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| Auf Lan-Partys gibt
es keine laute Musik. |
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Mal gut, mal böse 14. Mai
2002 APPENWEIER, 12. Mai. Dunkel
ist es in der Schwarzwaldhalle in Appenweier. Eine rote und eine
blaue Lampe strahlen an die hohe Decke, die eingeklappten
Basketballkörbe sind nur schwer zu erkennen. Zwölf Tischreihen
ziehen sich längs durch die Halle. Auf den weißen Tischen stehen 294
Computer, dicht an dicht. Auf den 19-Zoll-Monitoren jagen sich in
verlassenen Industrieruinen Terroristen und Counterterroristen durch
dunkle Flure. Sie legen Bomben und erschießen sich mit Pistolen oder
Sturmgewehren. Rote Wölkchen stieben bei jedem Treffer auf, die
Getroffenen sacken zusammen.
In seiner Begrüßungsrede zum
Auftakt des "Circus Infernus" in der Nacht zum vergangenen Samstag
hat Veranstalter Mario Makaro Erfurt nicht erwähnt. Für ihn gibt es
keinen Zusammenhang zwischen der Computerspielerszene und der
Bluttat, auch wenn Robert Steinhäuser selbst Counter-Strike (CS)
gespielt haben soll. Aus Sicht der "Gamer", wie sich die Spieler
nennen, ist das Töten in der virtuellen Welt ein Spiel um
Geschicklichkeit und Teamwork. Dutzende sogenannter Lan-Partys wie
der "Circus Infernus" in Appenweier, bei denen die Computer
miteinander vernetzt werden, finden jedes Wochenende in Deutschland
statt. Die Junge Union in Herrstein/Rhaunen gehört zu den
Organisatoren solcher Partys, in Dortmund ist das Jugendamt mit von
der Partie. 500 000 Counterstrikespieler gibt es in Deutschland,
"E-Sport" nennen sie ihr Treiben.
Bei den anspruchsvollsten
und beliebtesten CS-Wettkämpfen treten Fünferteams gegeneinander an.
Die Mannschaften nennen sich Clans. "At the Limit" gehört zu den
Favoriten beim "Circus Infernus". Der Clan sitzt im hintersten
Winkel der weiten Halle, Cola- und Wasserflaschen stehen um die fünf
Computer, die Mäuse haben rote Lampen an der Unterseite. Um 22 Uhr
abends beginnt am Samstag das Halbfinale gegen die "German Task
Force". In der ersten Runde muß "At the Limit" Terroristen daran
hindern, in einem Fabrikgelände an einem Canyon eine Bombe zu
deponieren und zu zünden. Die Angreifer können über das Erdgeschoß
oder einen Lüftungsschacht im Keller eindringen. "Laß uns 1:4
spielen", gibt Christian die Taktik vor. Zwanzig Jahre ist er alt,
hat gerade den Zivildienst beendet und wartet auf einen Studienplatz
in Informatik. Mit den Fingern simuliert er die Aufstellung: einer
oben, vier unten. "Passive Verteidigung, daß oben niemand gefischt
wird", bestätigt Daniel, achtzehn Jahre alt und früher hessischer
Meister im Basketball. Dann werden die dicken Kopfhörer aufgesetzt.
Grillen zirpen, die eigenen Schritte knirschen auf dem Kiesweg. Sich
selbst, also die Figur, die man steuert, kann man auf dem Bildschirm
nicht sehen. Man sieht jedoch - je nach Situation - die Mit- und
Gegenspieler. Die Verteidiger tragen dunkelblaue Kampfanzüge. "Bin
oben, hock dich", ruft Daniel ins Mikrophon unter dem Kopfhörer, auf
dem Bildschirm neben ihm geht die Figur, die Patrick steuert, hinter
einer Holzkiste in Deckung. Am Ende des Ganges vor ihnen tauchen
plötzlich zwei Terroristen in olivfarbener Kleidung auf, das Gewehr
im Anschlag. Es sind die Figuren des gegnerischen Teams, die am
anderen Ende der Halle ihre PC's angeschlossen haben. Daniel schießt
sofort, erwischt beide Angreifer. Es knallt blechern. "Die anderen
sind oben", meldet Christian. Nach drei Minuten sind alle
Terroristen erschossen, die Bombe hat Daniel im letzten Moment per
Mausklick entschärft. Er trommelt mit den Fingern auf den Tisch.
Auch in der Rolle der Terroristen ist "At the Limit" geschickter und
gewinnt nach zwanzig Minuten mit großem Vorsprung. Die "German Task
Force" kommt zum Gratulieren. "Wichtig ist, daß ihr im Endspiel das
Kollekti" schlagt", sagt der unterlegene Clan.
Christian und
sein Team trainieren jeden Tag, um die Taktik zu verbessern. Beim
Chatten haben sich die Spieler kennengelernt, dann auf den Lans
getroffen. Seit drei Jahren ist der harte Kern zusammen, der Clan
hat schon 45 Mitglieder aus Hamburg, München, Offenburg und
Offenbach. Das große Ziel ist die Weltmeisterschaft, die zweimal im
Jahr in Dallas ausgetragen wird. "Irgendwann werden wir die
Qualifikation schaffen", sagt Daniel. "Dann können wir im
Marriott-Hotel mitzocken." Bei den großen internationalen Turnieren
werden Preisgelder von 50 000 Dollar und mehr ausgespielt. Bislang
gibt es in Deutschland erst eine Handvoll großer Clans, die auch
international mithalten können.
