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  Literatur
Archiv 42/1999
               




Landser, Söldner und Kanaken

Jugendliche Gewalttäter verbreiten Angst und Schrecken. Warum sie das tun, liegt auf der Hand

von Bodo Morshäuser

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Wie war das noch mal mit der Gewalt Jugendlicher beziehungsweise mit deren Gewaltbereitschaft? In der globalisierten Wirtschaftswelt nimmt die Orientierungslosigkeit Jugendlicher zu, sodass besonders solche, die sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt sehen, mit Gewalt reagieren. Klingt plausibel, oder? Aber nichts davon ist wahr, es handelt sich um ein lupenreines Klischee. Erstens ist es nicht Ausdruck von mangelnder Orientierung, wenn man handelt. Zweitens sind es erwiesenermaßen nicht Jugendliche vom so genannten Rand der Gesellschaft, die mit Gewalt reagieren. Sie bilden mit der Mehrheit die Mitte der Gesellschaft. Nur ein geringer Prozentsatz jugendlicher Straftäter ist arbeitslos. Ihre Gewalt ist nicht sinnlos, sondern sozusagen der vorletzte Schrei eines Sinnes, der nicht zur Kenntnis genommen wird.

Infotainmenttechnisch dankbar und menschlich gnadenlos zur Kenntnis genommen werden Fälle wie jener von Mehmet aus München, der (Medien reagieren auf Medien) hier zum Jungbuhmann erklärt, des Landes verwiesen und in der Türkei sofort vom Fernsehen angestellt wurde. Oder der Fall eines 14-Jährigen aus Berlin, der vergangenen Sommer in der Karibik mit einem Erzieher einen Anti-Aggressions-Urlaub machte und mit Hinweis auf die Kosten dieser Maßnahme von der örtlichen Presse buchstäblich zurückgerechnet wurde. Die Rolle beider Kids war die des Monsters, das unsere gute Gesellschaft gemein schädigt und dann nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Gefordert wurde der Einschluss dieser Jugendlichen. Als Skandal wurde bezeichnet, dass die beiden weiterhin bürgerliche Rechte in Anspruch nehmen durften.

Während die Infotainmentabteilungen nur den Empörungswert bedienen, wenn sie zum Beispiel über Mehmet berichten, während sozialpädagogische Theroretiker die Mär von der Orientierungslosigkeit verbreiten, weisen Experten mit Praxisbezug ständig auf die chronisch unterbelichteten und dabei doch zutage liegenden Aspekte von jugendlicher Gewalt hin.

Das Vorurteil von den dumpfen Prüglern wird weggeräumt

Der Journalist Hans-Volkmar Findeisen und der Kriminalsoziologe Joachim Kersten haben ein Buch vorgelegt, das mit den üblichen Vor- und Falschurteilen über Gewalt jugendlicher Männer aufräumt und dafür plädiert, vor dem Urteilen erst einmal hinzuschauen und dann die jungen Leute nicht sofort wegzusperren. Die Autoren gehen auf Fixer im St. Georg Hamburgs ein, rekurrieren kurz auf die Jugendlichen der fünfziger Jahre und beschäftigen sich mit jungen Aussiedler-Russen, mit Skinheads in Brandenburg, Hooligans und Autonomen. Türkisch-deutsche Jugendliche haben leider kein eigenes Kapitel, werden aber hier und da vergleichend mit erwähnt. Zudem nutzten die Autoren Auslandsaufenthalte, um Jugendgewalt und amtliche Reaktionsweisen in anderen Staaten zu beleuchten, in den USA, in Südafrika, Australien/Neuseeland und Japan.

Um das geläufige, selber dumpfe Bild vom dumpf prügelnden Jugendlichen aufzulösen, unternehmen Findeisen und Kersten den Versuch, die Motive derer zu erkennen, die gewalttätig werden. Auf das sozialpädagogisch falsche Vokabular verzichten die Autoren. Man muss sich hier auf andere, vielleicht noch ungewohnte Begriffe einstellen. So werden junge Türken und Aussiedler-Russen als "Krieger" bezeichnet, Hooligans als "Wochenendsöldner" und ostdeutsche rechtsextreme Skinheads als "Landser". Was sie jeder für sich und alle zusammen anstreben, ist Sichtbarkeit.

