Dies ist das Archiv von MedienGewalt.de.
Das Archiv enthält Momentaufnahmen von Webseiten.
Unter Umständen wurde die Seite inzwischen verändert.
MedienGewalt.de steht zu den Verfassern dieser Seite in keiner Beziehung.



Empfehlung von Mediengewalt.de: Gewaltfreie Computerspiele für Kinder
Beste SpieleBeste PC SpieleBeste PS3 SpieleBeste Wii SpieleBeste DS SpieleBeste Xbox 360 Spiele
Beste Spiele für Kinder ab 3 JahreBeste PC Spiele für Kinder ab 3 JahreBeste PS3 Spiele für Kinder ab 3 JahreBeste Wii Spiele für Kinder ab 3 JahreBeste DS Spiele für Kinder ab 3 JahreBeste Xbox 360 Spiele für Kinder ab 3 Jahre
Beste Spiele für Kinder ab 6 JahreBeste PC Spiele für Kinder ab 6 JahreBeste PS3 Spiele für Kinder ab 6 JahreBeste Wii Spiele für Kinder ab 6 JahreBeste DS Spiele für Kinder ab 6 JahreBeste Xbox 360 Spiele für Kinder ab 6 Jahre
Beste Spiele für Kinder ab 8 JahreBeste PC Spiele für Kinder ab 8 JahreBeste PS3 Spiele für Kinder ab 8 JahreBeste Wii Spiele für Kinder ab 8 JahreBeste DS Spiele für Kinder ab 8 JahreBeste Xbox 360 Spiele für Kinder ab 8 Jahre
Beste Spiele für Kinder ab 12 JahreBeste PC Spiele für Kinder ab 12 JahreBeste PS3 Spiele für Kinder ab 12 JahreBeste Wii Spiele für Kinder ab 12 JahreBeste DS Spiele für Kinder ab 12 JahreBeste Xbox 360 Spiele für Kinder ab 12 Jahre
Beste Spiele für die ganze FamilieBeste PC Spiele für die ganze FamilieBeste PS3 Spiele für die ganze FamilieBeste Wii Spiele für die ganze FamilieBeste DS Spiele für die ganze FamilieBeste Xbox 360 Spiele für die ganze Familie

  Literatur
Archiv 42/1999
               




Wie viel Vater braucht das Kind?

Acht Millionen Männer leben mit ihren Kindern zusammen - oft, ohne Zeit für sie zu haben. Das hat Folgen

von Thomas Gesterkamp

Sie müssen früh raus und kommen spät nach Hause. Stehen sie endlich in der Wohnungstür, sollen sie sofort die Windeln wechseln, eine Gutenachtgeschichte vorlesen oder beim Rechnen mit Zehnerüberschreitung gefälligst assistieren. Männer, so lautet dennoch der Standardvorwurf aus weiblichem Munde, sind das faule Geschlecht. Sie tun zu wenig im Haushalt, sie machen keinen Erziehungsurlaub, sie bleiben die ewigen Praktikanten des Privaten.

Während der Schwangerschaft schmieden werdende Eltern "partnerschaftliche" Pläne. Moderne Männer atmen mit im Hebammenkurs, im Gegensatz zur Generation ihrer Väter sind sie auch bei der Geburt dabei. Aber schon wenige Wochen später ist meist die Bereichsteilung festgezurrt: Papa geht arbeiten, Mama bleibt - vorläufig, wie sie betont - zu Hause. Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre, sagen die Soziologen. Höflicher ausgedrückt: Der Wandel in den Köpfen hat stattgefunden, es hapert bei der praktischen Umsetzung.

Eigentlich kann jedes Buch nützlich sein, das Männern hilft, sich aus dieser Traditionsfalle zu lösen. Das allerdings setzt eine realistische Beschreibung des Status quo voraus. Der Heidelberger Betriebswirt und Erziehungswissenschaftler Michael Matzner, Autor von Vaterschaft heute - Klischees und soziale Wirklichkeit, gibt sich als strenger Forscher. Er widerspricht der angeblich "undifferenzierten" These von den Schattenvätern, die sich nur um Beruf und Hobby kümmern, eine "populärwissenschaftliche Behauptung", wie er abwertend meint: "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß einige der Feministinnen, die das geringe familiale Engagement der Väter kritisieren, eine Wende zum Besseren nicht wollen." Einige Seiten weiter allerdings verblüfft gerade Matzner mit dem Lob eines Populisten par excellence: "Eine glänzende Analyse dieses Phänomens leistet der Publizist Matthias Matussek."

