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Aktualisiert am  Donnerstag, 23. Mai 2002


 


K R I S E N M A N A G E R

»Es war Selbstmord«

Ein Seelsorger über die Tragödie von Erfurt und tödliche Fantasiewelten


Von Mari Mück-Raab (Interview)


Andreas Müller-Cyran (39) ist Psychotraumatologe, Seelsorger und Gründer des Kriseninterventionsteams München, das Opfer und Angehörige von Opfern im Auftrag von Polizei und Rettungsdiensten psychisch betreut. Auch nach dem Massaker im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt waren er und seine Mitarbeiter im Einsatz. Zu Müller-Cyrans täglicher Arbeit gehört es, Familien die Nachricht vom Tod eines Angehörigen zu überbringen.

Wie halten Sie das aus: Bei Menschen an der Haustür zu klingeln, um ihnen zu sagen, dass ein Angehöriger gestorben ist?

Natürlich ist es belastend, Eltern in die Augen zu sehen und zu sagen: »Ihr Sohn ist tot.« Aber früher, als ich noch Rettungsdienstmitarbeiter war, habe ich es als viel belastender empfunden, traumatisierte und deutlich irritierte Menschen sich selbst überlassen zu müssen. Jetzt kann ich ihnen wenigstens beistehen.

Was können Sie denn für diese Leute tun?

Es ist wichtig, dass einfach jemand da ist. Das heißt für mich, gar nicht viel zu reden, sondern erst einmal diese sprachlos machende Trauer auszuhalten. Ich bin einfach nur da, und wenn die Menschen reden wollen, höre ich ihnen zu. Ich versuche, ihnen zu erklären, was um sie herum vorgeht, damit sie das Unbegreifliche besser verstehen können. Es gibt zahlreiche Einrichtungen zur psychologischen Betreuung, an die wir die Betroffenen dann weiterverweisen.



Sie waren bei Katastrophen wie in Eschede im Einsatz, man ruft Sie nach Unfällen oder Herzinfarkten. Immer wieder werden Sie bei Selbstmorden alarmiert.

Leider ja. Jedes Jahr sterben deutlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle: über 11 000. Statistisch betrachtet werfen sich jeden Tag drei Menschen vor einen Zug. Oder nehmen Sie den Amoklauf des Schülers Robert Steinhäuser in Erfurt: Auch hier würde ich von einer Selbsttötung sprechen, einer erweiterten Selbsttötung, bei der andere Menschen mit in den Tod genommen wurden.

Bei Robert Steinhäuser waren es 16 Menschen. Ist es nicht ein wenig zynisch, da von Selbsttötung zu sprechen?

Nein: Der Wunsch, sich das Leben zu nehmen, stand hier im Vordergrund. Das war eine Inszenierung des eigenen Todes. Sicher, es gab Opfer, entsetzlicherweise. Robert Steinhäuser fühlte sich von Lehrern in seinem Selbstwertgefühl gekränkt, deshalb hat er sich Lehrer als Opfer gesucht. Um eine gezielte Rache ging es ihm nicht, er hat ja auch Lehrer erschossen, die er gar nicht weiter kannte. Er wollte offenbar nicht in aller Stille sterben, er wollte einen spektakulären Abgang, einen Selbstmord, von dem man Notiz nimmt. Aber solche Fälle gibt es häufiger. Denken Sie an den Amoklauf von Littleton, bei dem zwei Schüler 15 Menschen töteten, oder den jugendlichen Amokschützen von Bad Reichenhall - auch das waren Fälle von erweiterter Selbsttötung. Fälle, wo es Jugendlichen nicht genügte, unbeachtet in aller Stille zu sterben.


Selbstmord ist bei Jugendlichen eine häufige Todesursache.

Wenn ich Eltern die Nachricht vom Suizid ihres Kindes überbringe, erlebe ich da völlige Fassungslosigkeit. Die Menschen sind wirklich außer sich, und was dann einsetzt, ist die Suche nach einer Erklärung. Schuldgefühle sind sehr schnell das dominierende Thema.

Das ist ja auch sehr naheliegend ...

... und natürlich fragen sich gerade Eltern: Hätten wir das nicht vorher bemerken müssen, haben wir uns zu wenig um unser Kind gekümmert? Der Vater von Robert Steinhäuser wurde zitiert: »Wir haben versagt!« Solche Sätze habe ich auch schon von anderen Vätern gehört.

Haben die Eltern dann in der Tat versagt?

Das ist schwer zu sagen. In der Pubertät entziehen sich die Kinder den Eltern, und das muss auch so sein: Das Kind soll anfangen, sein eigenes Leben zu leben, und es ist wichtig, dass Eltern das respektieren. Aber es ist eine schwierige Gratwanderung, auf der einen Seite das Kind sein Leben gestalten zu lassen, auf der anderen Seite aber in Kontakt mit dem Kind zu bleiben. Normalerweise ist das kein Problem. Wenn sich ein Jugendlicher aber das Leben nimmt oder etwas anderes Furchtbares tut, erlebe ich es immer wieder, und es erschreckt mich: Viele Dinge, die Freunde wissen oder gleichaltrige Geschwister, die wussten die Eltern einfach nicht.

