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D A S   M A S S A K E R

Süchtig nach Anerkennung

Die prekäre Normalität: Wer nicht auffällt, wird nicht wahrgenommen - ist ein Nichts

Von Wilhelm Heitmeyer

Schnell zeigen sich auch am Erfurter Beispiel wieder die typischen rituellen Erklärungsmuster: Von "Heimsuchung" spricht der Ministerpräsident Thüringens, von einem "psychisch schwer gestörten Täter" ein kriminalpsychologischer Experte per Ferndiagnose im Fernsehen.

Die erste Einordnung erklärt das Verbrechen zum quasi übernatürlichen Ereignis, die zweite pathologisiert es. Beiden Erklärungen gemeinsam ist ihre Distanz zur sozialen Realität. Es werden entlastende Deutungen geliefert, um möglichst schnell wieder "Normalität" herzustellen: Gegen eine "Heimsuchung" kann man nichts tun, weil sie schicksalhaft ist. Und pathologische Täter können von einer ansonsten angeblich intakten Gesellschaft isoliert werden.

Beide Interpretationen lassen die konstitutiven Merkmale von Gewalt unberücksichtigt: Gewalt ist eine für jedermannverfügbare und hoch effektiveRessource. Sie hat immer eine Vorgeschichte und ist stets, gegen wen sie sich auch richtet, eine Machtaktion. Diese Einsicht verunsichert ebenso wie die Tatsache, dass solche Massaker jederzeit möglich und kaum zu vermeiden sind. Um sich zu beruhigen, neigt man daher dazu, derartige Phänomene von der gesellschaftlichen Normalität abzutrennen.

Man muss sich natürlich die Frage stellen, was Gewalt hervorbringt, warum ein Mensch das Leben - auch das eigene - so radikal abwertet und so extrem auf die Demonstration von Macht setzt. Die Spur führt zum Problem der Anerkennung: Wer braucht mich? Fühle ich mich gerecht behandelt? Bin ich gleichwertig? Werden meine Gefühle akzeptiert? Diese Fragen sind existenzieller Natur, und ihrer Bedeutung nachzugehen ist ergiebiger, als nur nach Anstößen von außen zu suchen: etwa nach dem Videokonsum des Täters oder nach der Wirkung von Fernsehbildern. Solche Einflüsse können allenfalls die "Strategien" beeinflussen, die der Gewalttäter wählt. Sie sind aber meist nicht ausschlaggebend für die Entscheidung, das eigene Leben und das Leben anderer auszulöschen. Von größerem Gewicht dafür ist etwas anderes: dass der spätere Täter auf die oben genannten Fragen keine Antworten gefunden hat. Spätestens dann setzt ein äußerlich unauffälliger, zunächst verdeckter Eskalationsprozess ein, dessen Richtung zunächst offen bleibt.

Dieser Prozess kann zur Anerkennungssucht, zum Streben nach Überlegenheit führen. Auch das Ziel der Gewalttat ist die Wiederherstellung von Anerkennung. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Umwelt darauf negativ oder positiv reagiert. In der Wahrnehmung von Tätern ist es schon positiv, wenn er mit seinem Verbrechen öffentlich bekannt wird. Grandios erscheint ihnen die Aussicht, sich durch Exzesse wie in Erfurt oder Littleton (USA), aber auch durch eine Tat wie am 11. September unsterblich zu machen.

Meine These lautet: Rache als Ausdruck von Hass stellt nur ein vordergründiges Motiv für Gewalt dar. Rache ist das letzte Glied in einer langen Ursachenkette. Man hat es mit Anerkennungszerfall zu tun - mit einem Gefühl, das entweder nur befürchtet wird oder sich auf Erfahrungen stützt. Ein solcher Prozess greift die Substanz eines jeden Menschen an, wobei der Punkt, wann dieser Anerkennungszerfall einsetzt und wann er einen "Grenzwert" erreicht, von Fall zu Fall variiert. Es gibt keinen Automatismus, der in Gewalt gegen andere mündet. Das bedeutet aber auch, dass es kaum Vorwarnungen für die Außenwelt gibt. Deshalb führen solche Taten zu einer so tiefen Verunsicherung der ganzen Gesellschaft.

