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  Politik
Archiv 45/1999
               




Dann war Totenstille

In Bad Reichenhall schießt ein 16-Jähriger plötzlich auf alles, was sich bewegt - warum?

von Ulrich Stock

Bad Reichenhall

Wer am Morgen danach in Bad Reichenhall eintrifft, der spürt die Spannung zwischen Kurort und Tatort. Das liebliche Städtchen kurz vor der österreichischen Grenze, zwischen Bergen gelegen und von der Sonne geküsst, als wäre jetzt Frühjahr und nicht November. Fast nur Rentner unterwegs; die einen an ihre orthopädischen Dreiräder geklammert, die anderen mit ihren Harken, so viel Laub in diesen Tagen - ein Sozialversicherungsidyll.

Dann die Riedelstraße, Schauplatz des Blutbades: rot-weißes Absperrband quer über die Fahrbahn, Einsatzwagen davor, Polizisten mit piependen Funkgeräten. Sensationshungrige, Anwohner und Journalisten. Jan Borowski, 76, in Trainingsanzug und Tirolerhut, hat "nix gesehen, nur gehört", acht Schüsse in Folge, "ich hab erst gemeint, da geht jemand auf Hasen oder Rehe. Aber wie das geknallt hat! Das war keine Pistole!" Unglaube spiegelt sich in seinen Zügen, auch Dankbarkeit: Er hätte jetzt tot sein können.

Das Haus Nummer 12 ist ein dreigeschossiger rustikaler Bau. Unten weiß verputzt, oben Holz und etwas Schnitzerei. Satellitenantenne, Topfpflanzen. Noch sind noch die Spurensicherer am Werk; erst gegen Mittag, 24 Stunden nach dem Kugelhagel, gibt die Polizei die Straße wieder frei. Sofort machen die Fernsehteams ihre Linsen scharf. Auf dem Asphalt der mit Kreide gezeichnete Umriss eines Getroffenen, längs der Rollstuhlrampe vor dem Haupteingang des Krankenhauses dunkelrot verkrustetes Blut, der Mercedes mit den nummerierten Einschüssen. Ein Loch neben dem Kennzeichen am Heck; eins in der hinteren rechten Seitenscheibe; eins - fingerdick - in der hinteren rechten Tür; eins im Reifen darunter.

Im Wagen saßen der Schauspieler Günter Lamprecht, der ausgerechnet in Tatort einen Kommissar darstellt, seine Lebensgefährtin Claudia Amm und sein Manager Dieter Duhme. Lamprecht, der im Kurhaus der Stadt ein Gastspiel hatte, wollte ins Krankenhaus, um sein schmerzendes Knie behandeln zu lassen.

Wäre er etwas früher oder etwas später aufgebrochen - ihm und seinen Begleitern wäre nichts geschehen.

Schon nach den ersten Schüssen trafen die Polizisten ein. Einer versuchte den herannahenden Mercedes an der Weiterfahrt zu hindern, was der Fahrer jedoch nicht rechtzeitig begriff. So wurden alle drei Insassen von Schüssen verletzt, zum Teil schwer.

Ungefähr zur selben Zeit trat ein 54-jähriger Patient des Krankenhauses vor die Tür, bloß um eine Zigarette zu rauchen; mit einem Kopfschuss sackte er wenige Meter vor dem Haupteingang zusammen. Er starb tags darauf. In der Garageneinfahrt neben dem Haus Nummer 12 erwischte es das Nachbarehepaar. Der Mann war sofort tot; die Frau konnte von Rettungssanitätern in einer dramatischen Aktion noch lebend geborgen werden, erlag dann aber ihren Verletzungen.

Der Täter erschoss sich mit einer Schrotflinte

Der Beschuss währte eine halbe Stunde. Dann war Totenstille. Fünf Stunden lang versuchte die Polizei mit dem Schützen in Haus Nummer 12 Kontakt aufzunehmen; währenddessen zogen Sondereinsatzkräfte auf. Als sie das Haus schließlich stürmten, fanden sie den 16-jährigen Martin P. tot in der Badewanne; er hatte sich mit der Schrotflinte umgebracht. Zuvor hatte er im Flur des Hauses seine 18-jährige Schwester mit fünf Schüssen niedergestreckt. Er tötete auch die Katze des Hauses.

Bei der Durchsuchung fand die Polizei "eine Vielzahl von Waffen". Sie stammten aus dem Waffenschrank des Vaters. Er ist Sportschütze und darf sie besitzen.

Der Sohn hatte den Schrank aufgebrochen. Die Polizei glaubt, dass er spontan handelte, nicht nach einem vorgefassten Plan, auf den zum Beispiel ein Abschiedsbrief hätte hindeuten können.

Ohne Vorwarnung eröffnete Martin P. das Feuer. Aus dem Seitenfenster im Erdgeschoss richtete er die Nachbarn hin, 15 Treffer verzeichnet die Obduktion. Aus dem Küchenfenster schoss er über das Goldfischbecken und den nackten Gartenzwerg hinweg. Einige Kugeln trafen gegenüber die Glasscheiben des Krankenhauses; die Patienten flüchteten in den hinteren Teil der Klinik.

Fünf Tote, drei Verletzte. Die Polizei gewann den Eindruck, er schoss auf alles, was sich bewegt. Zu seinen Opfern zählen Wildfremde wie ihm nahe stehende Menschen. Was war das Motiv? Spielte der Tag eine Rolle? Montag war Allerheiligen, ein Feiertag, an dem die Katholiken ihre verstorbenen Angehörigen auf dem Friedhof besuchen. Angeblich wollte der Sohn seine Eltern nicht zum Grab des Großvaters begleiten.