Die unter Trennungsvätern zum Kultbuch avancierte Polemik des Spiegel-Redakteurs (Die vaterlose Gesellschaft) als hochwissenschaftliche Abhandlung? Matzner selber entwertet die eigene kühne Ausgangsthese, der "abwesende Familienvater" sei "eher die Ausnahme als der Regelfall", durch seine gründliche Literaturrecherche und seine Untersuchungen über die Situation der 200 000 männlichen Alleinerziehenden in Deutschland.

Die Rechnungen, die Mütter dagegen nach einer Trennung aufmachen, sprechen eine deutliche Sprache. "All die Jahre hat er sich nicht gekümmert - und jetzt will er die Kinder plötzlich jedes Wochenende sehen!" Immerhin hat "er" sich die ganze Zeit ums Geldverdienen gekümmert, denn auch Erwerbsarbeit ist eine männliche Form der Sorge. Väter erwirtschaften hierzulande im Schnitt immer noch rund drei Viertel des Haushaltseinkommens. Ausbleibende Unterhaltszahlungen nach der Scheidung zermürben die Mütter, Kinder dienen dann als Faustpfand. Dass ihnen der Umgang erschwert oder verboten wird, entrüstet die Väter. Sie fühlen sich als Trennungsgeschädigte und formieren sich zu einem verbitterten Zweig der Männerbewegung - soweit man von einer solchen überhaupt sprechen kann. Für diesen militanten Geschlechterkampf lässt sich ein Teil der aktuellen Väterliteratur gerne instrumentalisieren.

Wassilios Fthenakis, der Nestor der deutschen Väterforschung, behauptet seit Jahren, es komme weniger auf die Quantität als auf die Qualität des männlichen Engagements in der Familie an. So lautet der Tenor von Gutachten, die "Giroväter" und ihre Anwälte in Scheidungsprozessen gern anführen. Fthenakis selbst vermeidet eine klare Positionierung im Minenfeld des Themas Sorgerecht. Zu Recht geht er im Grundsatz davon aus, dass auch Vollzeit arbeitende Männer Engagierte Vaterschaft praktizieren können. Diesen Titel trägt ein Band aus der Ratgeberreihe der LBS-Initiative Junge Familie, in deren Auftrag Fthenakis eine empirische Langzeitstudie durchführt. Über mehrere Jahre untersuchte Fthenakis 175 Paare, die zwischen Dezember 1995 und August 1996 ein Kind bekamen.

Der Münchner Familienpsychologe skizziert das Vaterbild im Spiegel der Epochen. Die heutige väterliche Rolle beschreibt er als "mithelfend" - "ein Paradoxon unserer Zeit ist, dass einerseits vermehrtes männliches Engagement in der Familie gefordert wird und dass andererseits die Zeitspanne kontinuierlich abnimmt, die ein Mann tatsächlich in seiner Familie verbringt". Die Betrachtung aus historischer Perspektive zeige, dass "trotz eines grundlegenden Wandels in den letzten dreihundert Jahren eine Tatsache konstant geblieben ist: Autorität und Respekt, die ein Mann im häuslichen Kontext erhält, sind unlösbar mit seiner Autorität und seinem Status außerhalb der Familie verknüpft."

Fthenakis liefert eine materialreiche Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Forschungsstands. Er garniert dies mit praktischer Lebenshilfe, die bisweilen altväterlich wirkt. Tipp folgt auf Tipp ("Überlegen Sie, ob Ihre Geschäftsreise wirklich notwendig ist"), der Vorrang der Erwerbsarbeit als Achse männlicher Lebensführung steht aber nie in Frage. Erst kurz vor dem Ende schneidet Fthenakis das Schlüsselthema "Väter zwischen Beruf und Familie" an - ohne ernsthaft in eine Debatte darüber einzusteigen, warum Männer sich in der Erwerbsarbeit verlieren, um dafür im Privaten zu Außenseitern werden. Stattdessen begnügt sich das LBS-Buch damit, "Anregungen" des amerikanischen Väterforschers James Levine nachzudrucken, die sich passagenweise wie eine Satire lesen: "Machen Sie einen Überraschungsanruf" oder, noch besser: "Was Ihre Frau braucht, wenn Sie unterwegs sind: Ihr Ohr. Ihr Geschenk für den Valentinstag. Ihre Bonus-Kilometer als Vielflieger."

Vaterlosigkeit ist ein Trauma. Es macht einsam und traurig

Das kommt heraus, wenn man einfache Rezepte verkauft, sich aber um die Diagnose des Kernproblems herummogelt. Leider schreibt auch der auf Hawaii lebende US-Autor John Selby (Väter und ihre Rolle in unserem Leben) aus rein psychologischer Perspektive. Er konzentriert sich auf die Beziehung zum eigenen Vater: "Zweifellos hat der Mann, der in den ersten fünf, zehn Jahren unseres Lebens die männliche Hauptrolle spielte, unsere Persönlichkeit ganz entscheidend geprägt. Zumindest bis zu einem gewissen Grad gleichen wir heute dem Mann, der für uns als Kind damals die Vaterrolle eingenommen hatte."

