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Dossier Archiv 47/1999 |
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Saat der Gewalt Leistungsdruck und Angst sind an ostdeutschen Schulen weiter verbreitet als im Westen - eine Studie von Andreas Molitor Es war eine jener Studien, bei denen schon zu Beginn das Resultat festzustehen schien: In ostdeutschen Schulen gibt es mehr Gewalt als an denen im Westen. Davon ging jedenfalls die Dresdner Forschungsgruppe Schulevaluation aus, als sie 1995 mit einem Vergleich zwischen Sachsen und Hessen begann. Der radikale Umbruch nach der Wende und die Orientierungslosigkeit im Osten machen Schüler aggressiv - so die Annahme der Forscher unter Leitung des Schulpädagogen Wolfgang Melzer. Doch das erwartete Resultat wollte sich nicht einstellen. Intensive Befragungen von Schülern und Schulleitern hüben wie drüben ergaben in Sachsen eine niedrigere Gewaltquote als in Hessen. Probleme mit prügelnden und vandalierenden Schülern kommen in Sachsen seltener vor als in Hessen. Einen Grund dafür vermuten die Autoren der Studie in der "Zählebigkeit der früheren Schul- und Erziehungskultur Ostdeutschlands": Disziplin und Autorität als Relikte des DDR-Schulsystems haben an den ostdeutschen Schulen einen - zumindest im Vergleich zum Westen - höheren Stellenwert. Anders ausgedrückt: Wo Disziplin herrscht, fühlt sich Gewalt nicht wohl. Am häufigsten findet sie (in Ost und West) in Sonder- und Förderschulen eine Heimat, am wenigsten in Gymnasien. Nur bei einer einzigen Gewaltform, Aggressionen gegen Lehrer, steht Sachsen im Vergleich zu Hessen schlechter da. "Der wachsende Stellenwert von Schüleraggressionen gegen Lehrer kann auch als zunehmender Protest gegen die zugemutete ,institutionelle' bzw. ,strukturelle' Gewalt der Schule gedeutet werden", meinen die Forscher. Als harten gewaltbereiten Kern hat Melzers Forschungsgruppe drei bis vier Prozent der sächsischen Schüler ausgemacht. Es sind die klassischen "Täter-Opfer", Schüler also, die sowohl einstecken als auch austeilen, Kinder und Jugendliche mit schwachem Selbstbewusstsein, die sich (nur) durch Gewalt Anerkennung bei den Mitschülern verschaffen wollen. Den Lehrern weisen die Forscher eine Mitverantwortung an der Schülergewalt zu. Sie fanden heraus, "dass Lehrer auch unmittelbar durch ihr Verhalten Schülergewalt verursachen, indem sie diese abwerten, etikettieren, anschreien oder gar schlagen". Solche Fälle werden aus Sachsen häufiger berichtet als aus Hessen. Wo Lehrer den Unterrichtsstoff nicht interessant und anschaulich vermitteln, wo sie Schüler ungerecht behandeln, Leistungsschwache nicht fördern, sie stattdessen vor den Mitschülern blamieren oder abstrafen, wo die Schüler Leistungsdruck empfinden und sich vorm Lehrer fürchten, macht sich das breit, was im Pädagogenjargon "negative Schulkultur" heißt: ein von Angst und Misstrauen geprägtes Klima an der Schule, ein gestörtes Lehrer-Schüler-Verhältnis. Zwischen Schulkultur und Gewalt stellten die Forscher einen "evidenten Zusammenhang" fest: "Schulen, die massiv durch Gewalt belastet sind, verfügen kaum über eine positive Schulkultur, und umgekehrt ist davon auszugehen, dass Schulen mit positiver Schulkultur in der Lage sind, der Gewalt wirksam zu begegnen und sie zu verhindern." Sächsische Schulen erhalten in puncto Schulkultur schlechte Noten. So findet nur jeder dritte Schüler, dass die Lehrer seine Schulleistungen angemessen beurteilen, nur 15 Prozent sehen im Lehrer eine Vertrauensperson, mit der sie pri- vate Probleme bereden möchten. Auch Leistungsdruck und Schulangst, so die Studie, sind "eher Charakteristika des ostdeutschen Schulsystems". Im Vergleich zu Hessen sehen die Autoren "erhebliche Unterschiede der Schulkultur, die für das sächsische Bildungssystem insgesamt sehr ungünstig ausfallen". Ernüchterndes Fazit: "Insgesamt zeigt sich ein eher kritisches Bild der Qualität des Lehrerhandelns an sächsischen Schulen." © Die Zeit
47/1999 |
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