Welche Chancen und Möglichkeiten haben Eltern, um so etwas zu verhindern?

Zuerst einmal: Jeder Jugendliche denkt über Selbstmord nach. Er stellt nämlich irgendwann fest: »Die Tatsache, dass ich lebe, habe ich in der eigenen Hand.« Eine Zeit lang malt er sich aus, wie das wäre, wenn er sein Leben beenden würde, und dann kommt er wieder auf andere Gedanken. Es passiert aber auch, dass Jugendliche ins Grübeln kommen und an solchen Fantasien festhängen, etwa wenn sie besonders labil sind und meinen, mit der Welt nicht zurechtzukommen. Dann flüchten sie sich zwanghaft in diese Fantasien, die für sie einen scheinbaren Ausweg darstellen und immer realer werden. Und schließlich, dafür braucht es nicht einmal einen besonderen Anlass, treffen sie konkrete Vorbereitungen und töten sich. Das Problem ist, dass so eine Entwicklung schwer zu bemerken ist, obwohl die meisten Selbsttötungen angedeutet werden.

Wie geschieht das?

Jemand sagt: »Um mich braucht ihr euch bald keine Sorgen mehr zu machen«, doch das verstehen Eltern erst hinterher. Auch dass sich der Jugendliche zurückgezogen hatte, über längere Zeit lustlos war - solche Anzeichen werden meist erst wahrgenommen, wenn es zu spät ist. Ein weiteres Risiko ist der Nachahmungseffekt: Wenn sich in der Familie oder der Schule jemand getötet hat, oder auch irgendein Idol, sind Jugendliche besonders gefährdet. Psychologen sprechen vom Werther-Effekt.

Die Fantasie spielt beim Selbstmord eines Jugendlichen eine wesentliche Rolle?

So ist es. Jugendliche fantasieren davon, wie sie sich töten, wie der gehasste Lehrer, die Eltern, die einen nicht verstehen, alle tief betroffen um das eigene Grab stehen. Auch Robert Steinhäuser kann in solchen Fantasien gefangen gewesen sein. Er soll Berichte über das Massaker in Littleton auf seinem Computer gehabt haben.

Fürchten Sie, auch die Ereignisse in Erfurt könnten Nachahmungseffekte haben?

Es ist erwiesen, dass die Art, wie in den Medien über Selbsttötungen berichtet wird, wesentlich damit zusammenhängt, ob es zu Nachfolgesuiziden kommt oder nicht. In München gibt es seit bald zwei Jahren eine Abmachung, dass die Printmedien nicht mehr darüber berichten, wenn sich jemand vor die U-Bahn wirft. Und sofort hat sich die Zahl dieser Selbstmorde halbiert. Das Interessante dabei: Die Leute nehmen sich dann nicht anders das Leben, sondern gar nicht.

Heißt das, die Medien sollten über Ereignisse wie in Erfurt gar nicht berichten?

Nein. Ich sehe aber eine Gefahr darin, dass die Ursachen dieser Tragödie in den Medien zu einfach dargestellt werden, beim Versuch, Erklärungen zu liefern, die jeder sofort versteht. Unglücklich verliebt, schlecht in der Schule, böse Eltern - so etwas reicht nie aus, um einen Suizid zu erklären. Da kommen viele Faktoren zusammen, auch psychische Erkrankungen können eine Ursache sein. Aber je simpler solche Erklärungen sind, umso gefährlicher sind sie. Das führt dazu, dass sich auch andere Jugendliche sagen, ja, ich bin auch schlecht in der Schule, mir geht es ja genauso wie dem armen Kerl, und der hat eine Lösung gefunden - sie identifizieren sich mit ihm und ahmen ihn schlimmstenfalls nach. Um etwas gegen Nachahmungstaten zu tun, wäre es wichtig, die Aufmerksamkeit weg vom Täter zu lenken und über die Trauer und Hilflosigkeit seiner Angehörigen zu berichten. Jugendliche sollten erfahren, wie es ihren Eltern ergehen würde, wenn sie ihre Probleme so lösen, wie entsetzlich das ist, gerade auch für die Eltern von Robert Steinhäuser.

Reicht das aus, um solche Taten zu verhindern?

Wir müssen es aushalten können, nicht alles zu verstehen. Wir müssen akzeptieren, dass jeder Mensch Geheimnisse in sich trägt. Und wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es letztlich keine Sicherheit gibt, so etwas zu verhindern. Wir müssen damit leben.






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