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  Politik
Archiv 20/1999
               




Am Anfang steht Erziehung

Wenn Vater und Mutter versagen, müssen Schulen und Lehrer die Eltern ersetzen. Können sie das?

von KLingst

DIE ZEIT: Brutale Schlägereien auf deutschen Schulhöfen, Lehrer, die sich mancherorts kaum noch in ihre Klassen trauen - kein Tag vergeht ohne neue Schlagzeilen über die wachsende Jugendgewalt. Drohen uns amerikanische Verhältnisse?

CHRISTIAN PFEIFFER: Nein, nach wie vor gilt für die meisten jungen Menschen der Grundsatz: Aus jeder Raupe wird einmal ein Schmetterling. Allerdings stellen wir seit dem Fall der Mauer Veränderungen fest. Eine wachsende Zahl Jugendlicher glaubt nicht mehr an den alten Satz "Jeder ist seines Glückes Schmied". Armut und Perspektivlosigkeit zeigen Folgen. Die Jugendgewalt hat sich nach den polizeilichen Daten verdreifacht. Für den Anstieg gibt es aber noch einen weiteren Grund, der leider viel zu wenig beachtet wird: das hohe Maß an innerfamiliärer Gewalt. Vereinfacht gesagt: Wer als Kind geprügelt wird oder seine Eltern beim Prügeln beobachtet, neigt später eher dazu, selber zu schlagen.

ZEIT: Am Anfang steht die Erziehung. Der dänische Staat nimmt die Eltern früh und streng an die Hand.

LARS RAND JENSEN: Ja, wir Dänen sind sehr interventionistisch. Bereits nach der Geburt eines Kindes kommt regelmäßig eine Hebamme ins Haus, um den Eltern zu helfen. Läuft in der Erziehung und Pflege etwas schief, meldet sie es weiter. In problematischen Familien setzt sich das Sozialamt mit den Eltern an einen Tisch und vereinbart einen sogenannten Familienplan. Darin steht zum Beispiel, daß der Vater eine Alkohol-Entziehungskur machen muß, die Kinder nach der Schule regelmäßig in einen betreuten Jugendclub oder Sportverein gehen, daß die überforderten Eltern sich Rat und Hilfe in einem Erziehungskurs holen.

ZEIT: Was aber passiert, wenn die Eltern den Plan nicht einhalten?

JENSEN: Wir können Druck ausüben, indem wir beispielsweise das Kindergeld direkt an den Kindergarten, den Sportverein oder die Jugendschule zahlen, also an die Einrichtungen, die sich um die jungen Menschen kümmern.

HARTMUT LÄGEL: Am Anfang ist die Erziehung. Nur wenn Vater oder Mutter wie heute immer häufiger versagen, müssen Schulen in die Elternrolle schlüpfen. Darauf sind die Schulen und die Lehrer nur unzureichend vorbereitet. Jugendliche, die zu Straftätern werden, haben meistens ein stark gestörtes Selbstwertgefühl. Schule muß deshalb über eine Lernanstalt hinaus ein Raum sein, wo Schüler Erfahrungen sammeln, die sie lebenstüchtig machen.

ZEIT: Was heißt das konkret?

LÄGEL: Schüler müssen Regeln lernen, Grenzen erfahren und Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen. An meiner Schule haben sich Eltern, Schüler und Lehrer an einen Tisch gesetzt und sehr konkrete Vereinbarungen darüber getroffen, welche Regeln in der Schule gelten sollen. Das ist keine Verordnung von oben, sondern ein von allen aufgesetzter Vertrag. Da geht es um Umgangsformen, Ordnung und die Schlichtung von Konflikten. Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens, gerade angesichts der wachsenden Gewalt.

PFEIFFER: Eine Befragung von 10 000 Schülern in verschiedenen Großstädten hat ein faszinierendes Ergebnis erbracht: Je mehr junge Menschen hinschauen, was um sie herum geschieht, desto geringer ist die Gewalt.

LÄGEL: Unser Schülerrat hat von sich aus interessierte Schüler für zwei Tage zu einem Kurs über Streitschlichtung geschickt. Nur wer die Gewalt so früh wie möglich thematisiert, kann rechtzeitig gegensteuern.

