Selbstmord ist bei Jugendlichen eine häufige
Todesursache.
Wenn ich Eltern die Nachricht vom Suizid ihres Kindes
überbringe, erlebe ich da völlige Fassungslosigkeit. Die
Menschen sind wirklich außer sich, und was dann
einsetzt, ist die Suche nach einer Erklärung.
Schuldgefühle sind sehr schnell das dominierende
Thema.
Das ist ja auch sehr naheliegend ...
... und natürlich fragen sich gerade Eltern:
Hätten wir das nicht vorher bemerken müssen, haben wir
uns zu wenig um unser Kind gekümmert? Der Vater von
Robert Steinhäuser wurde zitiert: »Wir haben versagt!«
Solche Sätze habe ich auch schon von anderen Vätern
gehört.
Haben die Eltern dann in der Tat versagt?
Das ist schwer zu sagen. In der Pubertät entziehen
sich die Kinder den Eltern, und das muss auch so sein:
Das Kind soll anfangen, sein eigenes Leben zu leben, und
es ist wichtig, dass Eltern das respektieren. Aber es
ist eine schwierige Gratwanderung, auf der einen Seite
das Kind sein Leben gestalten zu lassen, auf der anderen
Seite aber in Kontakt mit dem Kind zu bleiben.
Normalerweise ist das kein Problem. Wenn sich ein
Jugendlicher aber das Leben nimmt oder etwas anderes
Furchtbares tut, erlebe ich es immer wieder, und es
erschreckt mich: Viele Dinge, die Freunde wissen oder
gleichaltrige Geschwister, die wussten die Eltern
einfach nicht.
Welche Chancen und Möglichkeiten haben Eltern, um
so etwas zu verhindern?
Zuerst einmal: Jeder Jugendliche denkt über
Selbstmord nach. Er stellt nämlich irgendwann fest: »Die
Tatsache, dass ich lebe, habe ich in der eigenen Hand.«
Eine Zeit lang malt er sich aus, wie das wäre, wenn er
sein Leben beenden würde, und dann kommt er wieder auf
andere Gedanken. Es passiert aber auch, dass Jugendliche
ins Grübeln kommen und an solchen Fantasien festhängen,
etwa wenn sie besonders labil sind und meinen, mit der
Welt nicht zurechtzukommen. Dann flüchten sie sich
zwanghaft in diese Fantasien, die für sie einen
scheinbaren Ausweg darstellen und immer realer werden.
Und schließlich, dafür braucht es nicht einmal einen
besonderen Anlass, treffen sie konkrete Vorbereitungen
und töten sich. Das Problem ist, dass so eine
Entwicklung schwer zu bemerken ist, obwohl die meisten
Selbsttötungen angedeutet werden.
Wie geschieht das?
Jemand sagt: »Um mich braucht ihr euch bald keine
Sorgen mehr zu machen«, doch das verstehen Eltern erst
hinterher. Auch dass sich der Jugendliche zurückgezogen
hatte, über längere Zeit lustlos war - solche Anzeichen
werden meist erst wahrgenommen, wenn es zu spät ist. Ein
weiteres Risiko ist der Nachahmungseffekt: Wenn sich in
der Familie oder der Schule jemand getötet hat, oder
auch irgendein Idol, sind Jugendliche besonders
gefährdet. Psychologen sprechen vom Werther-Effekt.
Die Fantasie spielt beim Selbstmord eines
Jugendlichen eine wesentliche Rolle?
So ist es. Jugendliche fantasieren davon, wie sie
sich töten, wie der gehasste Lehrer, die Eltern, die
einen nicht verstehen, alle tief betroffen um das eigene
Grab stehen. Auch Robert Steinhäuser kann in solchen
Fantasien gefangen gewesen sein. Er soll Berichte über
das Massaker in Littleton auf seinem Computer gehabt
haben.
Fürchten Sie, auch die Ereignisse in Erfurt
könnten Nachahmungseffekte haben?
Es ist erwiesen, dass die Art, wie in den Medien über
Selbsttötungen berichtet wird, wesentlich damit
zusammenhängt, ob es zu Nachfolgesuiziden kommt oder
nicht. In München gibt es seit bald zwei Jahren eine
Abmachung, dass die Printmedien nicht mehr darüber
berichten, wenn sich jemand vor die U-Bahn wirft. Und
sofort hat sich die Zahl dieser Selbstmorde halbiert.
Das Interessante dabei: Die Leute nehmen sich dann nicht
anders das Leben, sondern gar nicht.
Heißt das, die Medien sollten über Ereignisse wie
in Erfurt gar nicht berichten?
Nein. Ich sehe aber eine Gefahr darin, dass die
Ursachen dieser Tragödie in den Medien zu einfach
dargestellt werden, beim Versuch, Erklärungen zu
liefern, die jeder sofort versteht. Unglücklich
verliebt, schlecht in der Schule, böse Eltern - so etwas
reicht nie aus, um einen Suizid zu erklären. Da kommen
viele Faktoren zusammen, auch psychische Erkrankungen
können eine Ursache sein. Aber je simpler solche
Erklärungen sind, umso gefährlicher sind sie. Das führt
dazu, dass sich auch andere Jugendliche sagen, ja, ich
bin auch schlecht in der Schule, mir geht es ja genauso
wie dem armen Kerl, und der hat eine Lösung gefunden -
sie identifizieren sich mit ihm und ahmen ihn
schlimmstenfalls nach. Um etwas gegen Nachahmungstaten
zu tun, wäre es wichtig, die Aufmerksamkeit weg vom
Täter zu lenken und über die Trauer und Hilflosigkeit
seiner Angehörigen zu berichten. Jugendliche sollten
erfahren, wie es ihren Eltern ergehen würde, wenn sie
ihre Probleme so lösen, wie entsetzlich das ist, gerade
auch für die Eltern von Robert Steinhäuser.
Reicht das aus, um solche Taten zu verhindern?
Wir müssen es aushalten können, nicht alles zu
verstehen. Wir müssen akzeptieren, dass jeder Mensch
Geheimnisse in sich trägt. Und wir müssen uns darüber im
Klaren sein, dass es letztlich keine Sicherheit gibt, so
etwas zu verhindern. Wir müssen damit leben.