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  Dossier
Archiv 47/1999
               




Ein angekündigter Mord

Meißener Gymnasiasten wussten, dass ihr Mitschüler eine Lehrerin töten wollte. Warum vertrauten sie sich keinem Lehrer an? Pädagogen im Osten fragen nun, ob sie sich mehr um Nöte als um Noten kümmern sollen

von Merle Hilbk; Thomas Kleine-Brockhoff; Stefan Willeke

Keiner spricht, keiner weint an diesem Ort, der vor kurzem noch ein neonheller Schulflur war, über den Meißener Gymnasiasten in ihre Klassen hetzten. Jetzt ist hier eine Kapelle, ein Ort der Andacht, von Kerzen erleuchtet. Vor dem Sekretariat liegt eine Stoffmaus in einem Meer aus Nelken und roten Rosen. An einer Säule kleben Todesanzeigen, von Schülern gemalt.

Dutzende von Teelichtern flackern zu Füßen der Schüler, die sich an diesem Donnerstag Morgen um kurz vor sieben zu einer Gedenkminute im Treppenhaus versammelt haben. Einer nach dem anderen treten sie vor die Säule und verneigen sich wie vor einem Altar. Ein paar verharren mit gefalteten Händen, bewegen stumm die Lippen. Ein Mädchen hat den Arm um eine Lehrerin gelegt, die mit zitternden Händen versucht, eine Kerze anzuzünden.

Vor zwei Tagen starb an dieser Stelle die Geschichtslehrerin Sigrun Leuteritz. Sie war tot auf dem Flur zusammengebrochen, nachdem der 15-jährige Schüler Andreas S. mit zwei Küchenmessern 22-mal auf sie eingestochen hatte.

Im Blumenmeer liegt ein Zettel: "Warum hat keiner etwas getan?", steht da in krakeliger Jungenhandschrift, und, in wirren Worten, etwas von einer verhängnisvollen Entwicklung. Dass die Tat des Neuntklässlers mehr war als eine Kurzschlusshandlung, lässt auch ein Leserbrief des Franziskaneum-Kollegiums an die Sächsische Zeitung vermuten, in dem von "unbewältigten Konflikten" die Rede ist.

Andreas S., der Täter, sagte bei seiner Festnahme wenige Stunden nach dem Mord lediglich, dass er "die Lehrerin gehasst" habe.

Wann immer sich Lehrer in diesen Tagen über ihren Beruf unterhalten - unweigerlich kommt der Mord an der Kollegin in Meißen zur Sprache. Da ist nicht nur die Trauer über ihren Tod, da ist auch der Schock über das Unfassbare, das es in Deutschland bislang nicht gegeben hat: dass die viel diskutierte Aggressivität an der Schule in den Mord eines Schülers an seiner Lehrerin münden könnte. Haben Lehrer nun allen Anlass, sich vor ihren Schülern zu fürchten? Oder war der Mord in Meißen die Tat eines durchgedrehten Teenagers - durch nichts zu verhindern? Noch behalten die Dresdner Staatsanwälte die Aussagen des geständigen Täters für sich.

Doch auch ohne das Vernehmungsergebnis zu kennen, wissen Lehrer, Schüler und Eltern von einem beunruhigenden Detail: Anders als beim Amokläufer von Bad Reichenhall war das Verbrechen in der sächsischen Kleinstadt geplant - und angekündigt. Andreas S. hatte Klassenkameraden mehrmals erzählt, er wolle seine Geschichtslehrerin töten. Mitschüler wetteten mit ihm, setzten Geld, sollen ihn sogar angestachelt haben. Dass sich keiner der Mitwisser rechtzeitig einem Lehrer anvertraute, lässt Pädagogen an sich selbst zweifeln. "Hätte man die Klasse beobachtet, wäre das nicht passiert", sagt ein Kollege der Toten. Gibt es in der Schule kein soziales Frühwarnsystem?, fragen seither Pädagogen im ganzen Land. Will sich keiner mehr einmischen, seit den Lehrern der ehemaligen DDR - aus guten Gründen - beigebracht wurde, Schule sei allein für Bildung, die Familie aber für Erziehung zuständig?