ALBRECHT LÜTHKE: In Amerika zum Beispiel sitzen Schüler über Schüler zu Gericht. Das sind richtige Verhandlungen, an deren Ende auch Auflagen ausgesprochen werden können, zum Beispiel die Entschuldigung beim Opfer oder gemeinnützige Arbeiten in den Schulen.

ZEIT: Ein Volkstribunal ohne anwaltliche Vertretung und unabhängigen Richter?

LÜTHKE: Es geht hierbei weniger um rechtsstaatliche Verfahrensgarantien, die bei uns manchmal etwas überbetont werden. Einige amerikanische Schulen versuchen eben, Gewalt und Kriminaltität in ihrem Bereich zunächst einmal selbst zu regeln, ohne gleich zum Jugendrichter zu laufen. Das ist doch ein vernünftiger Ansatz.

PFEIFFER: Schülergerichte halte ich für typisch amerikanischen Unsinn. Richter brauchen wir außerhalb der Schule, aber bitte nicht unter Kindern oder Jugendlichen. Wo kommen wir hin, wenn Kinder Kindern sagen dürfen: "Im Namen des Volkes oder unserer Schulgemeinschaft, wir verurteilen dich!" Schule hat in dieser Zeit eine ganz andere Aufgabe. Eine unserer Untersuchungen hat ergeben, daß von 10 000 befragten Kindern knapp zehn Prozent zu Hause massiv mißhandelt worden sind, mit Fußtritten, Fäusten oder noch schlimmer. Nur drei Prozent aber haben sich an den Kinderschutzbund oder das Jugendamt gewandt. Das muß sich ändern, und Schule kann dabei unterstützen. An vier Modellschulen in Hannover bieten Helfer ihren Rat an. Wenn die Kinder es wollen, auch anonym, das heißt ohne Weitergabe der Informationen an die Eltern, die Polizei, das Jugendamt.

ZEIT: Ist die Schule der Zukunft mehr Sozialzentrum als Lehranstalt?

JENSEN: Zumindest in den Brennpunktgebieten. In Dänemark arbeiten wir bereits so, mit gutem Erfolg. Schüler finden für ihre Probleme viele Ansprechpartner, nicht nur die Lehrer. Mancherorts haben Krankenschwestern, Psychologen, Sozialarbeiter und die Jugendbeauftragten der Polizei in den Schulen feste Sprechstunden. Überhaupt existiert in allen dänischen Gemeinden eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Sozialarbeit und Polizei. Das ist der Kern unseres Präventionsprogramms.

LÄGEL: Diese drei Institutionen gehören unbedingt in ein Boot. Diese Erkenntnis bricht sich in Deutschland nur langsam Bahn. Ich habe in den vergangenen Jahren oft erlebt, daß sich die drei unter dem Vorwand des Datenschutzes gegeneinander abgeschottet haben. Doch es wäre für uns Lehrer sehr hilfreich von der Polizei zu erfahren, daß zum Beispiel ein Schüler regelmäßig stiehlt und die Ware in der Schule verhehlt. Hier müssen wir den Datenschutz neu definieren, denn es geht um eine gemeinsame Aufgabe, bei der sich Schule, Sozialarbeit und Polizei unbedingt einander zuarbeiten müssen.

LÜTHKE: Ein Problem allerdings bleibt: Die überwiegende Zahl jugendlicher Straftäter, die mir vor Gericht begegnet, hat die Schule abgebrochen. Die Schule kann hier also nicht Sozial- und Beratungszentrum sein. Die Frage also ist: Wie kriegt man sie wieder in den Unterricht? Das ist ein schwieriger Weg. In Rostock haben wir vor einiger Zeit das Projekt "Spartakus" gestartet, das sich inzwischen gut bewährt. Dreimal die Woche unterrichten Sozialarbeiter die jungen Menschen meist in praktischen Dingen, um sie so allmählich an ein regelmäßiges Leben und Lernen zu gewöhnen. Nach diesem Übergang gehen die Jugendlichen wieder in eine reguläre Schule.

