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Wir brauchen keine neuen Verbote
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1. Mai 2002 Das Massaker von Erfurt gibt Anlaß zu einer
Debatte über die Darstellung von Gewalt in den Medien, die aber -
kaum begonnen und allen anderen Beteuerungen und der Ermordung von
sechzehn Menschen zum Trotz - sofort in den Wahlkampf geraten ist.
Schuldige für die unfassbare Tat werden gesucht,
Alleinverantwortliche, und mancher Politiker, wie Sigmar Gabriel
(Ministerpräsident in Hannover) oder Oskar Lafontaine, hat sie
schnell gefunden: Es ist das Privatfernsehen, das permanent und
ausschließlich Gewaltfilme zeige. Gerhard Zeiler, Geschäftsführer
von RTL, hält diese Unterstellung für falsch und "unerträglich".
"Hemmungslos und undifferenziert" würden die Privatsender
beschimpft, die Schützenvereine - als deren Lobbyist Gabriel
"unverhohlen" auftrete, genauso "pauschal von jeglicher
Verantwortung freigesprochen". Heute abend treffen sich die Chefs
der privaten und der öffentlich-rechtlichen Sender mit dem
Bundeskanzler auf dessen Einladung hin, um über das Thema Gewalt in
den Medien zu diskutieren. Den Vorwürfen, die vor diesem Treffen in
Berlin seit dem Wochenende schon erhoben wurden, tritt in unserem
Beitrag Gerhard Zeiler, der, bevor er vor vier Jahren zu RTL kam,
Generalintendant des ORF in Wien war, entgegen.
F.A.Z. Noch
in die Fassungslosigkeit über die Toten von Erfurt hinein tönt die
Frage nach der Schuld. Mehr noch, beginnen die ersten
Schuldzuweisungen. Wieder einmal erliegen Politiker in Zeiten des
Wahlkampfes der Versuchung, das komplexe Thema "Medien und Gewalt"
zu instrumentalisieren. Unbedacht und pauschal wird vor allem das
private Fernsehen an den Pranger gestellt. Von permanenter
Gewaltverherrlichung im Abendprogramm ist die Rede. Fast könnte man
den Eindruck gewinnen, daß das Fernsehprogramm ganz überwiegend aus
Gewaltfilmen besteht, die nur verboten werden müßten, um alle
Probleme zu lösen. Diese Betrachtung mag Wählerstimmen einbringen.
Der schwierigen Frage nach den Ursachen von Gewalt in unserer
Gesellschaft wird sie allerdings nicht gerecht. Im Gegenteil:
Plakative Schuldzuweisungen verstellen den Blick und verhindern
sachgerechte Analysen.
Dies gilt natürlich um so mehr, wenn
die Schuldzuweisungen nicht nur plakativ, sondern sogar schlicht
falsch sind. Wer behauptet, privates Fernsehen würde
gewaltverherrlichende Filme ausstrahlen, kennt weder das Programm
noch die Gesetzeslage. Und er verkennt das Engagement der privaten
Sender beim Jugendschutz. Im privaten Fernsehen sind seit Gründung
der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) Mitte der neunziger
Jahre problematische Inhalte im Zusammenhang mit Gewaltdarstellungen
systematisch abgebaut worden. So sind bei RTL 1994 noch 36
indizierte Videofilme ausgestrahlt worden. Im vergangenen Jahr waren
es noch vier. Aber auch diese Filme wurden vor der Ausstrahlung
bearbeitet: Problematische Gewaltdarstellungen wurden
herausgeschnitten. Zudem werden indizierte Filme bei RTL selbst in
einer bearbeiteten Fassung in der Regel nach Mitternacht
ausgestrahlt. Wie konsequent RTL in der Bearbeitung gewalthaltiger
Filme vorgeht, läßt sich daran ablesen, daß sich jugendliche
Zuschauer in den letzten Jahren immer häufiger über vorgenommene
Kürzungen bei Filmen beschweren. Offenkundig gelangen die
Jugendlichen über andere Vertriebswege wie zum Beispiel
Videoverleihe an die Filme.
