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Generation Pumpgun: Die Krankheit der Jugend / Von
Marc Höpfner
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7. Mai 2002 1983, kurz nach meinem Abitur, wurde ich in einen
schweren Verkehrsunfall verwickelt. Wieder bei Bewußtsein, leicht
verletzt in einem zerstörten Wagen, fiel mein Blick auf eine Reihe
von Schaulustigen, die das Geschehen mit der trägen Neugier von
Fernsehzuschauern betrachteten, Eiswaffeln in der Hand. Das Inferno
aus brennenden Fahrzeugen, verwundeten und vielleicht sterbenden
Menschen besaß für sie den beschränkten Unterhaltungswert der
abendlichen Regionalnachrichten mit ihren Fünfsekundenporträts des
unfallbedingten Sterbens auf deutschen Schnellstraßen. Nicht genug,
um den Appetit zu verlieren. Das Bild dieser Passanten, das ich
meinerseits nur wenige Sekunden im Blick hatte, bis ich mich wieder
mit meiner Situation beschäftigte, ist mir bis heute geblieben, mein
erster authentischer Hinweis darauf, daß das Leiden anderer Menschen
für den vom Fernsehen übersättigten Augenzeugen unter Umständen
nicht mehr zu identifizieren ist. Es bleibt hinter einem
rechteckigen Rahmen zurück.
Wenn man nach 1945 geboren ist,
hat man seine erste Schießerei, den ersten Mord vor dem Fernseher
erlebt. Meine eigenen Reaktionen auf diese Erfahrung waren
verräterisch. Ich kauerte im Bademantel vor dem Apparat, meine
Mutter war über einem Buch eingedöst, und ich hatte mich, von der
unheilverheißenden Titelmelodie des Kommissars angelockt, ins
Wohnzimmer geschlichen, im Sichtschutz eines mächtigen
Teakholztisches vor meiner eventuell aufschreckenden Mutter und
durch den Bademantel vor der Kälte bewahrt, die sich einstellte,
wenn die kleine, irgendwie düster-resignierte Gestalt von Erik Ode
die Welt von gefährlichen Verbrechern befreite.
Gelegentlich
mußte ich einen Aufschrei oder ein erregtes Seufzen unterdrücken.
Mit blinzelnden Augen sah ich all jene Dinge, die mich später
schlecht schlafen lassen würden, die ganze pantomimische Gewalt
dieser schwarzweißen Fernsehepoche. Es traf immer diejenigen, die es
am wenigsten erwarteten, und oft diejenigen, die es am wenigsten
verdienten. Das bestätigte persönliche Erfahrungen. Aber darin
erschöpfte sich die von mir wahrgenommene Ähnlichkeit mit dem realen
Leben schon. Natürlich verstand ich die Warnungen meiner Mutter, daß
das, was da auf der Mattscheibe zu sehen war, lediglich Theater sei.
"Das ist Ketchup und kein Blut", sagte sie. Nur meine Schwester
glaubte ihr nicht. Trotzdem reichte die dargestellte Gewalt für
Albträume. Ein Schrei, ein entsetztes Starren, das Geräusch eines zu
Boden fallenden Körpers konnte einen tagelang verfolgen.
Am
Tag des Unfalls wurde mir klar, daß die instinktive Befürchtung, die
Eltern damals mit Medienpädagogen teilten, keineswegs zutraf. Es war
nicht verhängnisvoll, das Fernsehbild mit der Wirklichkeit zu
verwechseln, sondern die Wirklichkeit selbst nur noch für ein
Fernsehbild zu halten. Diese Erkenntnis war neu für mich, und sie
war erschreckender, als meine Schwester weinen zu sehen, wenn sie
diese dunklen Fäden, die in ihren Augen kein Ketchup sein konnten,
über eine bleiche Schläfe laufen sah.
In der Schule ahmten
wir den Wortwitz und die Kampfszenen aus "Die Zwei" nach, "Percy
Stuart" hingegen sah aus wie das "HB"-Männchen, und wer es in die
"Ab 16"-Vorstellungen des "Weißen Hais" oder "Grizzly" geschafft
hatte, verfügte ein paar Tage lang über einen respektvoll
lauschenden Hofstaat. Der Punk und die ersten Videos der "Sex
Pistols" verliehen Weltschmerz und Widerspruchsgeist eine
Kostümierung. Ich fand Waffen faszinierend, weil sie von einer Macht
sprachen, die keine Kompromisse dulden mußte, einer Macht, die ich
nicht besaß. "I don't like Mondays" von den "Boomtown Rats" erzählte
die Geschichte eines Mädchens, das aus einem Fenster seines
Elternhauses den Pausenhof der gegenüberliegenden Schule mit einem
Gewehr beschoß. Die meisten von uns hielten die Geschichte für
erfunden.
Vielleicht fing so alles an.
