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7. Oktober 2002    <Gast>
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Computerspiele als Gewalt-Inspiration?


Dossier: Die „Counterstrike-Debatte“
Experten-Forum zur „Counterstrike“-Diskussion
Forum: Das Massaker in Erfurt
FAZ.NET-Spezial: Das Schulmassaker in Erfurt
Counterstrike
Offene Diskussion verhindert gesellschaftliche Ächtung
 
 
1. Mai 2002 Liebe User, Gamer, Leser,

ich bin einer der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (F.A.Z.). Und ich bin verantwortlich für den Artikel, der viele von Ihnen so erbost. Lassen Sie uns streiten - und zwar Onlinespieler mit Nicht-Onlinespielern, CS-Fans mit CS-Feinden. Oder um genauer zu sein: Internetcommunity mit Papiercommunity. Denn viele Missverständnisse haben auch mit den unterschiedlichen Technologien und ihren Öffentlichkeiten zu tun. Im Internet ist alles fast gleichzeitig, in der Zeitung dauert es mindestens 24 Stunden bis man reagieren kann.

Also: Viele Counterstrike-Spieler sind wütend auf uns. Sie fühlen sich missverstanden. In Ihren Worten: in eine Schublade gesteckt, in die sie nicht gehören und zu Unrecht attackiert. Sie befürchten, dass nun Spiele wie Counterstrike (CS) ganz verboten werden könnten. Einige glauben, wir hätten sie zu potentiellen Amokläufern gestempelt. Und manche haben sogar Angst vor einer Kriminalisierung von LAN-Partys. In den meisten Fällen aber gilt: Eltern beginnen sich plötzlich für die Computerspiele und Onlineaktivitäten ihrer Kinder zu interessieren, was auch nicht jedem minderjährigen Spieler gefällt, und vielleicht doch kein Schaden ist. Aber: Sie alle machen es sich zu einfach, wenn Sie behaupten, wir hätten Counterstrike-Spieler zu Killern erklärt. Das stimmt nicht. Wir haben nur gesagt, dass der größte Massenmord in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands aller Wahrscheinlichkeit nach am Computer vorgespielt wurde. Damit ist etwas über Robert Steinhäuser ausgesagt, nicht über die Community.

Echo auch aus Politik, Wirtschaft und Kultur

Das sind ein paar der Vorwürfe, die alle im Forum von FAZ.NET nachzulesen sind. Doch es gibt auch andere Stimmen: manche, die Counterstrike oder Quake nicht mehr spielen wollen.

Um es kurz zu machen: Wir sind sehr beeindruckt von den Reaktionen auf den Artikel „Software fürs Massaker“, der letzte Woche in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erschien und in unzähligen Kopien im Netz verbreitet wird. Wir haben viele Echos aus der Politik, Wirtschaft und der Kultur erhalten; vor allem aber erreichen uns unzählige Stellungnahmen aus der Gamer-Community. Seien Sie bitte versichert: Diesen Kontakt wollen wir nicht abreißen lassen.

Wir wissen, dass manche der Mails von Webpages inspiriert wurden, in denen der Inhalt des Protestes vorformuliert wurde. Wahrscheinlich deshalb haben die Vorwürfe der Gamer gegen uns ausschließlich zwei Stoßrichtungen: schlechte Recherche und moralische Diffamierung.

Zur Recherche

Wir sind nicht der Meinung, dass der Artikel Recherchefehler enthält. Dass der Ablauf des Spiels in Details anders sein mag (Besetzung von Gebäuden/Fahrzeuge), ändert ja nichts daran, worum es in diesem Spiel geht. Der Originalartikel in der Sonntagszeitung war mit unzähligen Screenshots aus dem Spiel versehen, die keinen Zweifel daran lassen können, dass CS ein Spiel ist, in dem es darum geht, realistisch auf Menschen zu schießen. Dass diese Menschen typisiert sind, macht die Sache ja nicht besser. Und die Tatsache, dass Skins von Schulmädchen, Prominenten, Terrorgruppen (Hisbollah) und Polizeigruppen (GSG 9) im Internet herunterzuladen sind, zeigt, welche Bedürfnisse durch Counterstrike auch angesprochen werden können. Selbst wenn es diese Skins nicht gäbe: es ändert nichts am Spielkonzept. Hinweise von Gamern, wer Geiseln erschieße, werde schließlich im Spiel „bestraft“ und sogar von einigen Servern verbannt, sind in ihrer Doppeldeutigkeit - mit Verlaub - etwas unheimlich. Es geht ja doch darum, dass Geiseln oder VIPs überhaupt erschossen werden können.

Damit ist nicht gesagt und sollte nicht gesagt werden, dass Counterstrike-Spieler massenhaft Schulmädchenskins herunterladen oder Geiseln erschießen. Aber erschießen sie Polizisten? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung macht keine Politik. Sie berichtet. Es wird damit auch nicht gesagt, dass jeder Spieler ein Amokläufer ist. Gesagt wird nur, dass das Spiel etwas simuliert, was Robert Steinhäuser in die Tat umsetzte.

