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Dossier:
Die „Counterstrike-Debatte“ |
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29. April 2002 Vor wenigen Tagen hat man die Ergebnisse einer
wissenschaftlichen Studie lesen können, wonach das Internet Kneipen
und Diskotheken als Flirt-Stätte längst überholt habe. Chatrooms,
Usegroups, Foren und sogar Webpages machen, daß immer mehr Liebende
immer seltener alleine sind. Das gilt, wie wir jetzt hinzufügen,
auch für die Hassenden.
Deren Flirtverhalten wäre nicht erst
seit den Erfurter Ereignissen eine genauere Betrachtung wert. Eine
Gesellschaft, deren Spitzenpolitiker Guido Westerwelle noch vor
wenigen Tagen am liebsten über das Sexualverhalten eines Schweizer
Botschafters Interviews gab, braucht sich über die
Kommunikationsstörungen und Inhibitionen der Liebe keine Gedanken zu
machen - höchstens über jenes Segment der Verständnis- und
Verständigungsliteratur, das Jürgen Kaube auf dieser Seite
porträtiert.
Ganz anders, wenn dem Haß die Zunge gelöst und
die Scham abgenommen wurde - ein Prozeß, der nach der Befreiung der
Liebe im vergangenen zur Sache des gegenwärtigen Jahrhunderts werden
könnte. Jene Scheinobjektivierung der eigenen Meinung, die jeder
Journalist kennt, der aus Leserbriefen die Stimmung des Ganzen
hochzurechnen glaubt, ereignet sich ja auch in all den Nischen- und
@hate-Existenzen, die im Internet auf Knopfdruck ihre Favoriten
finden.
Wenn es stimmt, daß die bürgerliche Gesellschaft ihr
Selbstbewußtsein vor allem durch die Literatur und den
Erkenntnisschock des "Das bist du" gewonnen hat (auch hier - wie im
Internet - in den englischsprachigen Ländern zuerst), dann steht uns
eine Lektüreerfahrung Internet bevor, die es in sich hat. "Zu
wissen, daß man nicht alleine ist": Dieser rührende Satz empfindamer
Literaturfreunde des neunzehnten Jahrhunderts gewinnt angesichts der
Littleton-Killer Eric und Dylan oder von Robert Steinhäuser aus der
Ottostraße in Erfurt etwas Alarmierendes.
"Hate watching",
also Haß-Überwachung, ist nach den Worten der amerikanischen
Internetexpertin Karen De Coster mit Entstehen des Netzes zu einem
"unterhaltsamen Sport" in Amerika geworden. Neben den Haß-Gruppen
tauchen überall Haß-Überwachungsgruppen auf, gleichsam
Fortentwicklungen der Antidiffamierungsbewegungen der achtziger und
neunziger Jahren. So hat der Publizist Raymond A. Franklin ein fast
achtzigseitiges Haß-Verzeichnis ("The Hate Directory": http://
www.hatedirectory.com) ins Internet gestellt, in dem sich unzählige
Webadressen von rassistischen und rechtsextremen Anbietern
finden.
Der Begriff "Haß" ist unversehens von einem
psychologischen zu einem politischen Begriff geworden. Weil das
Internet den Sprechern keine Hemmungen mehr auferlegt und alle
zivilisatorischen Vermeidungs- und Ausweichstrategien durch die
Anonymität überflüssig werden, sprechen die Leute aus, was sie
radikal macht.
Extremistische politische Ideologie ist ja
selbst schon Sublimierung, um es fast pervers zu sagen:
Verfeinerung. Verfeinerung eines brachialen Ressentiments, eines
Haß- oder Inferioritätsgefühls, das sich nicht aussprechen darf und
deshalb den Anschein eines Weltbildes gibt, um zivil kommunizierbar
zu werden. Doch dieser Prozeß ist in Internetzeiten gar nicht mehr
nötig. Alles spricht sich aus und erreicht erst gar nicht den Status
der Ideologie, gar des Weltbildes. Eine Mischung aus Song,
Newsgroup, Chatroom und Online-Baller-Spiel ersetzt das, was noch
vor ein paar Jahren "Bewegung", Weltbild, Gang, Ideologie
war.