Der Anerkennungszerfall ist also ein Prozess und fällt nicht vom Himmel. Zentrale Normen wie die der Unantastbarkeit menschlichen Lebens respektiert der Betroffene nur noch, wenn er sich selbst von den anderen ausreichend anerkannt fühlt. Das heißt: Die Anerkennung von Personen und der Respekt von Normen stabilisieren sich gegenseitig. Dieser Prozess ist allerdings äußerst störanfällig, wenn Lehrer oder Eltern zum Beispiel das Gerechtigkeitsgefühl verletzen. Die Folgen: Soziale Bindungen, emotionaler Rückhalt können verloren gehen. Dieser Weg in die Einsamkeit kann für einen Menschen so bedrohlich werden, dass er die Folgen seines Tuns für andere nicht mehr berücksichtigt. Die anderen verlieren an Bedeutung und damit aber auch die sie schützende Norm der Unversehrtheit: Die Gewaltschwelle sinkt.

Der Prozess des Anerkennungszerfalls lässt sich am Beispiel des Massakers in Littleton nachzeichnen, wo 1999 zwei Jugendliche in einer Schule 15 Menschen ermordeten. Die beiden Täter entwickelten (gesellschaftlich durchaus prämierte) Überlegenheitsfantasien, mussten aber gleichzeitig erkennen, dass sie nicht anerkannt waren. Sie wurden ignoriert, sodass sie ihre Einstellungen zum Leben insgeheim radikalisierten: Ihr Hass entlud sich gerade an besonders anerkannten Mitschülern, den Sportlern, aber auch an den vermeintlich besonders verachteten Personen, den hispanics. Während der Tat lachten und kicherten die Mörder, um ein einziges und letztes Mal ihre Überlegenheit gegenüber denen zu demonstrieren, die ihnen Anerkennung verweigert hatten.

Wo sind die Quellen dieser Prozesse zu suchen? Ist es die anthropologische Grundausstattung? Die Forderung nach Aufrüstung der Polizei zwecks Überwachung "anfälliger" Institutionen wie Schulen, Kirchen, Stadien ist populär, zielt aber nur auf Symptome. Um in die Tiefe zu gehen, muss man bei den Bedingungen ansetzen, unter denen Jugendliche heute aufwachsen.

Diese zeigen bekanntlich ein Doppelgesicht: Die Gestaltbarkeit von Lebenswegen wird größer, aber der Gestaltungszwang nimmt zu. Allerdings ohne dass junge Menschen genau wissen, ob sie Chancen und Optionen haben - und ohne dass sie wissen, für welche davon sie sich entscheiden sollen, um in der Gesellschaft eine Stellung und Anerkennung zu erreichen. Dabei gibt es für sie drei Möglichkeiten: über Leistungen zum Beispiel in der Schule, über äußerliche Attraktivität oder über die Demonstration von Stärke. Das gesellschaftlich gültige Leitbild besagt, dass eine anerkannte Stellung nur zu erreichen ist, wenn man andere unter "Kontrolle" hat und man sich von anderen unterscheidet. Wer nicht auffällt, wird nicht wahrgenommen, und wer nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts.

Es gehört zur Ideologie der Aufstiegsgesellschaft, dass Jugendliche zumindest den Status ihrer Herkunftsfamilie erreichen müssen; am besten aber verbessern sie diesen noch. Das allerdings fällt immer schwerer, denn heute sind eher prekäre Lebensplanungen und Lebensläufe der Normalfall - und nicht mehr die Ausnahme. Ambivalenz wird zum zentralen Lebensparadigma: Die Chancen zur eigenen Lebensgestaltung steigen, aber die Berechenbarkeit der Lebensplanung sinkt. Die prekäre Normalität wird zum Normalfall.