Es stimmt, das Spiel ist noch nicht indiziert. Die amerikanische Version freilich darf in Deutschland unseres Wissens nicht verkauft werden; die Altersbegrenzung lautet auf 18 Jahre. Als Medienunternehmen sind wir Feinde der Zensur. Uns sind Eigenverantwortlichkeit und Souveränität lieber. Die Beiträge in den FAZ.NET-Foren haben allerdings gezeigt: Die Gemeinschaft, die sich hier äußert, ist - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - argumentativ aufgeschlossener und nachdenklicher als mancher Politiker. Gäbe es eine Untersuchung über die Wirkung von CS auf Menschen, so würden die Beiträge in diesen Foren gewiss zeigen, dass es nicht automatisch zur Verrohung von Menschen führt.

Manche behaupten, wir hätten Reaktionen des Killers und seines Lehrers falsch dargestellt. Bitte bedenken Sie: Der Artikel hat den Stand von Samstag, 16 Uhr, also einen Tag nach den Ereignissen. Damals wusste man, dass der Täter, laut Aussage seiner Mitschüler, Counterstrike gerne spielte, aber auch andere Ego-Shooter besaß, angeblich in Internet-Cafés ging und seinen Rachezug so aufbaute, wie in einem einschlägigen Spiel. Zugleich wusste aber auch jeder, wie es bei dem Columbine-Massaker in Littleton zugegangen war. Die Täter waren Quake-Enthusiasten. Dies alles sind - wie bei jeder Ermittlung - nur Indizien. Aber sie sind stark genug, eine Debatte zu erzwingen. Denn wir wissen, dass Filme und Spiele Rollenverhalten prägen können und bei einigen Menschen auslösen können, was man „hysterische Epidemien“ nennt - das sind massive psychische Ausraster, die sich wie durch einen Virus zu verbreiten scheinen.

Die Moral

Wichtiger als die angeblichen Recherchefehler sind die moralischen und gesellschaftlichen Aspekte des Vorgangs. Ich selbst kenne Halflife und wundere mich über den Erfolg dieses Spiels; in unserer Zeitung, in der es viele junge Redakteure gibt, spielen manche das eher harmlose Ultima online. Wahrscheinlich gibt es auch Counterstrike-Spieler bei uns. Wissenschaftlich ist nicht erwiesen, ob solche Spiele zu Wesensveränderungen oder besonderen Gewalttätigkeiten führen. Es wird gewiss auch nie zu erweisen sein. Es gibt genug Thesen für die eine wie für die andere Meinung (Spiele reinigen von Gewaltätigkeit / Spiele schaffen Gewalttätigkeit). Der individuelle Charakter wird von tausenden Mini-Effekten beeinflusst und gesteuert. Im Blut eines der Littleton-Attentäters fand man Spuren von Prozac, einem Psychopharmaka. Es gab eine Debatte in Amerika, ob Prozac Schuld am Massaker ist.

Ich glaube, wir müssen aufhören - und auch der Artikel hat dies so sagen wollen - einfache Ursachen für solche Erscheinungen zu suchen. Counterstrike ist  n i c h t  schuld am Massaker. Und wenn der Attentäter ein anderes Spiel gespielt hat, ist dies auch nicht schuld im klassischen Sinne von Ursache und Wirkung. Aber es gibt doch so etwas wie einen „Symptompool“. Wenn sich, wie dies in den vergangenen Jahren mehrfach der Fall gewesen ist, herausstellt, dass Highschool-Attentäter  a u c h  über Killer-Computerspiele verfügten, muss man darüber nachdenken, warum das so ist.

Die Spielerhersteller versuchen sich durch Typisierung zu retten: wie bei Halflife, wo die Opfer ja nur noch gleichsam geklonte Wissenschaftler sind, oder durch Monster wie bei Doom. Zur Not wird Blut grün statt rot oder man hört, wie in Alarmstufe Rot in der deutschen Version, nicht mehr das Schreien der Opfer. Aber jeder weiß doch: Der Realismus ist das Entscheidende bei diesen Spielen, und kein Gesetz wird verhindern, dass die Onlinewelt immer realistischer und anschaulicher wird.

