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6. Oktober 2002    <Gast>
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Generation Pumpgun: Die Krankheit der Jugend / Von Marc Höpfner
 

 
7. Mai 2002 1983, kurz nach meinem Abitur, wurde ich in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Wieder bei Bewußtsein, leicht verletzt in einem zerstörten Wagen, fiel mein Blick auf eine Reihe von Schaulustigen, die das Geschehen mit der trägen Neugier von Fernsehzuschauern betrachteten, Eiswaffeln in der Hand. Das Inferno aus brennenden Fahrzeugen, verwundeten und vielleicht sterbenden Menschen besaß für sie den beschränkten Unterhaltungswert der abendlichen Regionalnachrichten mit ihren Fünfsekundenporträts des unfallbedingten Sterbens auf deutschen Schnellstraßen. Nicht genug, um den Appetit zu verlieren. Das Bild dieser Passanten, das ich meinerseits nur wenige Sekunden im Blick hatte, bis ich mich wieder mit meiner Situation beschäftigte, ist mir bis heute geblieben, mein erster authentischer Hinweis darauf, daß das Leiden anderer Menschen für den vom Fernsehen übersättigten Augenzeugen unter Umständen nicht mehr zu identifizieren ist. Es bleibt hinter einem rechteckigen Rahmen zurück.

Wenn man nach 1945 geboren ist, hat man seine erste Schießerei, den ersten Mord vor dem Fernseher erlebt. Meine eigenen Reaktionen auf diese Erfahrung waren verräterisch. Ich kauerte im Bademantel vor dem Apparat, meine Mutter war über einem Buch eingedöst, und ich hatte mich, von der unheilverheißenden Titelmelodie des Kommissars angelockt, ins Wohnzimmer geschlichen, im Sichtschutz eines mächtigen Teakholztisches vor meiner eventuell aufschreckenden Mutter und durch den Bademantel vor der Kälte bewahrt, die sich einstellte, wenn die kleine, irgendwie düster-resignierte Gestalt von Erik Ode die Welt von gefährlichen Verbrechern befreite.

Gelegentlich mußte ich einen Aufschrei oder ein erregtes Seufzen unterdrücken. Mit blinzelnden Augen sah ich all jene Dinge, die mich später schlecht schlafen lassen würden, die ganze pantomimische Gewalt dieser schwarzweißen Fernsehepoche. Es traf immer diejenigen, die es am wenigsten erwarteten, und oft diejenigen, die es am wenigsten verdienten. Das bestätigte persönliche Erfahrungen. Aber darin erschöpfte sich die von mir wahrgenommene Ähnlichkeit mit dem realen Leben schon. Natürlich verstand ich die Warnungen meiner Mutter, daß das, was da auf der Mattscheibe zu sehen war, lediglich Theater sei. "Das ist Ketchup und kein Blut", sagte sie. Nur meine Schwester glaubte ihr nicht. Trotzdem reichte die dargestellte Gewalt für Albträume. Ein Schrei, ein entsetztes Starren, das Geräusch eines zu Boden fallenden Körpers konnte einen tagelang verfolgen.

Am Tag des Unfalls wurde mir klar, daß die instinktive Befürchtung, die Eltern damals mit Medienpädagogen teilten, keineswegs zutraf. Es war nicht verhängnisvoll, das Fernsehbild mit der Wirklichkeit zu verwechseln, sondern die Wirklichkeit selbst nur noch für ein Fernsehbild zu halten. Diese Erkenntnis war neu für mich, und sie war erschreckender, als meine Schwester weinen zu sehen, wenn sie diese dunklen Fäden, die in ihren Augen kein Ketchup sein konnten, über eine bleiche Schläfe laufen sah.

In der Schule ahmten wir den Wortwitz und die Kampfszenen aus "Die Zwei" nach, "Percy Stuart" hingegen sah aus wie das "HB"-Männchen, und wer es in die "Ab 16"-Vorstellungen des "Weißen Hais" oder "Grizzly" geschafft hatte, verfügte ein paar Tage lang über einen respektvoll lauschenden Hofstaat. Der Punk und die ersten Videos der "Sex Pistols" verliehen Weltschmerz und Widerspruchsgeist eine Kostümierung. Ich fand Waffen faszinierend, weil sie von einer Macht sprachen, die keine Kompromisse dulden mußte, einer Macht, die ich nicht besaß. "I don't like Mondays" von den "Boomtown Rats" erzählte die Geschichte eines Mädchens, das aus einem Fenster seines Elternhauses den Pausenhof der gegenüberliegenden Schule mit einem Gewehr beschoß. Die meisten von uns hielten die Geschichte für erfunden.

Vielleicht fing so alles an.

