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6. Oktober 2002    <Gast>
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Auf Lan-Partys gibt es keine laute Musik.


 
Mal gut, mal böse
 
 
14. Mai 2002 APPENWEIER, 12. Mai. Dunkel ist es in der Schwarzwaldhalle in Appenweier. Eine rote und eine blaue Lampe strahlen an die hohe Decke, die eingeklappten Basketballkörbe sind nur schwer zu erkennen. Zwölf Tischreihen ziehen sich längs durch die Halle. Auf den weißen Tischen stehen 294 Computer, dicht an dicht. Auf den 19-Zoll-Monitoren jagen sich in verlassenen Industrieruinen Terroristen und Counterterroristen durch dunkle Flure. Sie legen Bomben und erschießen sich mit Pistolen oder Sturmgewehren. Rote Wölkchen stieben bei jedem Treffer auf, die Getroffenen sacken zusammen.

In seiner Begrüßungsrede zum Auftakt des "Circus Infernus" in der Nacht zum vergangenen Samstag hat Veranstalter Mario Makaro Erfurt nicht erwähnt. Für ihn gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Computerspielerszene und der Bluttat, auch wenn Robert Steinhäuser selbst Counter-Strike (CS) gespielt haben soll. Aus Sicht der "Gamer", wie sich die Spieler nennen, ist das Töten in der virtuellen Welt ein Spiel um Geschicklichkeit und Teamwork. Dutzende sogenannter Lan-Partys wie der "Circus Infernus" in Appenweier, bei denen die Computer miteinander vernetzt werden, finden jedes Wochenende in Deutschland statt. Die Junge Union in Herrstein/Rhaunen gehört zu den Organisatoren solcher Partys, in Dortmund ist das Jugendamt mit von der Partie. 500 000 Counterstrikespieler gibt es in Deutschland, "E-Sport" nennen sie ihr Treiben.

Bei den anspruchsvollsten und beliebtesten CS-Wettkämpfen treten Fünferteams gegeneinander an. Die Mannschaften nennen sich Clans. "At the Limit" gehört zu den Favoriten beim "Circus Infernus". Der Clan sitzt im hintersten Winkel der weiten Halle, Cola- und Wasserflaschen stehen um die fünf Computer, die Mäuse haben rote Lampen an der Unterseite. Um 22 Uhr abends beginnt am Samstag das Halbfinale gegen die "German Task Force". In der ersten Runde muß "At the Limit" Terroristen daran hindern, in einem Fabrikgelände an einem Canyon eine Bombe zu deponieren und zu zünden. Die Angreifer können über das Erdgeschoß oder einen Lüftungsschacht im Keller eindringen. "Laß uns 1:4 spielen", gibt Christian die Taktik vor. Zwanzig Jahre ist er alt, hat gerade den Zivildienst beendet und wartet auf einen Studienplatz in Informatik. Mit den Fingern simuliert er die Aufstellung: einer oben, vier unten. "Passive Verteidigung, daß oben niemand gefischt wird", bestätigt Daniel, achtzehn Jahre alt und früher hessischer Meister im Basketball. Dann werden die dicken Kopfhörer aufgesetzt. Grillen zirpen, die eigenen Schritte knirschen auf dem Kiesweg. Sich selbst, also die Figur, die man steuert, kann man auf dem Bildschirm nicht sehen. Man sieht jedoch - je nach Situation - die Mit- und Gegenspieler. Die Verteidiger tragen dunkelblaue Kampfanzüge. "Bin oben, hock dich", ruft Daniel ins Mikrophon unter dem Kopfhörer, auf dem Bildschirm neben ihm geht die Figur, die Patrick steuert, hinter einer Holzkiste in Deckung. Am Ende des Ganges vor ihnen tauchen plötzlich zwei Terroristen in olivfarbener Kleidung auf, das Gewehr im Anschlag. Es sind die Figuren des gegnerischen Teams, die am anderen Ende der Halle ihre PC's angeschlossen haben. Daniel schießt sofort, erwischt beide Angreifer. Es knallt blechern. "Die anderen sind oben", meldet Christian. Nach drei Minuten sind alle Terroristen erschossen, die Bombe hat Daniel im letzten Moment per Mausklick entschärft. Er trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Auch in der Rolle der Terroristen ist "At the Limit" geschickter und gewinnt nach zwanzig Minuten mit großem Vorsprung. Die "German Task Force" kommt zum Gratulieren. "Wichtig ist, daß ihr im Endspiel das Kollekti" schlagt", sagt der unterlegene Clan.

Christian und sein Team trainieren jeden Tag, um die Taktik zu verbessern. Beim Chatten haben sich die Spieler kennengelernt, dann auf den Lans getroffen. Seit drei Jahren ist der harte Kern zusammen, der Clan hat schon 45 Mitglieder aus Hamburg, München, Offenburg und Offenbach. Das große Ziel ist die Weltmeisterschaft, die zweimal im Jahr in Dallas ausgetragen wird. "Irgendwann werden wir die Qualifikation schaffen", sagt Daniel. "Dann können wir im Marriott-Hotel mitzocken." Bei den großen internationalen Turnieren werden Preisgelder von 50 000 Dollar und mehr ausgespielt. Bislang gibt es in Deutschland erst eine Handvoll großer Clans, die auch international mithalten können.