Der junge Türke als "Krieger" und "Eckensteher" verteidigt seine beziehungsweise die Ehre der Familie. Er erwartet Respekt, und bekommt er ihn nicht, muss er für seine Ehre kämpfen. Gleichzeitig ist er Beschützer der anderen Familien- oder Sippenmitglieder (was ihm nicht verbietet, zum Beispiel seine Frau zu schlagen). Junge Aussiedler-Russen als "Krieger", die gelegentlich deutsche Polizisten angreifen und ab und zu übel vermöbeln, tun das, weil sie keinen Respekt vor einer Polizei haben, die nicht sofort zuschlägt, sondern erst mal diskutieren oder schlichten will. Der Hooligan als "Söldner" wird nur zu festgelegten Zeiten und besonderen Anlässen aktiv - meistens bei Fußballspielen am Wochenende. Der Rechts-Ost-Skin als "Landser" hat die Vorstellung, für das Vaterland den Kopf hinzuhalten und "dem Trommelfeuer des westlichen Zeitgeistes die arische Stirn" zu bieten. Wenn man diese Motivlagen nicht ernst nehme, so die Autoren, verstehe man nicht, welches Bild diese Jugendlichen von der Gesellschaft und von Gewalt haben und welche inneren Notwendigkeiten sie zu ihren Taten treiben.

Wer nicht aufhört zu unterstellen, auffällige Jugendliche seien orientierungslos, muss sich das wohl selbst nachsagen lassen. Findeisen/ Kersten behaupten und belegen, dass die Äußerungsformen jener "sichtbaren" Jugendlichen aus ziemlich genauen Gegen- oder Spiegelbildern des (sichtbaren) Selbstverständnisses der Gesellschaft bestehen. So sei die Heroinfixerszene auf St. Georg das Spiegelbild der körperbewussten, gestylten Welt der besseren Hamburger Gesellschaft, in der die eine oder andere Nase Kokain den Ruf nicht ruiniert. Die Russen- und Türkencliquen teilen mit den Bewohnern der Kleinbürgeridylle in grünen Randbezirken ähnliche Werte und Orientierungen, erstreben ähnliche Statussymbole. Das sei der Grund dafür, dass sie den Bürgern diese Statussymbole, Autos oder Handys zum Beispiel, wegzunehmen drohen.

In Hooligans sehen die Autoren ein Spiegelbild der Fußballgesellschaft, die enorme Aggressionen bündele und friedlich sich entladen lasse. Wie bei den Hooligans - dort allerdings, in Verpflichtung zum Gegenbild, nicht friedlich. Und rechte Skins versuchten ein Spiegelbild dazu aufzustellen, dass deutsche demokratische Identität sich aus der Ablehnung des NS-Staates ergibt. Also nicht Orientierungslosigkeit oder Werteverwirrung treibt diese Jugendlichen um, sondern harte, manchmal zu harte Arbeit an den Werten dieser Gesellschaft.

Obwohl Mädchen nicht weniger Aggressivität zu kontrollieren haben, werden zu 96 Prozent Jungen durch Straßengewalt amtsbekannt. Die Thesen der Autoren: Durch die meisten Taten Minderjähriger würden Männlichkeitsbilder gesucht und gefunden beziehungsweise fordere der Gruppenzusammenhalt, dass man feindliche Übergriffe ausagiere. Chronisch unterbelichtet würde die Beobachtung, dass Jungmänner, die Gewalt anwenden, dadurch eine Ausarbeitung ihrer Persönlichkeit, geradezu eine Entwicklungstätigkeit an ihrer eigenen Männlichkeit vornähmen. Sie strebten eine "Maskulinität der Mitte" an. Dazu müssten sie sich sichtbar machen, als Eckensteher, als Krieger, als Landser oder (sich selbst so bezeichnend) als Kanake.

Die Beziehung zwischen Gesellschaft und auffälligen Jugendlichen beschreiben die Autoren als "Korkenzieherbewegung" - sich in langen Zyklen windend zwischen Betreuung und Einschluss, zwischen welfare und justice. Restriktive und liberale Phasen wechseln sich ab. Zuletzt kam man in der Folge der späten sechziger Jahre davon ab, Jugendliche wegzusperren, und gründete Sozialisationseinrichtungen, in denen die Probleme der Betreffenden "behandelt" wurden. Mit der Zeit stellt man in diesen Einrichtungen die Grenzen der eigenen guten Absichten fest. In der Gesellschaft häufen sich Stimmen, die den konsequenten Wegschluss auffälliger Jugendlicher fordern. In den Augen (nicht nur) der Autoren sind wir wieder an diesem Punkt der moral panics angekommen, wo alle Erziehungs- oder auch nur Verstehensanstrengungen aufgegeben werden und die Exklusion Jugendlicher erneut Politik ist.