Die Kontamination unserer Wahrnehmung erfolgt, wie der Besuch des Leichenbestatters, auf diskrete und verständnisvolle Weise. Die Bilderwelten der Medien, massenhaft wirksam in Fernsehen und Internet, durchdringen die Sphäre tatsächlicher Gegenstände und selbstgemachter Erfahrungen mit dem Versprechen, unsere schlimmsten Feinde zu besiegen: die Langeweile, die Einsamkeit und das Bewußtsein unserer Durchschnittlichkeit. Der Preis für diesen seelsorgerischen Nebeneffekt ist, daß in phantasiearmen Köpfen die bloße Vorstellung eines gelebten Lebens das real gelebte Leben schleichend überlagert. Rollenmodelle und Verhaltensentwürfe gibt es für jeden Bedarf. Für den zerbrechlichen Schüler, der im Kinderzimmer neben Legomobil und den Fußballwimpeln am PC sitzt und digitale Elite-Terroristen in Fetzen schießt. Auch für den patenten Strafverteidiger, der den charmanten Schwung für die Montagsrunden in der Kanzlei aus einer gutgemeinten Anwaltsserie im Vorabendprogramm bezieht.

Der Boulevard malt in grellen Farben ganze Märchenparks. Da geben sich Killer-Monster, Sex-Bestien und Zombie-Mörder im täglichen Wechsel die Klinke in die Hand, spekulativ natürlich, um so gebannt und unschädlich gemacht zu werden. Aber tatsächlich setzt man diese dämonischen Wesen zu uns an den Wohnzimmertisch, dort essen sie von unserem Tellerchen, um anschließend in unserem Bettchen zu schlafen, und irgendwann, wenn sie auffällig unauffällig zur Familie gehören, ziehen sie hinaus zum Schnellrestaurant, in die Tiefgarage oder zur Schule, um die Bestimmung ihrer Fabel zu erfüllen. Wir entgehen ihnen nicht mehr.

Ihre einfachen Handlungskonzepte sind mittlerweile erprobt, und sie funktionieren immer: Das zwischen Ohnmachtsgefühl und Allmachtsphantasie zersplitterte Ich-Bewußtsein des Massenmörders findet im Medienecho seine oft postume Identität; erst das Darüberreden, also auch unsere Bewältigungsstrategien, der öffentliche Trauerversuch, erfüllen den Tätern ihren eigentlichen Wunsch: berühmt zu werden. Zuletzt dann, beim Blick in den Spiegel, erkennen wir unsere eigene Fratze. Das Leben und Töten des Killers greint sie.

Das ist allerdings zu pervers für ein Märchen, die Wirklichkeit wird es wiederholen müssen. Daß sie es tun wird, steht außer Zweifel. Die Magie und Anziehungskraft dieser Verbrechen für Kopisten beruht auf ihrer globalen Wiedererkennbarkeit, sie bestimmt den Weltmaßstab des erhofften bizarren Ruhmes. Der Systemkonflikt zwischen der realen und der virtuellen Welt ist erst im Katastrophenfall unerträglich und wird dann selbst für den hartnäckigsten Konsumenten der Wirklichkeit aus zweiter Hand spürbar. Hier liegt eine gewisse Chance. Das Atemholen, die Schrecksekunde, in der sich auch die Eltern dazu entscheiden könnten, den Erziehungsinstanzen Fernsehen und Internet bereits abgetreten Rechte streitig zu machen und ein autistisches Zwiegespräch mit den Bildschirmen gegebenenfalls zu unterbrechen.

Eine Schießerei im Fernsehen ist etwas völlig anderes als eine Schießerei in der Nachbarschaft. Daran habe ich bis zu meinem Unfall damals geglaubt. Danach gab es an der universellen Gültigkeit dieser These gewisse Zweifel. Sie brachten mich dazu, ein Buch über Jugendliche zu schreiben, denen das Leben aus der Hand gleitet, weil sie es nach den Vorgaben ihrer bislang einzigen Erfahrungsquellen führen wollen, dem Fernsehen, der Werbung und den Videospielen. Realitätsverlust durch eine Wahrnehmungsverschiebung, die die Wirklichkeit zur Mattscheibe macht. Die Fiktion endet in einem Blutbad.

"Pumpgun", die Geschichte eines Schulmassakers, Reaktion auf einen unvergessenen Verkehrsunfall, ist in meinen Gedanken ein längst abgelegter Stoff. Sein Realitätsbezug hinterläßt den Autor mittlerweile so hilflos, wie am biographischen Ursprung des der Absicht nach kathartischen Projektes, eingeklemmt in einem Autowrack, konfrontiert mit Schaulustigen, die Eiswaffeln vertilgen. Eine Erklärung, die den aktuellen und andere Massenmorde in ein begreifbares Phänomen übersetzt, gibt es nicht und wird es nicht geben. Beide der genannten Sorten Wirklichkeit muten uns das zu. Ihre heimliche Fusion schenkt uns diese Explosionen schmerzlicher Irrationalität. Sie nimmt keine Rücksicht darauf, daß die Lebenskonzepte, die uns durch den Alltag bewegen, unterstellen und voraussetzen, das Leben sei sinnvoll. Es kommt nicht darauf an zu begreifen, sondern auszuhalten.

Marc Höpfner, 1964 in Kiel geboren, veröffentlichte im letzten Jahr den Roman "Pumpgun". Er lebt in München.


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2002, Nr. 105 / Seite 49
 
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