Andreas S. war das, was Mütter als "netten Jungen" bezeichnen würden. Er grüßte die Nachbarn höflich, ging regelmäßig in die neuapostolische Kirche, war stellvertretender Klassensprecher und lernte viel. "Wir haben ihn alle gemocht", sagte ein Mitschüler am Tag nach der Tat. Seine Freizeit verbrachte Andreas auf dem Fußballplatz - solange er keine schlechten Zensuren nach Hause brachte, wie ein Nachbar berichtet: "Dann durfte er nicht zum Training."

Sigrun Leuteritz war erst seit den Sommerferien seine Geschichtslehrerin. Sie schimpfte, wenn er Fehler machte. Aber das tat sie auch bei allen anderen. Ihren Schülern schärfte sie in der Abiturzeitung 1999 ein, dass "kein Leben ohne Pleiten" verlaufe, dass man sich nie hängen lassen dürfe und "jeden, jeden Mist einstecken" solle. Diese Grundsätze hat sie offenbar auch auf sich selbst angewandt. Sie sprach kaum über ihre Scheidung und die Probleme als alleinerziehende Mutter. Sie erwähnte nie, dass sie ihre kranken Eltern versorgte, sondern erschien mit strahlendem Gesicht im Unterricht und erzählte vom Fitnesstraining.

"Sie war anders als alle Lehrer, die ich kenne", sagt ein Freund von Andreas S. "Einerseits kumpelhaft, andererseits sehr autoritär." Als er im Unterricht mit den Gedanken abschweifte, habe sie ihn angeherrscht: "Und du willst Abitur machen?" Doch als sie ihn beim Rauchen auf dem Schulhof erwischte, habe sie nur scherzhaft mit dem Zeigefinger gedroht. "Wie kann man so jemanden hassen?", fragt er sich.

"Das kann ich mir schon vorstellen", sagt ein Neuntklässler. "Die Leuteritz hat das Herz auf der Zunge. Der rutschen schon mal Bemerkungen raus, die man in der Pubertät nicht so gut verkraftet." Ein älterer Lehrerkollege schildert, dass sie "jedenfalls seit der Wende eine Verfechterin des Leistungsprinzips" gewesen sei. Sie warb dafür, "in der ganzen Bundesrepublik Zentralabitur einzuführen". Über Disziplinprobleme in ihren Klassen, so der Kollege, habe sie sich nie beklagt. "Die Jugendlichen haben sehr viel bei ihr gelernt. Störungen des Unterrichts hat sie offenbar schnell unterbunden." Ein Opferprofil, das auf Tausende von Lehrern passt.

Am Tag der Tat erzählte Andreas S., als er im Zug saß und von seinem Wohnort Neusörnewitz nach Meißen fuhr, dass er einen Schlafsack dabeihabe und Messer. "Mach's nicht", sagte sein Freund. "Du versaust dir dein Leben." Als sich Andreas kurz vor der Schule verabschiedete, hofften die anderen einfach, dass er "einfach abhaut". Zum Schulleiter ist keiner von ihnen gegangen. Eine Viertelstunde nach Beginn der Geschichtsstunde in der 9.1 stürmte Andreas S. maskiert in die Klasse und stach auf Sigrun Leuteritz ein. Die Schüler drängten sich in Panik zusammen. Keiner griff ein. "Wir konnten in dem Moment nicht unterscheiden, ob das Film war oder Realität", berichteten Schüler später einem Seelsorger.

Wäre der Mord nicht am Franziskaneum in Meißen, sondern an irgendeiner anderen deutschen Schule geschehen, Dietmar Liesch hätte gesagt: "So was kann bei uns nicht passieren." Jetzt fragt sich alle Welt, was bloß los ist an dieser Schule in Sachsen. Nichts Besorgniserregendes, antwortet der Schulleiter, das soziale Klima im Gymnasium sei immer gut gewesen. Dass der 15-jährige Andreas S. das Mordopfer gehasst haben soll, scheidet für Liesch "als Motiv aus. Sie hat ihn doch nur zwei Monate unterrichtet. Wie soll da Hass entstanden sein?"