Gegen diesen "Verwahrvollzug" sowie gegen "Verpflegungshospitalismus in Jugendhilfeeinrichtungen" wendet sich das Buch. Die Autoren treten als Alternative dazu für eine "fürsorgliche Kontrolle" ein. Der Korkenzieher, so ihre Forderung, müsse nun wieder um eine Windung weitergedreht werden.

Die Justiz ist nur beschränkt eingriffsfähig. Es sind Einzelfälle, die von den zuständigen Behörden bis zum Gericht hoch verhandelt und beurteilt werden. Doch 80 Prozent der bekannt gewordenen Taten Einzelner geschehen aus einem Gruppenzusammenhang heraus. Oft ist die Gewalt nach außen das Mittel zur Anerkennung in der Gruppe. Wird der jugendliche Täter einzeln weggesperrt, bleibt der Anteil der Gruppe an der Tat unberücksichtigt. Zudem kommt der Jugendliche im Gefängnis mit dem Kriminalitätsbusiness oft zum ersten Mal nachhaltig in Berührung. Kriminelle Folgehandlungen der Gruppe oder des Einzelnen sind so gut wie sicher.

Die Kraft von Scham und Reue könnte genutzt werden

Als Alternative zum Verwahrvollzug werden die Arbeiten des australischen Kriminalsoziologen John Braithwaite erwähnt, der statt auf Staat und Strafe auf gemeinschaftsfördernde Rituale, die Stärkung der Nahraumkräfte sozialer Kontrolle und auf die Kraft von Scham und Reue setzt. Aber die von ihm so genannte "reintegrierende Täterbeschämung" (ein abgewandelter Täter-Opfer-Ausgleich, der ja selbst hierzulande bekannt ist) hat sich nirgendwo durchgesetzt. In einigen amerikanischen Bundesstaaten ist sie lediglich pervertiert worden in der Hinsicht, dass man da eine Zeit lang ein T-Shirt tragen muss, auf dem steht, welche Tat man verübt hat. Das hat nichts mit Integration, mehr mit Denunziation zu tun. Tatsache ist, dass die weichen Modelle gescheitert sind und dass weiterhin gnadenlos weggeschlossen wird.

Da mag es in Japan eine Einrichtung geben, an der Jugendliche einen Stein schleifen müssen, um wieder eins mit sich zu werden, da möge community policing in Chicago versucht werden, da möge es in Los Angeles einen Teen Court geben, wo jugendliche Ersttäter unter Aufsicht eines Richters von Gleichaltrigen ihre Strafe benannt bekommen - all diese Versuche mögen im Einzelfall zum Erfolg führen, jedoch ist eine Möglichkeit der Übernahme auf hiesige Verhältnisse nicht zu erkennen. Aber vor der Lösung eines Problems ist seine korrekte Beschreibung vonnöten. In diesem Buch ist sie zu lesen.

Weder die Wegschließ-Prosa verdatterter heuchelnder Erwachsener noch die "seminarmarxistischen" Versuche, gewaltauffällige Jugendliche als Opfer der Globalisierung, als Modernisierungsverlierer beziehungsweise als Vertreter eines angeblichen Rands dieser Gesellschaft darzustellen, sind in der Lage, das Problem auch nur zu beschreiben. Hans-Volkmar Findeisen und Joachim Kersten als Beobachter haben sich zu den Beobachteten hinbegeben, und sie haben gleichzeitig die anderen Beobachter (zum Beispiel die Medien) beobachtet, um die Rückkopplungsprozesse zwischen Darsteller-Jugendlichen und den Medien in die Beobachtung einzubeziehen.

Nicht selten kommt es vor, dass bestimmte Gewaltakte nur passieren, weil Medienaugen in der Nähe sind. Und es ist auch schon vorgekommen, dass der eine oder andere Reporter für ein paar Mark mehr eine benötigte Szene einfach nachstellen ließ. Gewalttätige Jugendliche und das Fernsehen haben gemein, dass sie beide auf Sichtbarkeit angewiesen sind.

Hans-Volkmar Findeisen/ Joachim Kersten: Der Kick und die Ehre Vom Sinn jugendlicher Gewalt; Kunstmann Verlag, München 1999; 256 S., 29,80 DM


© Die Zeit 42/1999   








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