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  Kultur
Archiv 46/1999
               




Ein Kind sieht rot

Versuch über das Unerklärliche (II): Im Kino ist der Amokläufer ein Held, der gerechte Rache übt. Im richtigen Leben dagegen ist er einer der Ewig-zu-Kurz-Gekommenen - einer wie wir

von Karen Duve

Ungläubiges Entsetzen und Ratlosigkeit allerorten. Dabei ist die Geschichte so neu nun auch wieder nicht: Am Anfang wird jemand gepeinigt und gedemütigt, und am Schluss schnappt er sich ein Gewehr und legt ein paar Leute um. Je nachdem, ob wir uns in einem Film oder in der Realität befinden, gibt es zwei Versionen dieser Geschichte: Im Film ist der Täter ein edler und männlicher Rächer - ein Held. Der Drehbuchautor erteilt ihm die Lizenz zum Töten, indem er die Ehefrau, Freundin oder Tochter des Helden von einer Motorrad-Gang vergewaltigen und ermorden lässt. Das ist nicht nur eine der denkbar schlimmsten Kränkungen des männlichen Egos, das heiligt den Rachefeldzug überdies als selbstlos. Und es sind die Vergewaltiger und Mörder, die dem anschließenden Gewaltrausch zum Opfer fallen - also nicht unbedingt die ganz Falschen.

In der Realität eignet sich der Täter weniger zur Identifikation. Meist ist es einer der Ewig-zu-kurz-Gekommenen, der Klassendeppen und Versager, in deren Leben es außer Action-Filmen kaum Action gegeben hat. Geballte Schicksalsschläge, wie sie Mad Max oder Charles Bronson auf der Leinwand hinnehmen müssen, sind ihm vermutlich erspart geblieben. Statt einer einzigen Katastrophe gärt in seiner Seele der wüste Cocktail aus jenen kleinen Demütigungen und Frustrationen, von denen alle Menschen im Laufe ihres Lebens mehr oder weniger reichlich eingeschenkt bekommen haben, nur er eben besonders reichlich. Seine Opfer sind Familienangehörige und irgendwelche Pechvögel, die zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchen.

Neu an der Geschichte ist bloß, dass der Amokläufer Martin P. erst 16 Jahre alt war und nicht im Klassenzimmer einer amerikanischen High School, sondern aus den Fenstern einer Etagenwohnung in Bad Reichenhall wütete. Das wirft Fragen auf, von denen noch die einfachste ist, wieso es ausgerechnet im dösigen Kurort Bad Reichenhall passierte - weil es dort einen Schützenverein gibt. Ein spektakulärer Amoklauf ist nicht an ein bestimmtes soziales Umfeld gebunden, kann sich aber nur dort ereignen, wo jemand Zugriff auf Schusswaffen hat. Es ist nicht besonders effektiv, eine größere Anzahl Menschen mit einem Messer anzugreifen - ganz besonders, wenn du erst 16 und schmächtig bist und in Sport eine Drei hast. Schwieriger lassen sich die Fragen nach Auslöser und Motiv und nach der Rolle, die Videospiele und das Massaker in Littleton dabei gespielt haben, beantworten, zumal Martin P. Selbstmord begangen hat und keine Auskunft mehr geben kann. Zweifelhaft scheint allerdings, ob er lebend wirklich in der Lage gewesen wäre, einen genügenden Grund zu nennen, um seine entsetzliche Handlungsweise plausibel zu machen; ob die Voraussetzung für eine solche Tat nicht zwangsläufig ein Zustand der Unklarheit ist. Möglicherweise hätte Martin P. das nachgeplappert, was die inzwischen sämtliche Talkshows inflationär bevölkernden Crash- und Straßenkids regelmäßig zum Besten geben: "Meine Eltern haben sich nicht genug um mich gekümmert."

Was die schlechten Einflüsse einer schlechten Gesellschaft betrifft, so möchte ich daran erinnern, dass Amok ein Wort aus dem Malaiischen ist - das einzige übrigens, das in den deutschen Sprachgebrauch aufgenommen wurde. Da dieses Wort schon einige Jahrzehnte bei uns gebräuchlich ist, können wir davon ausgehen, dass die ersten so benannten Amokläufer weder durch brutale Videospiele noch durch Heavy-Metal-Platten, die beim Rückwärtsabspielen versteckte satanische Botschaften preisgeben, noch durch exzessiven TV- und Videokonsum, Lehrstellenknappheit, den Kontakt zu Neonazis oder den Einfluss Amerikas zu ihrem unerfreulichen Verhalten verleitet wurden. Auch die diversen Polizeipsychologen sind sich einig, dass bei Amokläufen "das Motiv in der Persönlichkeit des Täters" liegen muss. Das Vorbild jugendlicher Psychopathen, die in einer amerikanischen Schulbibliothek "Alle Sportler bitte aufstehen, denn alle Sportler sind gleich tot" rufen, mögen auf Jungen, die bei der Aufstellung von Sportmannschaften stets als Letzte gewählt werden, durchaus inspirierend wirken, ihre Mordlust steigern und konkretisieren. Das bedeutet jedoch nicht mehr als ein zentimeterweites Vorrücken auf dem Meter zum Abgrund - auch wenn es vielleicht einmal der entscheidende Zentimeter ist.