Sigrun Leuteritz, sagt Liesch, sei eine "aufrichtige" Lehrerin gewesen, "lebenslustig" und zugleich "streng". Eine "vorbildliche" Pädagogin. Das wisse er aus eigenen Unterrichtsbesuchen. Strenge zahle sich aus, meint Liesch, auch für die Schüler. Gerade jene, die kurz vor dem Abitur stehen, wüssten zu würdigen, dass sie ihre guten Leistungen einem strengen Unterricht zu verdanken hätten. Auf die außerordentlich erfolgreichen Abiturjahrgänge in seiner Schule ist Liesch stolz. Die Lehrer des Franziskaneums hätten ihren "Erziehungsauftrag" ernst genommen.

Bloß die Jüngeren, die 14- und 15-Jährigen seien "noch nicht so weit", den Leistungsmaßstab bedingungslos anzuerkennen. "Das kommt erst später." Besonders in diesem Alter versuchten Schüler sich durch Provokationen anderer Geltung zu verschaffen. Womöglich, vermutet er, habe dies auch bei der Wette mit Andreas S. eine Rolle gespielt.

Auf das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern lässt der Rektor nichts kommen

Sorgen macht sich der Rektor allenfalls um die "verbale Gewalt" unter den Schülern. Immer wieder sprächen sie von "Hass", ohne tatsächlich zu hassen. "Doch dieses Wort läßt sich nicht mehr steigern." Eltern seien aufgerufen, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, und er wünscht sich, dass auch Lehrer öfter auf die Probleme der Jugendlichen eingehen. "Doch wo bleibt die Zeit dafür bei so vielen Schülern und so vielen Unterrichtsstunden für die Lehrer? Aus der Ferne betrachtet, sind wir eine Provinzschule, in Wahrheit ist das Franziskaneum ein riesiger Betrieb." Mit gut 1100 Schülern und fast 70 Lehrern. Doch auf das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern lässt der Rektor nichts kommen. "Das war hier eine heile Welt, und die soll es wieder werden."

Lothar Vogt (Name geändert) ist seit vielen Jahren Lehrer am Franziskaneum. Er hockt an seinem Wohnzimmertisch und gießt badischen Rotwein nach. Ein paar Tropfen gehen daneben. "Ich bin nervös", sagt er. "Ich will doch nichts Schlechtes über meine Schule sagen." Sigrun Leuteritz sei ehrgeizig gewesen, sagt Vogt, ihre Klassen habe sie unbedingt bis zum Abitur bringen wollen. Könne man ja verstehen. Was solle aus einem jungen Menschen heute ohne Abi werden, in Sachsen?

Die unterschwellige Aggression, den Konkurrenzkampf um Punkte und Noten bekämen die Lehrer schon seit Jahren zu spüren. "Wenn ein Schüler glaubt, ein anderer sei nur ein wenig zu gut weggekommen, habe ich nach der Stunde sofort eine riesige Diskussion. Da wird gefeilscht um jeden Punkt. Was ihre Noten betrifft, sind die Schüler immer aggressiver geworden. Und die Eltern verhalten sich genauso wie die Jugendlichen."

Viele Pädagogen, besonders die jüngeren, wüssten gar nicht, wie sie damit umgehen sollten. Einige hätten gute und schlechte Schüler gezielt zusammengesetzt, damit die einen den anderen helfen. "Aber das funktioniert nicht. Die Leistungsstarken schirmen sich ab."

Im vergangenen Jahr habe es "mal echte Probleme gegeben" mit der heutigen 9.1, der Klasse von Andreas S., in der seit Anfang dieses Schuljahres auch Sigrun Leuteritz unterrichtete. Zwei Schüler hätten ständig "randaliert", den Unterricht gestört, Fensterscheiben zerschlagen. Nach Gesprächen mit Eltern, Lehrern und Schulleiter seien die Störenfriede in andere Klassen versetzt worden. "Anders sind die Lehrer mit dem Problem nicht fertig geworden."