Um 23 Uhr haben sich die ersten Gamer in ihre Schlafsäcke gewickelt, liegen auf der Tribüne, in Gängen zwischen den Tischen oder Umkleidekabinen. Es riecht nach Füßen, die lange in Turnschuhen gesteckt haben. Bierfahnen mischen sich darunter. Auf einer Leinwand laufen Comic-Clips, Musikvideos und Werbefilme - alle ohne Ton. Auch in der Cocktailbar wird keine Musik gespielt; nur das tausendfache Tippen und Klicken vor den Bildschirmen ist zu hören, ganz selten von verhaltenen Unmuts- oder Jubelausbrüchen gestört. Auf den meisten Bildschirmen laufen Ego-Shooter-Spiele: Der Spieler rennt durch die Labyrinthe auf der Suche nach Gegnern, Waffen oder Munition. Auf manchen Monitoren räkeln sich halbnackte Frauen. Lan-Parties sind reine Männerveranstaltungen.

An drei Tischen im Hallenfoyer sitzen ein paar in sich zusammengesunkene Gamer und beißen in dampfende Schinkenbaguettes. Wolfram und Uschi Kammerer stehen hinter der spartanischen Theke, insgesamt 40 Stunden bis zum Sonntag. So wie manche Mütter bei den Hockeyturnieren ihrer Kinder Kuchen verkaufen, verkaufen Wolfram und Uschi Kammerer 250 Pizzen aus ihrer Gewerbetiefkühltruhe, dazu 150 Baguettes. Der Sohn des Paares gehört zu den Organisatoren. Zum Frühstück servieren die beiden Nutellabrötchen und Cornflakes. "Es ist unsere fünfte Lan-Party", sagt Wolfram Kammerer, der sonst als Hausmeister arbeitet. "Wir gehören schon zur Familie." Die beiden verstehen sich ein bißchen als Sozialarbeiter der Gamer, obwohl es wenig aufzupassen gibt. Mehr als zwanzig Flaschen Bier sind sie heute noch nicht losgeworden. Die Aufregung um die Computerspiele versteht Wolfram Kammerer nicht. "Die Leute hier sind friedlich. Nicht ein einziges Mal hatten wir Streß." Bisher habe sich niemand für die Veranstaltungen interessiert, der Hallen-Hausmeister habe bei der ersten Lan-Party einmal kurz vorbeigeschaut. In diesem Jahr sei das Publikum älter geworden. Die meisten sind älter als zwanzig Jahre.

Die Luft für Lan-Organisatoren ist seit Erfurt dünn geworden. Besonders die großen Partys mit 1000 und mehr Spielern sind von Sponsoren abhängig, und die ziehen sich zurück, weil sie wegen der Kampagne gegen die Spiele um ihren Ruf fürchten. Die Unternehmen "Intel" und der Chip-Hersteller "AMD" haben ihre Unterstützung vorerst eingestellt, auch viele kleinere Firmen sind vorsichtig geworden. Etliche Partys wurden bereits abgesagt. Ein wichtiges Signal für die Zukunft der Lan-Partys wird die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften am 16. Mai geben. Sie wird entscheiden, ob Counter-Strike auf den Index gesetzt werden soll. Das wäre für die "E-Sportler" eine große Niederlage.

Um ein Uhr nachts ist das Counter-Strike-Finale in vollem Gang. Es sieht schlecht aus für "At the Limit", der gegnerische Clan "Kollektiv" trifft sehr genau und kennt das Spiel-Territorium besser. Hinter Christian und Daniel stehen zwanzig befreundete Gamer und verfolgen die erbitterten Kämpfe. "Mensch Johannes, was rennst du denn ungedeckt raus", schimpft Daniel seinen Mitspieler an, als der getroffen wird. Wieder ist es den Terroristen gelungen, die Bombe zu zünden. Daniel schnalzt mit den Fingern. Das letzte Spiel entscheidet. Die Bombe muß entschärft werden. Christian klatscht in die Hände, um seine Mitspieler anzufeuern. Die Finger flitzen über die Tastatur, seine Figur rennt über einen langen Zug, sichert den Vorplatz für Daniel. "Hilf mir hoch!" ruft der zu Johannes, um auf ein Vordach klettern zu können. Von den Gegnern keine Spur, es geht zurück durch den Schacht. Im Keller ist die Bombe schon deponiert, ein scharfes Piepsen zeigt an, daß sie in wenigen Sekunden explodiert. Daniel muß sie entschärfen. Ein Terrorist wartet natürlich darauf, lauert hinter einer Mauer. Aber noch bevor er schießen kann, erschießt ihn Christian von hinten. Über einen anderen Gang hatte er sich in den Keller vorgearbeitet. Die Bombe detoniert nicht. Die fünf streifen die Kopfhörer von den glühenden Ohren und wischen die nassen Finger an den Hosen ab, rufen: "Yes, Yes, Yes!" Die Zuschauer jubeln mit. Dann marschiert der Clan samt Anhang zum unterlegenen "Kollektiv". Die kauen mit säuerlichen Mienen an ihren Lippen, schütteln müde die Hände der Sieger. Ihr Aggressionspotential scheint aufgebraucht.

Draußen im Foyer liegt ein Zeitungsartikel, der Computerspiele kritisiert. Jemand hat einen Kommentar darunter gekritzelt: "Wenn die letzte Lan geschlossen, Counter-Strike verboten und das Internet zensiert ist, werdet ihr merken, daß man seine Kinder doch erziehen muß."


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2002, Nr. 109 / Seite 11
Bildmaterial: Foto Anne Faden
 
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