Für Selby ist der Vater "in unserem innersten Selbst" verankert und beeinflusst den Umgang mit anderen Menschen - ganz gleich, ob er noch lebt oder schon gestorben ist. Die "eigene Elternschaft" ist bei Selby allerdings nur auf zwölf Seiten Thema. Ratschläge wie "Nimm dir Zeit", "Entspann dich", "Mache es dir bequem" oder "Halte einen Moment lang inne" wirken angesichts des enormen Drucks, den eine familienfeindlich strukturierte Arbeitswelt auf gutwillige Väter ausübt, blauäugig, ja fast zynisch.

Der Brückenschlag zwischen Privatem und Politischem, zwischen individueller Veränderung und gesellschaftlichen Zwängen glückt am ehesten dem Berliner Analytiker Horst Petri - trotz des abschreckenden Titels Das Drama der Vaterentbehrung. Klare Worte gleich zu Beginn zum Phänomen Matussek: "Die vaterlose Gesellschaft ist mehr denn je zu einem Phantom geworden, das der aggressiven Vorurteilsbildung dient und die Atmosphäre vergiftet. Deswegen sollte der Begriff umgehend aus dem Wörterbuch der Geschlechterbeziehungen gestrichen werden."

Petri konzentriert sich auf die psychosozialen Folgen des wirklich verloren gegangenen Vaters. "Die Darstellung handelt nicht von Zeiten der Vaterabwesenheit, die berufsbedingt ist. Im Zentrum steht die definitive Vaterlosigkeit, die durch unbekannte Erzeuger schon ab der Geburt besteht, oder die durch Trennung, Scheidung oder Tod des Vaters zwischen früher Kindheit und Jugend eintritt."

Der Autor analysiert die Folgen der Vaterentbehrung für den künftigen Lebensentwurf. Vaterlose können ihm zufolge keine seelische Stabilität entwickeln. Schwierigkeiten unter anderem im Sozialverhalten sind die Folge dieses Traumas: "Das Defizit, das ein verlorengegangener Vater hinterläßt, bedeutet Schmerz, Trauer und Einsamkeit."

Wie Fthenakis geht Petri erst spät auf "allgemeine Rahmenbedingungen" ein, bezieht sich dann aber durchaus politisch auf den "Entwurf eines neuen Geschlechtervertrages", wie ihn 40 Vertreterinnen und Vertreter aus Gewerkschaften, Wissenschaft, Medien und Politik im November 1998 in einem offenen Brief an Familienministerin Christine Bergmann formuliert haben.

Die berufliche Frauenförderung in ihrer bisher praktizierten Form, so die Initiatoren, habe nur wenig an den Rollenzuweisungen der Geschlechter geändert. Steuer- und Sozialpolitik legen Männer auf die Ernährerrolle fest; die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Arbeitsleben sei nur zu verwirklichen, wenn für Männer Wege aus ihrer "eindimensionalen Ausrichtung auf die Erwerbsarbeit" geöffnet würden.

Petri unterstützt dieses "neue Emanzipationsbündnis", das "dem bisherigen Konfrontationskurs eine Absage erteilt". Er hofft, so könnten die "schlimmsten Folgen für die Betroffenen und das Gemeinwesen abgemildert, im besten Fall vermieden werden". Dem Analytiker gelingt es, die meist getrennten Diskussionsstränge zusammenzuführen: Ein neuer Blick auf die Rolle der Väter jenseits der Gräben des Geschlechterkampfes entsteht nur dann, wenn die Zukunft der Familie, die Zukunft der Arbeit und die Zukunft der männlichen Identität miteinander verknüpft werden. Väter brauchen mehr Freiräume im Beruf, wenn sie ihre private Rolle besser ausfüllen wollen.

· Wassilios Fthenakis u. a.: Engagierte Vaterschaft Die sanfte Revolution in der Familie; herausgegeben von der LBS-Initiative Junge Familie; Verlag Leske + Budrich, Opladen 1999; 352 S., 36,- DM

· Michael Matzner: Vaterschaft heute Klischees und soziale Wirklichkeit; Campus Verlag, Frankfurt 1998; 246 S., 39,80 DM

· Horst Petri: Das Drama der Vaterentbehrung Chaos der Gefühle - Kräfte der Heilung; Herder Verlag, Freiburg 1999; 224 S., 36,- DM

· John Selby: Väter und ihre Rolle in unserem Leben Kösel Verlag, München 1999; 160 S., 28,- DM


© Die Zeit 42/1999   









ZUM THEMA
ARTIKEL



1.Wort markieren
2.Button anklicken
3.Erklärung erscheint!