Lothar Vogt macht ein bedrücktes Gesicht, wenn er darüber spricht, wie sich das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern an seinem Gymnasium entwickelt hat. Die heile Welt, von der sein Rektor spricht, sieht er nicht. "Lehrer und Schüler sind einander gleichgültiger geworden. Das Vertrauen ist verloren gegangen. Viele Lehrer machen einfach ihren Unterricht und interessieren sich nicht mehr für die privaten Sorgen ihrer Schüler. Früher war das anders."

Mit "früher" meint Vogt die Jahre vor der Wende. Da habe es in seiner Schule noch Disziplin gegeben. Heute muss er über einen Knäuel Schüler steigen, wenn er in den Klassenraum will. Achtung hätten die Schüler vor den Lehrern gehabt. Heute blättern sie in Zeitschriften, wenn der Unterricht sie langweilt. Patenschaften gab es damals, Lehrer erteilten Schülern nachmittags Nachhilfe. Heute geht das meist nur gegen Bezahlung. Zum Tanz im Ballsaal des Hamburger Hofs in Meißen trafen sich Schüler, Lehrer und Eltern im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und zu Weihnachten. Heute macht jeder etwas anderes in seiner Freizeit; die einen gucken Videos, die anderen spielen am Computer. "Alles ist außer Kontrolle geraten", meint Lothar Vogt, "nichts ist mehr zentral, niemand schaut mehr hin." Vogt kritisiert die kalte Schulwirklichkeit von heute - und verheddert sich dabei in einer gnädig verklärten Sicht auf die Vergangenheit.

Zwei Tage nach dem Mord trifft eine kleine Gruppe sächsischer Schulleiter in Meißen ein. Nicht im Franziskaneum, sondern auf Schloss Siebeneichen jenseits der Elbe. Eigentlich hätte es eine nette Fortbildung in gediegener Atmosphäre werden sollen. Jetzt ist alles anders. In Meißen über die Meißener Tat reden - das ist nun angesagt. Denn im Franziskaneum wurde nicht nur ein Mensch getötet, sondern, so scheint es gerade Lehrern, ein Berufsstand attackiert.

Iris Stenzel, die Seminarleiterin, Leiterin einer Förderschule in Pirna, widmet der Tat die "Ankommensrunde". Jeder Schulleiter darf seine "Befindlichkeit zu diesem Ereignis" äußern. Die Stühle stehen im Kreis, an der Pinnwand hängen rote Pappquadrate. "Konflikt" steht auf einem, "Konfliktbewältigung" auf einem anderen. Das Thema der Fortbildung hat grausame Brisanz gewonnen.

Die These vom "Einzeltäter ohne Beispiel in der Kriminalgeschichte" ist den Schulleitern zu schlicht. Sie fragen stattdessen: Werden Lehrer von nun an vor dem Druck von Schülern zurückweichen? Welche Autorität haben Lehrer noch, wie sollen sie damit umgehen? Wie gut kennen sie ihre Schüler überhaupt? Fragen nach dem Selbstverständnis der Lehrerschaft.

Die Öffentlichkeit, fürchtet Seminarleiterin Stenzel, werde es sich leicht machen und "das Opfer zur Täterin erklären, weil es streng war und die Schüler geknechtet hat. Das ist das Lied von der bösen Lehrerin und der Schule, die versagt hat." Diese Melodie kennt Iris Stenzel noch - aus der Wendezeit. Damals galten Lehrer als besonders treue Diener des Systems.

Gewiss, das weiß auch Iris Stenzel, galt es nach der Wende erst einmal, die Ideologie aus Margot Honeckers Einheitsschule zu vertreiben. Das Lernen im Gleichschritt. Den Kasernenhofton. Das "einheitliche sozialistische Menschenbild". Die Revoluzzer vom Neuen Forum forderten das "Ersterziehungsrecht der Familie", und der Westen sekundierte: Lehrer müssen kluge Köpfe machen, den Rest besorgt die Familie.