Und hier kommen wir alle ins Spiel. Wenn ich es richtig sehe, ist durch den Artikel in der Sonntagszeitung zum ersten Mal eine Debatte zwischen den Betroffenen in Gang gekommen. Sie werden in dem Artikel keinen Satz finden, der das Verbot des Spieles fordert. Ich habe - und das hat mich sehr interessiert - gelesen, dass einige Gamer schreiben, sie spielten CS, weil sie dadurch Freunde kennen lernten. Andere loben die Notwendigkeit zu Absprache, gemeinsamer Taktik usw. Angesichts der Tatsache, dass noch vor 60 Jahren, viele von denjenigen, die heute CS spielen, in einen höchst realen Krieg hätten ziehen müssen, angesichts der Tatsache, dass Spiele fast immer Mord und Wiederauferstehung simulieren, vermuten viele, es handele sich hier um ein Bedürfnis, das tiefer reicht als wir ahnen.

Cyberwelten zwischen Teilen der Gesellschaft

Uns haben E-Mails erreicht - nicht viele, aber ein paar -, die eine erschreckende Überidentifikation mit Counterstrike und ähnlichen Spielen verraten. Das hat das Gefühl verstärkt, dass Welten zwischen Teilen dieser Gesellschaft liegen - und zwar Cyberwelten. Sollten die Schweigegrenzen nicht durchbrochen werden, wird es ohne Zweifel zu restriktiven Maßnahmen gegen entsprechende Spiele kommen. Bei AOL lese ich: „Clemens Trudewind und Rita Steckel von der Arbeitsgruppe für Motivations- und Emotionspsychologie der Universität Bochum untersuchten 280 Kinder. Nachdem die Schüler unterschiedliche Computerspiele spielen durften, wurden ihre Emotionen per Videokamera und Elektroden an den Fingern getestet, während ihnen Bilder von toten Menschen und Tieren vorgelegt wurden. Bei den untersuchten Acht- bis Vierzehnjährigen meinen die Autoren deutlich festgestellt zu haben, dass das „Einfühlungsvermögen für Mitleid erregende Bilder unterschiedlich ausgeprägt ist - je nach Bindungssicherheit der Kinder zu den Eltern und je nach Inhalt eines zuvor gespielten Computerspiels.“

Ich habe gegen solche Untersuchungen selten stichhaltige Argumente finden können. Außer dem entscheidenden Argument, dass wir ein freies Land sind und jeder für sich und seine Seele Verantwortung trägt. Aber seit ein paar Tagen gibt es ein weiteres Argument: der Ton im FAZ.NET-Forum zeigt, dass es sich bei der Gamer- und Internetcommunity um eine hochdifferenzierte, gesprächsbereite und lernfähige Gemeinschaft handelt. Die Community muss aber auch erkennen, dass sie sich nicht abkapseln darf, wenn sie nicht zum Opfereiner Art von gesamtgesellschaftlicher Therapie werden will. D.h., wenn sie nur in der Cyberwelt bleibt und nicht - wie jetzt geschehen - offen diskutiert, gerät sie womöglich in die gesellschaftliche Ächtung.

Die Debatte wird fortgeführt

Lassen Sie uns reden, und fühlen Sie sich eingeladen, dies auch in der Sonntagszeitung zu tun. Gehen Sie, wie wir, davon aus, dass nichts, was einmal erfunden, gedacht und gemacht wurde, rückgängig zu machen ist. Der Realismus der Spiele wird steigen - und wo soll die Grenze sein? Und werden Sie dann, wenn Sie selbst Kinder haben, wollen oder wollen können, dass diese in diesen Welten versinken? Alles Fragen, die jetzt besprochen werden müssen. Wir werden in der F.A.Z. und in FAZ.NET die Debatte weiterführen.

Zum Auftakt: Den folgenden Auszug eines amerikanischen Kritikers werden wir am Donnerstag in der F.A.Z. publizieren:
„Wir haben es hier mit einem unleugbaren Zeugnis der Wut einer ganzen Generation zu tun, einer langsam zusammengetragenen, lang unterdrückten und frei flottierenden Wut. Menschen, selbst adoleszente männliche Amerikaner, schlachten andere Menschen nicht ab, es sei denn, sie gerieten in Wut. Sie haben gewiss die Technologie - automatische Waffen, Rohrbomben, abgesägte Gewehre, alles so leicht erreichbar für den sechzehnjährigen Geek mit dem Minderwertigkeitskomplex wie der elektrische Rasierapparat vom Papa -, die es ihrer Wut erlaubt, im Schulmassaker zu enden. Und, ja, für amerikanische Kids, die Augen, einen Computer oder einen Fernseher haben, gibt es genug „gotisches“ Bildmaterial, genug chop-and-dice movies, shoot-em-ups und blow-em-ups im Kino, in der Mall und genug Regale mit cooler satanischer Musik, um das Herz eines Fünfzehnjährigen höher schlagen zu lassen. Das alles ist nichts Neues, legt gleichwohl die Frage nah, warum diese Jungen mit ratternden Gewehren aus ihren Garagen und vertäfelten Vorortskellern kommen, warum sie überall in Amerika erst ihre Mitschüler schlachten und dann sich selbst.“

Sehr herzlich, Ihr Frank Schirrmacher


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Screenshot
 
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