PFEIFFER: Wir haben in Hannover sämtliche jugendlichen Gewalttäter untersucht. Drei Viertel jener, die zur Schule gingen, besuchten eine sogenannte Verliererschule, also keine Realschule oder Gesamtschule und auch kein Gymnasium. Und noch etwas: Der Zuwachs an Jugendgewalt - nicht der in Ostdeutschland, aber jener in den westdeutschen Großstädten - ist vor allem die Folge von Einwanderung und mangelnder Integration. Viele junge Türken, junge Jugoslawen und Aussiedler sprechen schlecht Deutsch und haben riesige Probleme in der Schule und damit auch in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Im Vergleich zu deutschen Jugendlichen haben von ihnen doppelt bis dreimal so viele zu Hause Gewalt erfahren. Das ist ein sehr ernstes Problem, das wir nicht verschweigen dürfen. Alle guten Antworten, die wir hier suchen, werden fehlschlagen, wenn es nicht schnell Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten gibt, die türkisch oder russisch sprechen können.

LÄGEL: Sagen sie nicht, wir in der Schule würden das Mäntelchen des Schweigens darüber legen. Die Schule, die in einem Ortsteil angesiedelt ist, wo die Stadtplaner ganze Häuserzeilen und Straßenzüge mit Ausländern besiedelt haben, kann auf keinen grünen Zweig kommen.

ZEIT: Fordern Sie eine andere Belegungspolitik?

LÄGEL: Allerdings, auf die Mischung kommt es an. Integration ist ein positives Selbststeuerungssystem. In dem Augenblick, in dem die Balance gestört wird und reine Ausländer- und Aussiedlergettos existieren, kriege ich die Integration nicht in den Griff.

JENSEN: An diesem Punkt widerspreche ich. In meine dänische Stadt Odense sind viele Palästinenser gezogen, die daheim schlimme Gewalt erfahren haben. Für eine Übergangszeit kann die sogenannte Gettoisierung notwendig sein, jedenfalls bis sich die Einwanderer untereinander in der neuen, fremden Heimat etwas sicherer fühlen. Wir haben zum Beispiel im Sport Fußballschulen nur für Türken eingeführt. Alle Jungen spielen gerne Fußball, aber in einen dänischen Verein wagen sie sich nicht.

PFEIFFER: Das ist ein sehr wichtiger Schritt. Sport ist gegen Gewalt und Kriminalität eine besonders gute Schutzimpfung. Im Sportverein bekommt man Anerkennung und kann manchen Alltagsfrust kompensieren. Das zeigen viele Untersuchungen. Leider haben wir festgestellt, daß gerade die armen und die ausländischen Jugendlichen kaum in Sportvereinen sind. Da sitzen die deutschen Mittelschichtsjugendlichen. In Hannover bitten wir deshalb Trainer in den Schulunterricht und bieten kostenlose Schnupperstunden an.

LÜTHKE: Die Schule hat hier eine wichtige Aufgabe. Junge Ausländer müssen intensiv Deutsch lernen, man muß sie schnell in Freizeitgruppen und Jugendclubs unterbringen. Für alle Jugendlichen gilt: Sie dürfen nicht für langezeit tatenlos herumhängen.

PFEIFFER: Das ist nicht nur eine Aufgabe für die Schule, sondern für die gesamte Gesellschaft. Es müßte doch genug deutsche Schüler, Studenten, Nachbarn geben, die bereit sind, Einwanderern Nachhilfe zu geben. Es war hirnrissig, daß die alte Bundesregierung die Sprachkurse für Aussiedler reduziert hat.

LÄGEL: Ohne deutsche Sprache kann es keine Integration geben. An meiner Schule haben wir 150 Aussiedlerkinder. Sie kommen gleich von Anfang an in eine normale Klasse. Sie machen auch gleich beim Sportunterricht mit. Dänemark mit seinen vielen Jugendvereinen und Jugendclubs ist da ein leuchtendes Beispiel. Bei uns fehlt dafür das Geld.

PFEIFFER: Ich kann das Jammern "Es ist kein Geld da" nicht mehr hören. Wir sind das reichste Volk Europas, aber wo ist der Reichtum? Er ist nicht in der öffentlichen, aber in privater Hand. Die Zahl der Haushalte, die 10 000 Mark netto und mehr verdienen, hat sich zwischen 1987 und 1993 verfünffacht. Es ist Geld in Hülle und Fülle da, man muß es nur abholen. Zum Beispiel durch Stiftungen, die Jugendprojekte und Schulen unterstützen. Hier gilt es neu zu denken und Barrieren in den Köpfen abzubauen.


© Die Zeit 20/1999   







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