Wie viele Diskussionen hat Iris Stenzel damals im Kollegenkreis über die Trennung von Bildung und Erziehung erlebt! Und wie viel Verunsicherung! Und immer wieder diese Fragen: "Geht mich das noch was an? Ist das Einmischung in die Privatsphäre?" Weltanschaulich neutral habe der Lehrer zu sein, "aber darf er auch eine Meinung äußern?".

Iris Stenzel und ihre Kollegen stellten fest, wie um sie herum ein ganzer Berufsstand abtauchte. Keine Verantwortung übernahm, sich bloß zuständig fühlte für Mathe, Chemie, Deutsch. "Wir halten lieber stille", zitiert die 36-Jährige einen Kollegen, "soll die Obrigkeit mal machen." Und die ließ sich nicht zweimal bitten. Feuerte zuerst die DDR-Schulleiter und die stasibelasteten Lehrer, schloss dann alte Schulen und gründete neue, erfand neue Schultypen und nötigte Schüler wie Lehrer zu Schulwechsel und Pendeln, erhöhte das Stundenpensum der Lehrer und strich die Klassenlehrerstunde. Bis alles neu und doch völlig durcheinander war.

Noch während die Schulleiter diskutieren, reist auch Matthias Rößler, Sachsens Kultusminister, nach Meißen. Er will ins Stadttheater, wo der Mitteldeutsche Rundfunk zur Diskus- sion geladen hat. Der Minister hat sich vorgenommen, die Gemüter zu beruhigen. Doch die Gemüter, auf die er trifft, sind ruhig. Vor Entsetzen. Allein der Minister mit seiner Beruhigungsstrategie löst Empörung aus.

Während Augenzeugen tonlos und wortkarg berichten, sprudelt es aus dem Minister nur so hervor. Der Moderatorin wirft er sein Cäsarengesicht entgegen, die volle Fönfrisur hüpft auf der Kopfhaut herum, während er so engagiert redet. "Unser Franziskaneum" mit Worten zu umarmen ist dem Minister ein Bedürfnis. Ebenso sein Land gegen ungerechte Vorwürfe zu verteidigen. Also schmückt er das Bild vom Einzelfall aus. Spricht von der "winzigen Minderheit" der Schüler in Sachsen, die gewaltbereit seien, erwähnt die Studie, die seine Behauptung stützt, lässt sich nicht irritieren von der Moderatorin, die eine andere Studie und weit höhere Zahlen zitiert.

Ein paar Meter von Rößler entfernt, unter den handverlesenen Zuschauern, sitzt Rainer Jehmlich, der Meißener Kreisvorsitzende des Sächsischen Lehrerverbandes. Laut schreien möchte er. Dazwischenfahren. Erzählen, wie einer seiner Schüler rief: "Dich stech ich ab!", ein Satz, der ihn erst heute so richtig gruseln lässt. Gern möchte er dem Minister von lauter Einzelfällen der Gewalt aus den Schulen des Kreises Meißen erzählen und erklären, warum das Ministerium davon fast nichts erfährt.

Rainer Jehmlich ist Lehrer für Werken und Technik an der Mittelschule Oberlößnitz, rund acht Kilometer entfernt vom Wohnort des Meißener Täters. So wenig wie das Franziska- neum liegt seine Schule in einem sozialen Brennpunkt. Goldstabviertel heißt die Gegend - wegen all der hübsch sanierten Gründerzeitvillen am Rebhang. Aber auch hier sind die "Folgen der Freiheitsexplosion", wie Jehmlich das nennt, zu besichtigen.