Denn entscheidender als jede Ideologie ist, daß das
Internet eine neue Gemeinschaft der Hassenden stiftet. Bereits 1999
übergab Abraham Cooper, ein Funktionär amerikanischer
Erziehungsorganisationen, der den Auftrag hatte, einen der
jugendlichen Littleton-Attentäter zu analysieren, der Polizei eine
Liste von 1400 Webseiten, in denen jede Form von Haß annonciert und
vermarktet wurde. "Haß", so sagte Cooper damals in einem Interview,
"ist eine Wachstumsindustrie, die durch das Internet geschaffen
wird. Eric Harris, einer der Killer von Littleton, hat nachweislich
im Internet eine Menge Material gefunden, das sein antisoziales
Verhalten guthieß und seine Pläne billigte."
Es geht um diese
Billigung: um die Ersetzung eines pathologischen inneren Monologs
durch einen scheinbaren Dialog mit anderen. Diese Objektivierung
eigener Befunde hat es bislang nur im Bereich einer skurillen
Traktatliteratur gegeben und fast überhaupt nicht - allein schon
wegen der psychopathologischen Befindlichkeit der Handelnden - als
reales Diskussionsforum in der Wirklichkeit.
Es gehört zum
Wesen des Internets, daß es unendlich wuchert. Darin ist es selbst
einer gewaltigen Industrie vergleichbar, die Ideen, Geplapper, Liebe
und Haß produziert, ohne je an ein Ende zu kommen. Wenige Tage nach
einem Schulmassaker in Japan, gab es im Netz ein entsprechendes
Computerspiel. Wenige Tage nach dem Littleton-Highschool-Massaker
wurde eine Seite zur Verherrlichung der Attentäter ins Netz gestellt
(und später wieder entfernt). Und keine Stunde nach der
Pressekonferenz der Polizei in Erfurt stand eine gefälschte Webpage
des Robert Steinhäuser im Internet, auf der er, der längst tot war,
angeblich seine Tat ankündigte.
Es gibt Leute, die so etwas
tun. Sie schreiben Ereignisse im Internet auf ihre Weise fort; man
könnte auch sagen, sie befallen jede Wunde in der Gesellschaft. Sie
sind weit von Robert Steinhäuser entfernt, weil sie noch niemanden
umgebracht haben, und nur Codes, Spiele oder Webseiten produzieren -
aber wie weit genau? Und wo eigentlich war Steinhäuser vor vierzehn
Tagen? Schoß er im Online-Spiel "Coutnerstrike" auf Polizisten? Hier
ist der Kern jener "Haß"-Industrie, über die künftig zu reden sein
dürfte: Sie reicht von politischen Extremismen über die
Spielefabrikanten, Internetgemeinschaften bis hin zu den einzelnen,
die auch noch eine Botschaft der Wut und des Hasses haben. Man wird
diese Industrie niemals stillegen können. Aber man sollte wissen,
daß sie existiert: aus Tausenden wütenden, haßerfüllten,
kompromittierten, ängstlichen Usern, Sandkörner unter den Millionen
im WorldWideWeb.
Daß Robert Steinhäuser sich im Internet
bewegte und im Internet "Counterstrike" spielte, ein Spiel, wo
vorgeblich Menschen erschossen werden und reale Personen über das
Internet miteinander verbunden sind, ist vermutlich nicht der Grund
seiner Tat, aber womöglich die Ursache seiner sozialen
Unauffälligkeit - jener Anonymität, die die größte Belohnung ist,
die das Internet für Kommunikationsteilnehmer bereithält und die
sogar seine eigenen Eltern ihm gegenüber empfunden zu haben
scheinen. Stimmen die Berichte, so können sie von ihrem Sohn, den
sie noch am Mordtag mit einem "Viel Glück!" auf die Reise schickten,
nicht mehr gewußt haben als von irgendeinem anonymen User des
Webs.
FRANK SCHIRRMACHER
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
30.04.2002, Nr. 100 / Seite 47
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