Ohnehin ist es unerläßlich,
zwischen den einzelnen Medien zu unterscheiden. Die
Nutzungssituation ist bei Computerspielen eine völlig andere als im
Fernsehen, weil der Spieler direkt zum Akteur wird. Er muß zumindest
in der Fiktion selbst töten, um ein bestimmtes Spielziel zu
erreichen. Dabei besteht zumindest die Gefahr, daß die Hemmschwelle,
Gewalt auch in der Realität einzusetzen, herabgesetzt wird. Zudem
sind, anders als bei Filmen im Fernsehen, der Kontext und der
weitere Verlauf des Spiels nicht vorgegeben, sondern hängen vom
Spielvermögen des Nutzers ab. Schon ein flüchtiger Blick zeigt also,
daß die Wirkung von Spielen anders betrachtet werden muß als die von
Filmen.
Hinzu kommt: So plausibel die Vorstellung auch sein
mag, Gewaltdarstellungen in den Medien lieferten Motive für
eigentlich unerklärliche Amokläufe, so wenig ist eine solche
Kausalität durch die wissenschaftliche Diskussion zu belegen. Obwohl
mittlerweile zur Frage, wie sich Medieninhalte mit
Gewaltdarstellungen insbesondere auf Kinder und Jugendliche
auswirken, über 5000 Studien erarbeitet wurden, gibt es keinen
Beweis für einen Zusammenhang fiktionaler und realer Gewalt. Die
herrschende wissenschaftliche Meinung besagt: Gewaltdarstellungen in
den Medien sind nicht ursächlich für gewalttätiges Verhalten in der
Realität. Ihre Wirkung ist immer gebunden an individuelle und
soziale Dispositionen des Betrachters. Vor allem bei Menschen mit
einer hohen Gewaltbereitschaft in einem sozialen Umfeld, in dem
Gewalt als normales und erlaubtes Mittel der Durchsetzung von
Interessen oder der Lösung von Konflikten angesehen wird, besteht
ein erhöhtes Wirkungsrisiko. Ob Filme die Gewaltbereitschaft von
jugendlichen Zuschauern tatsächlich erhöhen, hängt von einem
komplizierten Beziehungsgeflecht ab. Bedeutsam für die Wirkung eines
Filmes ist zum Beispiel, ob derjenige, der Gewalt zur Durchsetzung
seiner Interessen anwendet, damit Erfolg hat und die von ihm
ausgehende Brutalität folgenlos bleibt. Setzen sympathische Helden
Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen ein, haben damit Erfolg und
bleiben unbestraft, so gibt es das Risiko einer gewaltfördernden
Wirkung bei gefährdeten Zuschauern.
Um solche Zusammenhänge
wissen die Jugendschutzbeauftragten der privaten Sender und die
Jugendschutzexperten der FSF. Die FSF hat zusammen mit den
zuständigen Institutionen des Jugendschutzes in Deutschland eine
sehr differenzierte Spruchpraxis entwickelt, die ständig dem
aktuellen Stand der Forschung sowie Erfahrungen aus der Realität
angepaßt wird. Das Geschehen in Erfurt wird nach sorgfältiger
Analyse Anlaß geben, die Beurteilungskriterien erneut einer
Überprüfung zu unterziehen. Dazu brauchen wir keine gesetzlichen
Verbote, sondern mehr Vertrauen und Unterstützung der Arbeit der
Selbstkontrolle. Der geplante Jugendmedienschutz-Staatsvertrag will
die Selbstkontrolle stärken. An diesem Vorhaben sollte gerade nach
der schrecklichen Tat von Erfurt festgehalten werden.
Gerhard
Zeiler ist seit 1998 Geschäftsführer des Privatsenders RTL. Zuvor
war er vier Jahre lang Generalintendant des ORF.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
02.05.2002, Nr. 101 / Seite 54
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