Jehmlich ist kein alter oder neuer Genosse, sondern ein zu DDR-Zeiten relegierter Lehrer, der später zum Verehrer Helmut Kohls wurde, "der Einheit wegen". Aber zehn Jahre später will er sich "über die Missstände in jenem System empören, das ich gewollt habe". Diese Missstände sind zu ihm in den Werkraum gekommen, wo jedes Werkzeug potenziell eine Waffe ist und "der Lehrer höllisch aufpassen muss".

Dass sich in seiner Schule etwas geändert hatte, merkte Jehmlich, als ein Schüler, dem er zum Lob über den Kopf gestrichen hatte, brüllte: "Pack mich nicht an!" Fragte er nach der Telefonnummer der Eltern, erhielt er zur Antwort: "Darf ich nicht rausgeben." Wollte er ins Hausaufgabenheft gucken, hieß es: "Das dürfen Sie nicht, da gibt es doch den Datenschutz."

Allmählich erodierte die Autorität der Lehrer - als Folge "falsch verstandener Demokratisierung", wie Jehmlich das nennt. Nur einige Lehrer, er selbst zählt sich dazu, versuchten anfangs, gegenzuhalten, Regeln aufrecht zu erhalten. Jehmlich ist ein kleiner bulliger Mann, gut 50 Jahre alt und von durchaus robuster Natur. Als weichherzig kann man ihn erleben, als aufbrausend allerdings auch. Inzwischen, so sagt er, lässt er wieder mehr durchgehen, weil er ansonsten "noch mehr Aggression schürt". Außerdem seien "die strikten Lehrer am meisten der Schülergewalt ausgesetzt".

Ganz langsam, ja spielerisch habe sich die Gewalt in seiner Schule festgesetzt. Es begann mit einem enorm gewachsenen Bewegungsdrang. "Alle rennen immerfort." Inzwischen "arbeiten die alle mit den Füßen. Ständig wird getreten". Was spielerisch beginnt, kann jederzeit eskalieren. "Und dann", sagt Jehmlich, "wird es ernst." Kürzlich streckte ihn ein Schüler, den er am Ranzen festgehalten hatte, mit dem Ringbuch nieder. Der Ranzen fiel hin. "Wäre statt des Ringbuchs ein Messer rausgefallen", glaubt Jehmlich, "hätte der Schüler es benutzt. Ganz sicher."

Derlei Vorfälle würden fast nie gemeldet, sagt Jehmlich. Die Lehrer hätten Angst, als Versager dazustehen. Und die Schulleiter, die es weitergeben müssten, fürchteten um den Ruf der Schule. In eine Schule voller Schülergewalt wolle niemand sein Kind schicken. In Zeiten von Schulschließungen aus Schülermangel die größte Drohung für Schulleiter.

Die Erzählung des Mittelschullehrers dringt an diesem Abend nicht an das Ohr des Ministers. Lehrer Jehmlich ist zu gut erzogen, um während der MDR-Sendung zu unterbrechen, und Minister Rößler hat hinterher keine Zeit. Was Jehmlich ihm sagen wollte, liest der Minister in den folgenden Tagen in der Presse. Sachsens Zeitungen sind plötzlich voll von Statistiken über jene Gewaltakte an den Schulen, die trotz allem angezeigt wurden: 129 schwere Körperverletzungen im vergangenen Schuljahr, 8 mehr als im Vorjahr; 631 vorsätzliche leichte Körperverletzungen, ein Anstieg um knapp 13 Prozent; sächsische Schüler sind häufiger aggressiv gegenüber Lehrern als etwa Gleichaltrige in Hessen, belegt eine Vergleichsstudie (Saat der Gewalt, Seite 19). Die schärfste Kritik muss der Minister in der Sächsischen Zeitung lesen. In einem offenen Brief schreibt ein Religionslehrer: "Ändern Sie Ihre Schulpolitik! Müssen denn noch mehr Lehrer sterben, bis man im Ministerium konkrete Schritte unternimmt, um dem Phänomen Aggression auf den Leib zu rücken?"