Um 23 Uhr haben sich die
ersten Gamer in ihre Schlafsäcke gewickelt, liegen auf der Tribüne,
in Gängen zwischen den Tischen oder Umkleidekabinen. Es riecht nach
Füßen, die lange in Turnschuhen gesteckt haben. Bierfahnen mischen
sich darunter. Auf einer Leinwand laufen Comic-Clips, Musikvideos
und Werbefilme - alle ohne Ton. Auch in der Cocktailbar wird keine
Musik gespielt; nur das tausendfache Tippen und Klicken vor den
Bildschirmen ist zu hören, ganz selten von verhaltenen Unmuts- oder
Jubelausbrüchen gestört. Auf den meisten Bildschirmen laufen
Ego-Shooter-Spiele: Der Spieler rennt durch die Labyrinthe auf der
Suche nach Gegnern, Waffen oder Munition. Auf manchen Monitoren
räkeln sich halbnackte Frauen. Lan-Parties sind reine
Männerveranstaltungen.
An drei Tischen im Hallenfoyer sitzen
ein paar in sich zusammengesunkene Gamer und beißen in dampfende
Schinkenbaguettes. Wolfram und Uschi Kammerer stehen hinter der
spartanischen Theke, insgesamt 40 Stunden bis zum Sonntag. So wie
manche Mütter bei den Hockeyturnieren ihrer Kinder Kuchen verkaufen,
verkaufen Wolfram und Uschi Kammerer 250 Pizzen aus ihrer
Gewerbetiefkühltruhe, dazu 150 Baguettes. Der Sohn des Paares gehört
zu den Organisatoren. Zum Frühstück servieren die beiden
Nutellabrötchen und Cornflakes. "Es ist unsere fünfte Lan-Party",
sagt Wolfram Kammerer, der sonst als Hausmeister arbeitet. "Wir
gehören schon zur Familie." Die beiden verstehen sich ein bißchen
als Sozialarbeiter der Gamer, obwohl es wenig aufzupassen gibt. Mehr
als zwanzig Flaschen Bier sind sie heute noch nicht losgeworden. Die
Aufregung um die Computerspiele versteht Wolfram Kammerer nicht.
"Die Leute hier sind friedlich. Nicht ein einziges Mal hatten wir
Streß." Bisher habe sich niemand für die Veranstaltungen
interessiert, der Hallen-Hausmeister habe bei der ersten Lan-Party
einmal kurz vorbeigeschaut. In diesem Jahr sei das Publikum älter
geworden. Die meisten sind älter als zwanzig Jahre.
Die Luft
für Lan-Organisatoren ist seit Erfurt dünn geworden. Besonders die
großen Partys mit 1000 und mehr Spielern sind von Sponsoren
abhängig, und die ziehen sich zurück, weil sie wegen der Kampagne
gegen die Spiele um ihren Ruf fürchten. Die Unternehmen "Intel" und
der Chip-Hersteller "AMD" haben ihre Unterstützung vorerst
eingestellt, auch viele kleinere Firmen sind vorsichtig geworden.
Etliche Partys wurden bereits abgesagt. Ein wichtiges Signal für die
Zukunft der Lan-Partys wird die Bundesprüfstelle für
jugendgefährdende Schriften am 16. Mai geben. Sie wird entscheiden,
ob Counter-Strike auf den Index gesetzt werden soll. Das wäre für
die "E-Sportler" eine große Niederlage.
Um ein Uhr nachts ist
das Counter-Strike-Finale in vollem Gang. Es sieht schlecht aus für
"At the Limit", der gegnerische Clan "Kollektiv" trifft sehr genau
und kennt das Spiel-Territorium besser. Hinter Christian und Daniel
stehen zwanzig befreundete Gamer und verfolgen die erbitterten
Kämpfe. "Mensch Johannes, was rennst du denn ungedeckt raus",
schimpft Daniel seinen Mitspieler an, als der getroffen wird. Wieder
ist es den Terroristen gelungen, die Bombe zu zünden. Daniel
schnalzt mit den Fingern. Das letzte Spiel entscheidet. Die Bombe
muß entschärft werden. Christian klatscht in die Hände, um seine
Mitspieler anzufeuern. Die Finger flitzen über die Tastatur, seine
Figur rennt über einen langen Zug, sichert den Vorplatz für Daniel.
"Hilf mir hoch!" ruft der zu Johannes, um auf ein Vordach klettern
zu können. Von den Gegnern keine Spur, es geht zurück durch den
Schacht. Im Keller ist die Bombe schon deponiert, ein scharfes
Piepsen zeigt an, daß sie in wenigen Sekunden explodiert. Daniel muß
sie entschärfen. Ein Terrorist wartet natürlich darauf, lauert
hinter einer Mauer. Aber noch bevor er schießen kann, erschießt ihn
Christian von hinten. Über einen anderen Gang hatte er sich in den
Keller vorgearbeitet. Die Bombe detoniert nicht. Die fünf streifen
die Kopfhörer von den glühenden Ohren und wischen die nassen Finger
an den Hosen ab, rufen: "Yes, Yes, Yes!" Die Zuschauer jubeln mit.
Dann marschiert der Clan samt Anhang zum unterlegenen "Kollektiv".
Die kauen mit säuerlichen Mienen an ihren Lippen, schütteln müde die
Hände der Sieger. Ihr Aggressionspotential scheint
aufgebraucht.
Draußen im Foyer liegt ein Zeitungsartikel, der
Computerspiele kritisiert. Jemand hat einen Kommentar darunter
gekritzelt: "Wenn die letzte Lan geschlossen, Counter-Strike
verboten und das Internet zensiert ist, werdet ihr merken, daß man
seine Kinder doch erziehen muß."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
13.05.2002, Nr. 109 / Seite 11 Bildmaterial: Foto Anne Faden
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