Welche Geschichte verbirgt sich hinter der biederen Fassade des Hauses? Was war das für eine Familie? Gab es Alkoholprobleme, wie gemutmaßt wurde? "Wenn ein Bayer sein Bier trinkt, ist das nicht gleich ein Alkoholiker", sagt der Polizeipressesprecher Fritz Braun alle Stunde einmal. Die Obduktion ergibt: Der Jugendliche war weder betrunken, noch hatte er andere Drogen intus.

Die Bild-Zeitung ernannte den 16-Jährigen zum "jüngsten Amokläufer Deutschlands". Das mag griffig sein. Nun sind typische Amokläufer aber vielleicht nicht zufällig älter: weil sie in ihrem Leben eine Menge Verzweiflung ansammeln mussten, um nachhaltig durchzudrehen. Außerdem laufen sie oft wirklich; während der 16-Jährige eher wie ein Heckenschütze agierte.

Schon am Tag der Tat gab es Spekulationen und auch Zeugenaussagen: Der Junge sei ein Neonazi, habe sich womöglich an Gewaltdarstellungen ergötzt und an Kampfspielen teilgenommen. Aktenkundig war all das nicht. Weder war er der Polizei je als kriminell oder radikal aufgefallen, noch ist er wegen Hakenkreuzen von der Schule geflogen, wie behauptet wurde.

Nach seinem Hauptschulabschluss hat er vor acht Wochen eine Lehre als Schlosser bei der Saline begonnen. Das ist jene Salzgewinnungsfirma, die den Namen Reichenhall ins ganze Land getragen hat. Standortleiter Franz Furtner sagt, der Lehrling sei "ein eher unauffälliger Typ" gewesen, "nicht gesprächig, nicht kontaktfreudig". Er habe aber handwerkliches Geschick gezeigt und sei in keiner Weise negativ aufgefallen, "keine Springerstiefel, ganz normale Frisur".

Ein salopp gekleideter Junge, Turnschuhe, kurze Hose

Die Polizei brach am Dienstagmorgen den Spind des Lehrlings auf, fand aber nur Arbeitsanzug und Sicherheitsschuhe.

Florian Ziegler, 15 Jahre alter Elektrikerlehrling, hat mit Martin P. noch am vergangenen Freitag in der Werkstatt gestanden. Er habe an jenem Tag nichts Besonderes bemerkt und auch nichts in der Zeit davor: in den neun Jahren gemeinsamen Schulbesuchs, im Kindergarten. Sie hätten nicht besonders viel miteinander gemacht, aber rechtsradikal? Nicht dass er wüsste, ein Waffennarr ja, das schon. Auch die anderen Lehrlinge schütteln den Kopf. Sie alle machen einen ziemlich mitgenommenen Eindruck.

Die Polizei hat aus dem Haus allerlei Videospiele und -bänder abtransportiert; Material, das noch gesichtet werden muss. Eine Sonderkommission hat inzwischen damit begonnen, das Umfeld des Jugendlichen auszuleuchten.

Unterdessen trumpfen drei pubertierende Schülerinnen bei den Fernsehteams in der Riedelstraße auf. Sie haben ein Jahrgangsheftchen der Hauptschule dabei und zeigen das Bild vor, das Martin mit seiner 9a zeigt. Ein salopp gekleideter Junge, Turnschuhe, kurze Hose, freundlich schaut er in die Kamera. Auf die abstehenden Ohren machen die Mädchen aufmerksam; sie kannten ihn von täglichen Wegen, er war Schülerlotse und in Erster Hile ausgebildet. "Rechtsradikal - nee!", sagen sie.

Es bleiben also viele Fragen, und nicht wenige richten sich an die Eltern. Über sie ist kaum etwas bekannt. Der Vater soll Zeitsoldat gewesen sein, dann Hausmeister, dann arbeitslos. Und die Mutter? Auch über die Schwester gibt es nur wenige Informationen. Sie hatte im Nachbarort Bayerisch Gmain ein Praktikum gemacht: im Haus Hohenfried, einer malerisch gelegenen Einrichtung für Behinderte jeden Alters. Offenbar lernte sie dort einen Bewohner kennen, der für eine Weile im Krankenhaus Bad Reichenhall behandelt werden musste, wo sie ihn weiterhin besuchte - sie brauchte ja bloß die Straße zu überqueren.

Von einem dieser Besuche soll sie - ungefähr zur Tatzeit - aus dem Krankenhaus ins elterliche Haus zurückgekommen sein. Warum und wann genau ihr Bruder sie dann erschoss, ist unklar.

Nahm die Mutter das Unfassbare zunächst noch einigermaßen gefasst auf, brach der Vater sofort zusammen; nach einer ersten psychologischen Betreuung flüchtete das Paar, das seine Kinder und seine Nachbarn verlor, zu Verwandten. Vernehmungsfähig waren beide nicht.

Auf der Straße vor dem Haus wird unterdessen diskutiert, wen man für das Massaker noch zur Rechenschaft ziehen könnte, wenn denn den Täter nicht mehr: Trifft den Vater eine Mitschuld, weil er sein Waffenarsenal nicht ausreichend unter Kontrolle hatte?

Gewiss ist: Ohne die Waffen hätte es keine Toten gegeben. Andererseits gibt es in Deutschland 1,6 Millionen Sportschützen, 280 000 Jäger und 300 000 Waffensammler, ohne dass es je zu einer solchen Tat gekommen wäre.

Wie kann es gleichwohl zulässig sein, dass scharfe Waffen mit dieser Durchschlagskraft in Privathäusern herumstehen? Soll das von Kritikern seit langem als altertümlich und umständlich bezeichnete Waffengesetz verschärft werden?


© Die Zeit 45/1999   








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