Wir fühlen uns sicher, wenn wir von Normalität sprechen, also in unserer Welt nichts "auffällig" ist. Entsprechend groß ist die Irritation, wenn ein scheinbar "ganz normaler" Junge unfassbare Gewalt anwendet. Es liegt dann nahe, ihm den Stempel "psychisch schwer gestört" aufzudrücken: Sobald wir ihn als "Anormalen" aus unseren Kreisen ausgegrenzt haben, können wir uns behaglich zurücklehnen und uns in "unserer Normalität" wieder sicher fühlen.

Normalität - das heißt in dieser Gesellschaft: Ein Mensch identifiziert sich in hohem Maße mit den zentralen prämierten Werten wie Leistung, Selbstdurchsetzung und Aufstieg. Diese Botschaft ist auch bei den Jugendlichen angekommen und erzeugt einen hohen Druck.

An dieser "Normalität", an diesen festen wie rigiden Normen, zu scheitern ist umso schmerzhafter, je intensiver man diese Wertvorstellungen aufnimmt und verinnerlicht - also wenn man zum Beispiel mit allen Mitteln das Abitur machen will. Die Erschütterung dieser Normalität ist vorprogrammiert, wenn es nicht klappt oder wenn Statusdruck erzeugt wird, aber kaum entsprechende Statuspositionen zur Verfügung stehen. Eine mögliche Folge: Die Reaktionen des "Gescheiterten" werden - gerade wenn er sich wie bei einem Schulverweis, der tief in das weitere Leben eingreift, ungerecht behandelt fühlt - außer Kontrolle geraten. Es entsteht ein "Tunnelblick", der kaum noch ein anderes Konfliktlösungsmuster als die Gewalt zulässt. Erfurt hat deutlich gemacht, wie porös die gesellschaftliche Normalität ist, wie schnell sie erschüttert werden kann, wie sehr gerade demonstrativ zelebrierte Normalität, wie etwa die Mitgliedschaft in einem Handball- und Schützenverein, von dem persönlichen Anerkennungszerfall ablenken kann.

Die öffentliche Debatte um die Konsequenzen von Erfurt wird sich wieder einmal um schärfere Kontrollen, vor allem aber um die Werteerziehung junger Menschen drehen. Doch empirische Studien zeigen: Unabhängig von ihrem persönlichen Schicksal und ihrem Scheitern sind oft gerade Jugendliche mit eigenen rigiden Normvorstellungen besonders gewaltbereit gegenüber anderen, die diese Normen missachten. Die Aufwertung der Moral, auch der Forderungen nach Gewaltfreiheit kann schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn sich Enttäuschung über Realisierbarkeit von Lebensplänen einstellt. Überdies: Wir haben es nicht mit einem "Werteverfall", sondern mit einer Wertepluralisierung, also mit einem vielfältigen Nebeneinander von Werten zu tun. Aber auch Wertepluralisierung erzeugt Geltungsprobleme von Normen: Grenzen werden strittiger und Grenzüberschreitungen häufiger.

Die Debatte setzt auf die Verbreitung von proklamierten Werten wie Menschlichkeit und Solidarität. Doch die gesellschaftliche Realität wird von anderen Werten bestimmt, von Werten, die auch besonders belohnt werden: die Verabsolutierung von Selbstdurchsetzung, der Aufstieg um jeden Preis, der Erfolg auf Kosten anderer.

Dieser Wertefundus ist längst durchgesetzt. Und die Jugendlichen haben die Doppelbödigkeit dieser Wertedebatte längst durchschaut. Die Frage der Zukunft muss deshalb lauten: Woher bekommen junge Menschen, die nicht mithalten können, ihre Anerkennung?





(c) DIE ZEIT   19/2002   


 
 





 
 






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