Die
Kontamination unserer Wahrnehmung erfolgt, wie der Besuch des
Leichenbestatters, auf diskrete und verständnisvolle Weise. Die
Bilderwelten der Medien, massenhaft wirksam in Fernsehen und
Internet, durchdringen die Sphäre tatsächlicher Gegenstände und
selbstgemachter Erfahrungen mit dem Versprechen, unsere schlimmsten
Feinde zu besiegen: die Langeweile, die Einsamkeit und das
Bewußtsein unserer Durchschnittlichkeit. Der Preis für diesen
seelsorgerischen Nebeneffekt ist, daß in phantasiearmen Köpfen die
bloße Vorstellung eines gelebten Lebens das real gelebte Leben
schleichend überlagert. Rollenmodelle und Verhaltensentwürfe gibt es
für jeden Bedarf. Für den zerbrechlichen Schüler, der im
Kinderzimmer neben Legomobil und den Fußballwimpeln am PC sitzt und
digitale Elite-Terroristen in Fetzen schießt. Auch für den patenten
Strafverteidiger, der den charmanten Schwung für die Montagsrunden
in der Kanzlei aus einer gutgemeinten Anwaltsserie im
Vorabendprogramm bezieht.
Der Boulevard malt in grellen
Farben ganze Märchenparks. Da geben sich Killer-Monster, Sex-Bestien
und Zombie-Mörder im täglichen Wechsel die Klinke in die Hand,
spekulativ natürlich, um so gebannt und unschädlich gemacht zu
werden. Aber tatsächlich setzt man diese dämonischen Wesen zu uns an
den Wohnzimmertisch, dort essen sie von unserem Tellerchen, um
anschließend in unserem Bettchen zu schlafen, und irgendwann, wenn
sie auffällig unauffällig zur Familie gehören, ziehen sie hinaus zum
Schnellrestaurant, in die Tiefgarage oder zur Schule, um die
Bestimmung ihrer Fabel zu erfüllen. Wir entgehen ihnen nicht
mehr.
Ihre einfachen Handlungskonzepte sind mittlerweile
erprobt, und sie funktionieren immer: Das zwischen Ohnmachtsgefühl
und Allmachtsphantasie zersplitterte Ich-Bewußtsein des
Massenmörders findet im Medienecho seine oft postume Identität; erst
das Darüberreden, also auch unsere Bewältigungsstrategien, der
öffentliche Trauerversuch, erfüllen den Tätern ihren eigentlichen
Wunsch: berühmt zu werden. Zuletzt dann, beim Blick in den Spiegel,
erkennen wir unsere eigene Fratze. Das Leben und Töten des Killers
greint sie.
Das ist allerdings zu pervers für ein Märchen,
die Wirklichkeit wird es wiederholen müssen. Daß sie es tun wird,
steht außer Zweifel. Die Magie und Anziehungskraft dieser Verbrechen
für Kopisten beruht auf ihrer globalen Wiedererkennbarkeit, sie
bestimmt den Weltmaßstab des erhofften bizarren Ruhmes. Der
Systemkonflikt zwischen der realen und der virtuellen Welt ist erst
im Katastrophenfall unerträglich und wird dann selbst für den
hartnäckigsten Konsumenten der Wirklichkeit aus zweiter Hand
spürbar. Hier liegt eine gewisse Chance. Das Atemholen, die
Schrecksekunde, in der sich auch die Eltern dazu entscheiden
könnten, den Erziehungsinstanzen Fernsehen und Internet bereits
abgetreten Rechte streitig zu machen und ein autistisches
Zwiegespräch mit den Bildschirmen gegebenenfalls zu
unterbrechen.
Eine Schießerei im Fernsehen ist etwas völlig
anderes als eine Schießerei in der Nachbarschaft. Daran habe ich bis
zu meinem Unfall damals geglaubt. Danach gab es an der universellen
Gültigkeit dieser These gewisse Zweifel. Sie brachten mich dazu, ein
Buch über Jugendliche zu schreiben, denen das Leben aus der Hand
gleitet, weil sie es nach den Vorgaben ihrer bislang einzigen
Erfahrungsquellen führen wollen, dem Fernsehen, der Werbung und den
Videospielen. Realitätsverlust durch eine Wahrnehmungsverschiebung,
die die Wirklichkeit zur Mattscheibe macht. Die Fiktion endet in
einem Blutbad.
"Pumpgun", die Geschichte eines
Schulmassakers, Reaktion auf einen unvergessenen Verkehrsunfall, ist
in meinen Gedanken ein längst abgelegter Stoff. Sein Realitätsbezug
hinterläßt den Autor mittlerweile so hilflos, wie am biographischen
Ursprung des der Absicht nach kathartischen Projektes, eingeklemmt
in einem Autowrack, konfrontiert mit Schaulustigen, die Eiswaffeln
vertilgen. Eine Erklärung, die den aktuellen und andere Massenmorde
in ein begreifbares Phänomen übersetzt, gibt es nicht und wird es
nicht geben. Beide der genannten Sorten Wirklichkeit muten uns das
zu. Ihre heimliche Fusion schenkt uns diese Explosionen
schmerzlicher Irrationalität. Sie nimmt keine Rücksicht darauf, daß
die Lebenskonzepte, die uns durch den Alltag bewegen, unterstellen
und voraussetzen, das Leben sei sinnvoll. Es kommt nicht darauf an
zu begreifen, sondern auszuhalten.
Marc Höpfner, 1964 in Kiel
geboren, veröffentlichte im letzten Jahr den Roman "Pumpgun". Er
lebt in München.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
07.05.2002, Nr. 105 / Seite 49
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