Wie entsteht aber nun eine Abneigung, eine Verachtung, ein Hass gegen die Welt, so heftig, dass sich daraus ein unwiderstehlicher Wunsch zu töten entwickelt, selbst wenn die Bedingung zum Töten ist, dabei ebenfalls sterben zu müssen? Immerhin handelt zufällig ein Großteil unserer beliebtesten Filme davon. Ist das allgemeine fassungslose Unverständnis gegenüber solchen Taten womöglich Heuchelei? Begleiten uns eigene Tötungsfantasien denn etwa nicht durch Straßenverkehr und überfüllte Einkaufszentren? Oh ja, richtig: Tief in unseren Herzen wissen wir natürlich, dass die Verhängung der Todesstrafe über Leute, die das Blinken vergessen haben oder die uns ihre Einkaufswagen in die Kniekehlen rammen, in keinem Verhältnis zu der Brisanz ihrer Vergehen steht; aber noch tiefer in unseren Herzen meinen wir es womöglich vollkommen ernst. Im Gegensatz zu Martin P. verschleudern wir jedoch nur einen dieser Blicke, die doch nicht töten können, und überlassen es den Filmhelden, für uns zu morden, so, wie wir es ihnen bereits überlassen haben, an unserer Stelle zu lieben und zu leben. Eine Gesellschaft ist ein Gebilde von Menschenhand, das den eigenen Tötungstrieb leugnet, und das ist gut so. Sie ist ein Bollwerk gegen das möglicherweise Brutale und Gefährliche in unserer Natur, gegen den entfesselten Zorn, der, wenn er zu oft aufgeflackert ist und zu oft vom gleichzeitigen Bewusstsein der eigenen Ohnmacht sofort wieder erstickt wurde, sich eines Tages doch noch einen unerhörten Ausbruch sucht.

Irgendwann hatte Martin P. genug. Immer und überall Ablehnung, Spott und Hohn, bis ihm das Leben nicht mehr erträglich war. Diese Erkenntnis kam ihm nicht plötzlich, sie stieg langsam auf, wurde deutlicher und setzte sich fest. Er hatte sich zum Tode verurteilt, er wusste auch schon, wie er es anstellen wollte, hatte das Urteil aber noch nicht vollstreckt, weil er ein schwacher Mensch war. Furcht war es nicht. Er fürchtete nichts mehr, weil er nichts zu hoffen hatte. Dann der letzte Streit. Als er endlich allein ist, bricht er den Waffenschrank auf, wie er sich das schon viele Male vorgenommen hat. Trotz der planmäßigen Vorbereitung seines erweiterten Selbstmordes handelt er in starkem deprimiertem Erregungszustand, und in seinen Armen hat er ein merkwürdig taubes Gefühl. Er ist kein Mörder, sondern ein Totschläger. Er weiß, was er tut, ohne ein Bewusstsein für sein Empfinden zu haben. Theoretisch könnte er die ganze Sache jetzt noch abblasen, aber in seiner Vorstellungswelt hat er den Punkt, von dem aus ein Zurück nicht mehr möglich ist, bereits überschritten. Vielleicht überschreitet er diesen Punkt auch erst, als die Schwester heimkommt und ihn mit den Waffen überrascht, als er Schwester und Hauskatze im Affekt erschießt. Es ist keine Kleinigkeit, die eigene Schwester umzubringen, aber Reue und Verzweiflung über das, was jetzt unabänderlich geschehen ist, empfindet Martin P., wenn überhaupt, nur kurz und am Rande. Vor allem spürt er Macht und die abgründigen Vorteile eines großen Verbrechens. Von nun an ist alles erlaubt, weil konsequenzlos. Schlimmer kann es schließlich nicht mehr kommen. Was jetzt beginnt, ist eine Zelebration seiner Identität. Aus den Fenstern der Wohnung schießt er auf jeden, der ihm vor den Gewehrlauf kommt, genießt das Gefühl, seine Außenwelt durch Zerstörung zu verändern und dadurch wahr- und ernst genommen zu werden, blutig ernst. Zum ersten Mal steht er nicht nur am Rande, sondern hält die Fäden des Geschehens in der Hand. Die furchtbare Spannung, die ihn normalerweise beherrscht, ist endlich von ihm gewichen. Vier Menschen bezahlen das mit ihrem Leben.

So könnte es gewesen sein oder ganz anders. Irgendwann war es vorbei. Irgendwann ließ die Dumpfheit seiner Seele nach, und stattdessen tat sich in ihm ein schwarzes Loch des Entsetzens auf, in das er unaufhörlich hineinzustürzen meinte. Bevor dieses Entsetzen noch größer werden konnte, legte Martin P., der sich wieder in einen braven Jungen, der keinen unnötigen Dreck machen will, zurückverwandelt hatte, in die Badewanne und schob sich den Doppellauf einer Schrotflinte in den Mund. Dann drückte er ab.


© Die Zeit 46/1999   








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