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Blumen vor der Partnerschule in
Mainz | "Was sollen
wir sagen? Es ist so schwierig"
Mainzer
Partnerschule trauert um die Opfer von
Erfurt
Es scheint wie immer zu sein. Auf dem
Pausenhof wird gequatscht, ein Witzchen wird gerissen, Pläne
für den Tag werden geschmiedet. Und trotzdem ist es anders.
Die Pausen zwischen den Gespächen sind länger, die Gesichter
in der Frühlingssonne etwas bleicher, das Lachen wird von der
gedämpften Stimmung verschluckt, die sich wie eine Wolke um
das Mainzer Gutenberg-Gymnasium gelegt hat.
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von Nicola Frowein,
29.04.2002 [Archiv]
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"Die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die wir
jetzt alle empfinden, können die Schüler doch gar nicht
alleine verarbeiten." |
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Ulrich Losemann, Schulleiter |
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Wie an allen Schulen
in Deutschland wird auch hier der Opfer des Erfurter Amoklaufs
gedacht. Doch in die Erschütterung über die schreckliche Tat
mischt sich persönliche Betroffenheit. Das Schweigen
für die ermordeten Lehrer und Schüler paart sich mit
der Trauer um Freunde und Bekannte: Seit elf Jahren besteht
zwischen dem Mainzer und dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium
eine enge Schulpartnerschaft.
Aus
Austauschprojekten sind Freundschaften entstanden, Kollegen
sind sich nahe gekommen, Schüler wechseln Briefe, E-Mails
und besuchen sich. "Ronny, wir werden Dich vermissen", steht
in dem Kondolenzbuch, das in der Mainzer Schule ausliegt.
Teelichter und ein großes Blumengebinde zieren den Tisch.
Neben der Liste mit den Namen der Opfer steht ein kleiner
Strauß Maiglöckchen, deren schwerer Duft in der Luft
liegt. |
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"Schau mal, der tote
Schüler heißt Ronny, war das nicht der
Eine...", flüstert ein etwa 16-Jähriger seinem Freund zu.
Der ist sich nicht ganz sicher. Ist sich auch nicht sicher,
was er in das schwarze Buch eintragen soll. Gefühle zeigen ist
schwer. |
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| Kondolenzbuch |
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Keine
Antworten "Die
Hilflosigkeit und Ohnmacht, die wir jetzt alle empfinden,
können die Schüler doch gar nicht alleine verarbeiten", sagt
Ulrich Losemann, Schulleiter in Mainz. Nicht nur die
Vertrauenslehrer des Gymnasiums sind im Einsatz. Der
Schulalltag wird in dieser Woche ausgesetzt, ausreichend
Raum für Gespräche wird gegeben. "Wir müssen uns jetzt vor
allem auf das Grauen in Erfurt konzentrieren, Besinnung
ermöglichen und die individuelle Trauerarbeit
unterstützen", sagt Losemann. "Antworten auf die Motive
des Täters können auch wir nicht geben", fügt er hinzu.
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"Nein, mit dem
Schulsystem hat der Amoklauf nichts zu tun. Das hat es doch
auch schon in Amerika gegeben - und da haben die Schulen ein
ganz anderes System", sagt der 16-jährige Tobias. "So
etwas kann überall passieren. Und wer sich irgendwie eine
Waffe beschaffen will, der kommt auch dran", ergänzt
seine Mitschülerin Jenny (16). Sie sind überzeugt, dass
auch mit Verboten nichts erreicht werden kann. "An dem
Verhältnis von Lehrern und Schülern muss gearbeitet werden",
sagen sie. |
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Gemeinsames
Buch Die zehnte
Klasse, die auch Tobias und Jenny besuchen, hat ein besonders
enges Verhältnis zur Partnerschule. Eineinhalb Jahre
haben die Mainzer gemeinsam mit den Erfurter Altersgenossen an
einem Sachbuch über Gutenberg gearbeitet. Unter den Opfern
ist die Betreuungslehrerin, die sich besonders für das
ehrgeizige Projekt engagiert hatte. |
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"Nein, mit dem Schulsystem hat der
Amoklauf nichts zu tun. Das hat es doch auch schon in
Amerika gegeben - und da haben die Schulen ein ganz
anderes System." |
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Tobias (16), Schüler |
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"Einer aus unserer
Klasse hat am Freitag die Nachrichten gesehen und sofort einen
Rundruf gestartet. Dann haben wir alle nur noch vorm
Fernseher gesessen", erzählt Jenny. Klar, irgendwie wolle man
jetzt mit den Erfurtern Kontakt aufnehmen. "Aber wie? Sollen
wir anrufen oder schreiben? Was sollen wir sagen? Es ist so
schwierig", sagt sie und wird ganz still.
Am Freitag
fahren die Zehntklässler zu dem großen Trauergottesdienst nach
Thüringen. "Wir werden uns in den Arm nehmen und Trost
spenden, der Rest ergibt sich schon." |
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"Amerika war weit
weg" "Ich versuche
mir immer vorzustellen, wie ich reagiert hätte, wenn plötzlich
die Türe aufgeht und mein Lehrer erschossen wird", sagt die
18-jährige Meike. Ganz in sich gekehrt sitzt die
Zwölftklässlerin zwischen
ihren Mitschülern. "Amerika war immer so weit weg,
aber diese Tat ist plötzlich so nahe." |
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Dass so etwas an
der Mainzer Schule passieren könnte, glaubt sie nicht. "Da
sind sicher viele Faktoren zusammen gekommen. Und auch
das Schulsystem in Erfurt ist doch nicht gut. Dass der Junge
am Ende ganz ohne Abschluss dastehen sollte, hat ihn sicher
wütend gemacht", überlegt die Schülerin, die selbst im
nächsten Jahr Abitur machen will. Von stärkeren Kontrollen an
den Schulen hält sie nichts. "Dann ist auch die Angst immer
präsent. Aber Schule ist Alltag und sollte es auch bleiben",
sagt Meike. |
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"Ich versuche mir immer vorzustellen,
wie ich reagiert hätte, wenn plötzlich die Türe aufgeht
und mein Lehrer erschossen wird." |
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Meike (18), Schülerin |
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Das sieht Schulleiter
Losemann genauso. "Metalldetektoren und Verbote lösen keine
Spannungen. Wir müssen ein akzeptables Klima des Vertrauens
und der Offenheit an den Schulen schaffen." Von steigender
Gewaltbereitschaft kann Losemann an seinem Gymnasium nicht
sprechen. "Vielleicht wird die verbale Gewalt stärker, aber
die tätlichen Auseinandersetzungen sind die gleichen, die es
an Schulen schon immer gegeben hat", sagt er. |
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Betroffenheit im
Kollegium Offenbar
bemüht, durch klare und wohldurchdachte Formulierungen
von der eigenen Betroffenheit abzulenken, berichtet
Losemann ganz nüchtern von dem Entsetzen, das auch sein
Kollegium angesichts des Blutbades in Erfurt ergriffen hat.
Vorsichtig deutet er das "intensive Empfinden" der Lehrer an,
die enge Kontakte zu der Partnerschule hatten. |
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Nur
manchmal lässt der Schulleiter seinen Blick auf den
Pausenhof gleiten. Draußen sieht er die deutsche
Flagge auf Halbmast. Wenn der Wind hineinbläst, flattert sie
groß und offen im Frühlingswind, dann wieder verheddert
sie sich am Mast - ein Symbol der Verstörung am
Mainzer Gutenberg-Gymnasium. |
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