Ein Umdenken ist vor allem bei jenen zu beobachten, die zur Wendezeit vor zehn Jahren der Schule die DDR radikal austreiben wollten. Es ist ein durchaus symbolischer Akt, als vier Tage nach dem Anschlag von Meißen die einst bürgerbewegte Elke Urban in Leipzig vor ein Mikrofon tritt und ruft: "Jetzt müssen wir fragen: Was könnte der Westen von den Erfahrungen der DDR-Lehrer lernen?" Elke Urban war selbst Lehrerin in der DDR. Sie kennt noch die Lieder, die sie ihren Zöglingen im Musikunterricht beibringen sollte:

"Hör ich die Soldaten singen,

lass ich gleich mein Spielzeug stehen,

muss ich auf die Straße rennen,

muss ich die Soldaten sehen."

Solche Reime im Ohr, malte sie im Herbst 1989 ihr Plakat für die Montagsdemos: "Wir wollen freie Schulen!" Die DDR-Erziehungsanstalten hielt sie damals für nicht reformierbar und gründete deshalb eigene Schulen - internationale, anthroposophische, religiöse. Jetzt steht sie zum Wendejubiläum als Rednerin in der Aula jenes evangelischen Schulzentrums, das sie selbst gründen half. Und statt sich zu freuen, dass die Schüler nicht mehr mit Pionierhalstuch in Reih und Glied stehen müssen, eröffnet Elke Urban die Diskussion über die Rolle des Lehrers an den staatlichen Schulen.

Natürlich steht die ganze Tagung ("Zehn Jahre danach - eine ganz andere Schule?") unter dem schlechten Stern von Meißen. Im Plenum fragen sich die evangelischen Pädagogen, ob ihre Schulgründungen nicht "ein Alibi dafür waren, sich zurückzuziehen aus der Diskussion um die innere Reform der Staatsschule".

Bei diesem Staat arbeitet auch Elke Urban inzwischen. Im Schulverwaltungsamt erlebt sie, wie bei so manchem Lehrer die DDR im Kopf fortlebt. Oder Kollegen in ihrer Verunsicherung in alte DDR-Routinen zurückfallen: Kommandoton. Frontalunterricht. Wissen schütten.

"Und trotzdem", sagt Elke Urban ins Auditorium, "ist es nach zehn Jahren Zeit, neu nachzudenken." Sie weiß, dass es "eine gefährliche Diskussion" ist, die sie da eröffnet. Den Erzieher im Lehrer zu stärken, das klingt verdächtig altvertraut, nach autoritärem Drill. Aber muss der Lehrer, der sich um seine Schüler kümmert, automatisch auch ein strenger Zuchtmeister sein? Warum denkt man bei Wertevermittlung so schnell an Indoktrination - und nicht an Toleranz, Hilfsbereitschaft, Teamgeist? "Ihre Feigheit, Position zu beziehen, dürfen wir Lehrern einfach nicht mehr durchgehen lassen", sagt Elke Urban. Schule müsse Verbindlichkeit schaffen, nicht Beliebigkeit: "Wir bieten einfach zu wenig Geländer für Schüler, die sie brauchen." Womit das Stichwort Meißen wieder im Raum steht.

Binnen Tagen hat die Debatte über die Aufgaben der Lehrer und ihr Verhältnis zu den Kindern der Freiheit ganz Sachsen erfasst. Nur einer erklärt sie schon für beendet, als sie gerade richtig beginnt: Kultusminister Matthias Rößler. Als er in Meißens Stadttheater auftritt, sperrt er sich gegen politische Folgerungen aus diesem angekündigten Mord. Dass hier das Frühwarnsystem der Institution Schule auf tragische Weise versagt hat, darauf mag der Minister sich nicht einlassen. Lieber würdigt er wortreich die "gute und wichtige Arbeit" von Sachsens Lehrern, die "routiniert genug sind" und "die Sache schon richtig anpacken". Und fährt in dem Bewusstsein nach Hause, sich als Dienstherr endlich einmal kraftvoll vor seine Schutzbefohlenen gestellt zu haben.

Mitarbeit: Andreas Molitor



© Die Zeit 47/1999   







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