| Computerspiele als
Gewalt-Inspiration? |
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Counterstrike Offene Diskussion verhindert gesellschaftliche
Ächtung 1. Mai
2002 Liebe User, Gamer,
Leser,
ich
bin einer der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“
(F.A.Z.). Und ich bin verantwortlich für den Artikel, der viele von
Ihnen so erbost. Lassen Sie uns streiten - und zwar Onlinespieler
mit Nicht-Onlinespielern, CS-Fans mit CS-Feinden. Oder um genauer zu
sein: Internetcommunity mit Papiercommunity. Denn viele
Missverständnisse haben auch mit den unterschiedlichen Technologien
und ihren Öffentlichkeiten zu tun. Im Internet ist alles fast
gleichzeitig, in der Zeitung dauert es mindestens 24 Stunden bis man
reagieren kann.
Also: Viele
Counterstrike-Spieler sind wütend auf uns. Sie fühlen sich
missverstanden. In Ihren Worten: in eine Schublade gesteckt, in die
sie nicht gehören und zu Unrecht attackiert. Sie befürchten, dass
nun Spiele wie Counterstrike (CS) ganz verboten werden könnten.
Einige glauben, wir hätten sie zu potentiellen Amokläufern
gestempelt. Und manche haben sogar Angst vor einer Kriminalisierung
von LAN-Partys. In den meisten Fällen aber gilt: Eltern beginnen
sich plötzlich für die Computerspiele und Onlineaktivitäten ihrer
Kinder zu interessieren, was auch nicht jedem minderjährigen Spieler
gefällt, und vielleicht doch kein Schaden ist. Aber: Sie alle machen
es sich zu einfach, wenn Sie behaupten, wir hätten
Counterstrike-Spieler zu Killern erklärt. Das stimmt nicht. Wir
haben nur gesagt, dass der größte Massenmord in der
Nachkriegsgeschichte Deutschlands aller Wahrscheinlichkeit nach am
Computer vorgespielt wurde. Damit ist etwas über Robert Steinhäuser
ausgesagt, nicht über die Community.
Echo auch aus Politik,
Wirtschaft und Kultur
Das sind ein paar der
Vorwürfe, die alle im Forum von FAZ.NET nachzulesen sind. Doch es
gibt auch andere Stimmen: manche, die Counterstrike oder Quake nicht
mehr spielen wollen.
Um es kurz zu machen: Wir
sind sehr beeindruckt von den Reaktionen auf den Artikel „Software
fürs Massaker“, der letzte Woche in der „Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung“ erschien und in unzähligen Kopien im Netz
verbreitet wird. Wir haben viele Echos aus der Politik, Wirtschaft
und der Kultur erhalten; vor allem aber erreichen uns unzählige
Stellungnahmen aus der Gamer-Community. Seien Sie bitte versichert:
Diesen Kontakt wollen wir nicht abreißen lassen.
Wir wissen, dass manche der
Mails von Webpages inspiriert wurden, in denen der Inhalt des
Protestes vorformuliert wurde. Wahrscheinlich deshalb haben die
Vorwürfe der Gamer gegen uns ausschließlich zwei Stoßrichtungen:
schlechte Recherche und moralische Diffamierung.
Zur Recherche
Wir sind nicht der Meinung,
dass der Artikel Recherchefehler enthält. Dass der Ablauf des Spiels
in Details anders sein mag (Besetzung von Gebäuden/Fahrzeuge),
ändert ja nichts daran, worum es in diesem Spiel geht. Der
Originalartikel in der Sonntagszeitung war mit unzähligen
Screenshots aus dem Spiel versehen, die keinen Zweifel daran lassen
können, dass CS ein Spiel ist, in dem es darum geht, realistisch auf
Menschen zu schießen. Dass diese Menschen typisiert sind, macht die
Sache ja nicht besser. Und die Tatsache, dass Skins von
Schulmädchen, Prominenten, Terrorgruppen (Hisbollah) und
Polizeigruppen (GSG 9) im Internet herunterzuladen sind, zeigt,
welche Bedürfnisse durch Counterstrike auch angesprochen
werden können. Selbst wenn es diese Skins nicht gäbe: es ändert
nichts am Spielkonzept. Hinweise von Gamern, wer Geiseln erschieße,
werde schließlich im Spiel „bestraft“ und sogar von einigen Servern
verbannt, sind in ihrer Doppeldeutigkeit - mit Verlaub - etwas
unheimlich. Es geht ja doch darum, dass Geiseln oder VIPs überhaupt
erschossen werden können.
Damit ist nicht gesagt und
sollte nicht gesagt werden, dass Counterstrike-Spieler massenhaft
Schulmädchenskins herunterladen oder Geiseln erschießen. Aber
erschießen sie Polizisten? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung macht
keine Politik. Sie berichtet. Es wird damit auch nicht gesagt, dass
jeder Spieler ein Amokläufer ist. Gesagt wird nur, dass das Spiel
etwas simuliert, was Robert Steinhäuser in die Tat umsetzte.
