhöhen werde. Doch gerade die Pisa-Studie weist darauf hin, dass Schulleistung eng mit dem Sozialverhalten und nicht zuletzt einem gesunden Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen zusammenhängt.

Das zeigt das Beispiel des Pisa-Siegers Finnland. Dort wird nicht nur mehr Geld in Bildung investiert - 7,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes statt 5,5 Prozent hierzulande - ,sondern vor allem mehr Vertrauen in die Kinder. Das Ergebnis ist eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Kinder niemals zu beschämen und nicht zu gängeln, lautet dort die Grundidee. Respekt ist die Basis von Bildung in Finnland. "Wir brauchen in unserem Land jeden, hoffnungslose Fälle können wir uns nicht leisten", sagt der Präsident des finnischen Zentralamtes für das Unterrichtswesen, Jukka Sarjala.

Sowohl angesichts der Bluttat von Erfurt als auch im Lichte der Pisa-Studie ist also die Diskussion über eine veränderte Schulkultur dringlicher denn je. Dreh- und Angelpunkt für solch ein stimulierendes Schulklima ist dabei die Zusammenarbeit von Lehrern, Eltern und Schülern. Melzer selbst erprobt dies beispielsweise in einem Modellprojekt in der sächsischen Region Kamenz. Dort werden unter anderem Schüler berufsbildender Schulen zu Streitschlichtern ausgebildet. Die Idee: "Die Schüler sollen die Normen der Schulwelt, über die sich alle einig sind, selbst durchsetzen", erklärt Melzer. Ähnliche Ideen verfolgt man am Franziskaneum in Meißen. Dort bilden die Lehrer seit Anfang dieses Jahres Schüler zu Mediatoren aus, die nicht nur unter Gleichaltrigen Konflikte lösen, sondern auch zwischen Jugendlichen und Lehrern vermitteln sollen. Das setzt aber voraus, dass sich Schüler, Lehrer und Eltern zuvor in einem Diskussionsprozess auf allgemein verbindliche Normen geeinigt haben - wovon viele deutsche Schulkollegien weit enfernt sind.

Die Wilhelm-Bracke-Gesamtschule in Braunschweig zeigt, dass es auch anders geht. Dort haben Lehrer, Schüler und Eltern vor fünf Jahren Pflichten und Rechte festgelegt und in einen Vertrag gegossen. Forderungen nach Pünktlichkeit und Ordnung sind darin ebenso festgehalten wie "Offenheit mit anderen Kulturen" und die Erwartung, "die Schule ohne Angst zu betreten". Diese Art Selbstverpflichtung zum zivilen Umgang miteinander soll eine neue Grundlage sein für das Zusammenleben in der Schule, sagt Hartmut Lägel, Mitglied der Schulleitung. Auch für einige Pädagogen seien Sekundärtugenden wie der höfliche Umgang miteinander "gewöhnungsbedürftig" gewesen. Lange Zeit haben sich Lehrer nicht getraut, so etwas zu fordern, so Lägel. Doch heute herrscht ein größerer Konsens darüber, was erlaubt und was verboten ist in der Gesamtschule. "Das macht das Leben in der Schule einfacher."

Ein Wundermittel sind solche Schulverträge freilich nicht. Sie sind weder rechtlich bindend, noch können sie Eltern zur Mitarbeit zwingen. Doch sind solche Projekte immerhin ein Anfang, um eine "Kultur des Hinschauens" zu schaffen, die Erziehungswissenschaftler wie der Berliner Dieter Lenzen fordern. Um das Sozialklima an deutschen Schulen allerdings nachhaltig zu verbessern, wären größere Veränderungen notwendig. Der deutsche Schulalltag mit seinem halbtägigen Unterrichtsstakkato und starren Lehrplänen bietet kaum Raum für Gespräche zwischen Lehrern und Schülern. Und im üblichen Frontalunterricht - einer gegen 28 - können Lehrer individuelle Lernprobleme oder Verhaltensauffälligkeiten nur schwer entdecken.

Pathologische Einzelfälle wie in Erfurt oder Meißen werden sich dadurch zwar nie ausschließen lassen. Doch dies darf kein Argument sein, um nicht alles zu tun, um solche Taten in Zukunft so unwahrscheinlich wie möglich zu machen.





(c) DIE ZEIT   19/2002   


 
 





 
 






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