Es stimmt, das Spiel ist noch
nicht indiziert. Die amerikanische Version freilich darf in
Deutschland unseres Wissens nicht verkauft werden; die
Altersbegrenzung lautet auf 18 Jahre. Als Medienunternehmen sind wir
Feinde der Zensur. Uns sind Eigenverantwortlichkeit und Souveränität
lieber. Die Beiträge in den FAZ.NET-Foren haben allerdings gezeigt:
Die Gemeinschaft, die sich hier äußert, ist - von ganz wenigen
Ausnahmen abgesehen - argumentativ aufgeschlossener und
nachdenklicher als mancher Politiker. Gäbe es eine Untersuchung über
die Wirkung von CS auf Menschen, so würden die Beiträge in diesen
Foren gewiss zeigen, dass es nicht automatisch zur Verrohung von
Menschen führt.
Manche behaupten, wir hätten
Reaktionen des Killers und seines Lehrers falsch dargestellt. Bitte
bedenken Sie: Der Artikel hat den Stand von Samstag, 16 Uhr, also
einen Tag nach den Ereignissen. Damals wusste man, dass der Täter,
laut Aussage seiner Mitschüler, Counterstrike gerne spielte, aber
auch andere Ego-Shooter besaß, angeblich in Internet-Cafés ging und
seinen Rachezug so aufbaute, wie in einem einschlägigen Spiel.
Zugleich wusste aber auch jeder, wie es bei dem Columbine-Massaker
in Littleton zugegangen war. Die Täter waren Quake-Enthusiasten.
Dies alles sind - wie bei jeder Ermittlung - nur Indizien. Aber sie
sind stark genug, eine Debatte zu erzwingen. Denn wir wissen, dass
Filme und Spiele Rollenverhalten prägen können und bei einigen
Menschen auslösen können, was man „hysterische Epidemien“ nennt -
das sind massive psychische Ausraster, die sich wie durch einen
Virus zu verbreiten scheinen.
Die Moral
Wichtiger als die angeblichen
Recherchefehler sind die moralischen und gesellschaftlichen Aspekte
des Vorgangs. Ich selbst kenne Halflife und wundere mich über den
Erfolg dieses Spiels; in unserer Zeitung, in der es viele junge
Redakteure gibt, spielen manche das eher harmlose Ultima online.
Wahrscheinlich gibt es auch Counterstrike-Spieler bei uns.
Wissenschaftlich ist nicht erwiesen, ob solche Spiele zu
Wesensveränderungen oder besonderen Gewalttätigkeiten führen. Es
wird gewiss auch nie zu erweisen sein. Es gibt genug Thesen für die
eine wie für die andere Meinung (Spiele reinigen von Gewaltätigkeit
/ Spiele schaffen Gewalttätigkeit). Der individuelle Charakter wird
von tausenden Mini-Effekten beeinflusst und gesteuert. Im Blut eines
der Littleton-Attentäters fand man Spuren von Prozac, einem
Psychopharmaka. Es gab eine Debatte in Amerika, ob Prozac Schuld am
Massaker ist.
Ich glaube, wir müssen
aufhören - und auch der Artikel hat dies so sagen wollen - einfache
Ursachen für solche Erscheinungen zu suchen. Counterstrike
ist n i c h t schuld am Massaker. Und wenn der
Attentäter ein anderes Spiel gespielt hat, ist dies auch nicht
schuld im klassischen Sinne von Ursache und Wirkung. Aber es gibt
doch so etwas wie einen „Symptompool“. Wenn sich, wie dies in den
vergangenen Jahren mehrfach der Fall gewesen ist, herausstellt, dass
Highschool-Attentäter a u c h über
Killer-Computerspiele verfügten, muss man darüber nachdenken, warum
das so ist.
Die Spielerhersteller
versuchen sich durch Typisierung zu retten: wie bei Halflife, wo die
Opfer ja nur noch gleichsam geklonte Wissenschaftler sind, oder
durch Monster wie bei Doom. Zur Not wird Blut grün statt rot oder
man hört, wie in Alarmstufe Rot in der deutschen Version, nicht mehr
das Schreien der Opfer. Aber jeder weiß doch: Der Realismus ist das
Entscheidende bei diesen Spielen, und kein Gesetz wird verhindern,
dass die Onlinewelt immer realistischer und anschaulicher wird.
Und hier kommen wir alle ins
Spiel. Wenn ich es richtig sehe, ist durch den Artikel in der
Sonntagszeitung zum ersten Mal eine Debatte zwischen den Betroffenen
in Gang gekommen. Sie werden in dem Artikel keinen Satz finden, der
das Verbot des Spieles fordert. Ich habe - und das hat mich sehr
interessiert - gelesen, dass einige Gamer schreiben, sie spielten
CS, weil sie dadurch Freunde kennen lernten. Andere loben die
Notwendigkeit zu Absprache, gemeinsamer Taktik usw. Angesichts der
Tatsache, dass noch vor 60 Jahren, viele von denjenigen, die heute
CS spielen, in einen höchst realen Krieg hätten ziehen müssen,
angesichts der Tatsache, dass Spiele fast immer Mord und
Wiederauferstehung simulieren, vermuten viele, es handele sich hier
um ein Bedürfnis, das tiefer reicht als wir ahnen.
Cyberwelten zwischen
Teilen der Gesellschaft
Uns haben E-Mails erreicht -
nicht viele, aber ein paar -, die eine erschreckende
Überidentifikation mit Counterstrike und ähnlichen Spielen verraten.
Das hat das Gefühl verstärkt, dass Welten zwischen Teilen dieser
Gesellschaft liegen - und zwar Cyberwelten. Sollten die
Schweigegrenzen nicht durchbrochen werden, wird es ohne Zweifel zu
restriktiven Maßnahmen gegen entsprechende Spiele kommen. Bei AOL
lese ich: „Clemens Trudewind und Rita Steckel von der Arbeitsgruppe
für Motivations- und Emotionspsychologie der Universität Bochum
untersuchten 280 Kinder. Nachdem die Schüler unterschiedliche
Computerspiele spielen durften, wurden ihre Emotionen per
Videokamera und Elektroden an den Fingern getestet, während ihnen
Bilder von toten Menschen und Tieren vorgelegt wurden. Bei den
untersuchten Acht- bis Vierzehnjährigen meinen die Autoren deutlich
festgestellt zu haben, dass das „Einfühlungsvermögen für Mitleid
erregende Bilder unterschiedlich ausgeprägt ist - je nach
Bindungssicherheit der Kinder zu den Eltern und je nach Inhalt eines
zuvor gespielten Computerspiels.“
Ich habe gegen solche
Untersuchungen selten stichhaltige Argumente finden können. Außer
dem entscheidenden Argument, dass wir ein freies Land sind und jeder
für sich und seine Seele Verantwortung trägt. Aber seit ein paar
Tagen gibt es ein weiteres Argument: der Ton im FAZ.NET-Forum zeigt,
dass es sich bei der Gamer- und Internetcommunity um eine
hochdifferenzierte, gesprächsbereite und lernfähige Gemeinschaft
handelt. Die Community muss aber auch erkennen, dass sie sich nicht
abkapseln darf, wenn sie nicht zum Opfereiner Art von
gesamtgesellschaftlicher Therapie werden will. D.h., wenn sie nur in
der Cyberwelt bleibt und nicht - wie jetzt geschehen - offen
diskutiert, gerät sie womöglich in die gesellschaftliche Ächtung.
Die Debatte wird
fortgeführt
Lassen Sie uns reden, und
fühlen Sie sich eingeladen, dies auch in der Sonntagszeitung zu tun.
Gehen Sie, wie wir, davon aus, dass nichts, was einmal erfunden,
gedacht und gemacht wurde, rückgängig zu machen ist. Der Realismus
der Spiele wird steigen - und wo soll die Grenze sein? Und werden
Sie dann, wenn Sie selbst Kinder haben, wollen oder wollen können,
dass diese in diesen Welten versinken? Alles Fragen, die jetzt
besprochen werden müssen. Wir werden in der F.A.Z. und in FAZ.NET
die Debatte weiterführen.
Zum Auftakt: Den folgenden
Auszug eines amerikanischen Kritikers werden wir am Donnerstag in
der F.A.Z. publizieren: „Wir haben es hier mit einem unleugbaren
Zeugnis der Wut einer ganzen Generation zu tun, einer langsam
zusammengetragenen, lang unterdrückten und frei flottierenden Wut.
Menschen, selbst adoleszente männliche Amerikaner, schlachten andere
Menschen nicht ab, es sei denn, sie gerieten in Wut. Sie haben
gewiss die Technologie - automatische Waffen, Rohrbomben, abgesägte
Gewehre, alles so leicht erreichbar für den sechzehnjährigen Geek
mit dem Minderwertigkeitskomplex wie der elektrische Rasierapparat
vom Papa -, die es ihrer Wut erlaubt, im Schulmassaker zu enden.
Und, ja, für amerikanische Kids, die Augen, einen Computer oder
einen Fernseher haben, gibt es genug „gotisches“ Bildmaterial, genug
chop-and-dice movies, shoot-em-ups und blow-em-ups im Kino, in der
Mall und genug Regale mit cooler satanischer Musik, um das Herz
eines Fünfzehnjährigen höher schlagen zu lassen. Das alles ist
nichts Neues, legt gleichwohl die Frage nah, warum diese Jungen mit
ratternden Gewehren aus ihren Garagen und vertäfelten Vorortskellern
kommen, warum sie überall in Amerika erst ihre Mitschüler schlachten
und dann sich selbst.“
Sehr herzlich, Ihr Frank
Schirrmacher
Text: F.A.Z. Bildmaterial: Screenshot
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