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Ein "auffällig unauffälliger" Junge
Rauswurf aus Schule verschwiegen
Das rätselhafte Leben des Amokläufers von Erfurt: Man kannte ihn, und man kannte ihn nicht.
Von unserem Korrespondenten EWALD KÖNIG

Erfurt: Ein Blumenmeer zum Gedenken an die Toten | (c) apa

ERFURT. Könnte man eindeutig sagen, er sei beängstigend introvertiert oder aber auffällig gewaltbereit gewesen, dann ließe sich leichter ein Urteil über den Täter von Erfurt fällen. Aber so leicht macht es der 19jährige Robert Steinhäuser niemandem. So eindeutig läßt sich nichts über sein Innenleben, die Abgründe seiner Seele, die Entwicklung der letzten Lebensmonate sagen.

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel charakterisierte ihn als "auffällig unauffällig". Die einen sagen, er sei ein "ganz normaler" Schüler gewesen. Die Polizei dagegen sprach von einer schweren psychischen Schädigung. Die einen haben ihn als Einzelgänger und Eigenbrötler in Erinnerung. Die anderen als geselligen Kumpel. Die einen wollen wissen, daß er extreme Heavy-Metal-Musik oder Lärm von Neonazibands konsumiert hat. Andere trauen ihm das nicht zu. Die einen fanden den etwas korpulenten Jüngling unsportlich, die anderen schildern ihn als leidenschaftlichen Handballer. Die einen haben ihn aufbrausend erlebt, andere haben ihn als überall beliebt in Erinnerung.

Politiker wollte er werden, eine Berühmtheit, von der alle noch hören würden. Robert wohnte zusammen mit seiner Mutter, einer Krankenschwester, in einem Reihenhaus in der Ottostraße. Von dort hatte er nur wenige Minuten mit dem Fahrrad zur Schule. Seine Großeltern wohnen im selben Haus im Erdgeschoß. Der Vater, Ingenieur bei Siemens, und Roberts zwanzigjähriger Bruder Jan wohnen seit Jahren in einem anderen Wohnhaus.

Im Internet nannte er sich Satans Sohn

Materiell ging es ihm nie schlecht. Videorecorder, Computer, Handy hatte er schon als Jugendlicher. Am Gewaltspiel "Quake" soll er sich aufgegeilt haben; "Satans Sohn" war der Name, den er sich beim Chatten im Internet zugelegt hatte.

Die innere Distanz zur Schule war unvergleichlich größer als die räumliche. Die elfte Klasse hatte er wiederholen müssen. Er sah in der Schule keinen Sinn mehr, erledigte Hausaufgaben nicht, fehlte unentschuldigt, eckte bei Lehrern an. Er fälschte ärztliche Atteste, um bei Prüfungen nicht mitmachen zu müssen. Deshalb wurde er Anfang des Jahres der Schule verwiesen und zur Matura nicht zugelassen. Seinen Eltern hatte er davon nie erzählt. Auch von der Schule gab es keine Verständigung an die Eltern. Robert war volljährig.

Er trug die Schmach mit sich herum. Selbst am Tag des Verbrechens dachte seine Mutter noch, er sei zur Schule, zur Maturaprüfung gegangen. Der Druck muß immer größer geworden sein: Denn nach zwölf Jahren kurz vor der Matura entlassen zu werden, bedeutet, als Neunzehnjähriger ohne jede Qualifikation dazustehen.

Engagiert schien er ausschließlich in seiner anderen Welt gewesen zu sein. Dieses Leben widmete er dem Schießen. Im Schießsportverein "Domblick" war er Mitglied. Im 25-Meter-Schießen mit der Pistole soll er brilliert haben. Aber auch im Schützenverein, wo er sich das handwerkliche Können für das Blutbad geholt hat, war er nie sonderlich aufgefallen. In den vergangenen drei Monaten war er dort nicht mehr aufgetaucht.

Die Tat kündigte er an: Per Handy-Kurznachricht (SMS) riet er einem Freund, an jenem Freitag nicht zur Schule zu gehen. Als "Satans Sohn" soll er schon Tage davor im Internet sein Vorhaben formuliert haben. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht. So bleiben viele Fragen zu Robert offen.

Was war in ihm vorgegangen? Was hatte ihn vom "ganz normalen" Schüler zum ärgsten Massenmörder gemacht, den Deutschland seit dem Krieg je hatte? Wie kam er unbemerkt an die mehr als tausend Schuß Munition? Wieso verkleidete er sich als Ninja-Kämpfer? Psychologen werden zu deuten versuchen, wieso er sich bei der plötzlichen Begegnung mit dem Geschichtslehrer die Maske mit Sehschlitz und Mundloch vom Gesicht riß und seine Identität offenbarte. Wenige Augenblicke, bevor er sich selbst tötete.

29.04.2002 Quelle: Print-Presse
  Dr. Franz Sulzenbacher, 30.04.2002 , 18:41 Uhr  
Ich habe mir gedacht: Was ist das für eine Schule, die die Eltern nicht von Problemen mit dem Schüler informiert ? Jetzt muß ich lesen, die Familie wurde nicht benachrichtigt, weil der Bursche volljährig war. 1) Frage: Wie ist die Rechtslage bei uns ? 2) Frage: Wäre es für die BRD ein Rechtsbruch gewesen, wenn die Lehrer die Eltern trotzdem angerufen hätten ? Was wäre den Lehrern dienstrechtlich passiert, wenn sie informiert hätten ? 3) Sollte man nicht damit aufhören, der Jugend dauernd in den A..... zu kriechen und lieber die Volljährigkeit wieder hinaufsetzen, z.B. auf 20 oder wenigstens 19 ? 4) Weil angesichts von 18 Toten keine Schuldfrage erlaubt ist, gestatte ich mir, nach allfälligen "Ursachen" zu fragen: a) Gab es an dieser Schule mobbing gegen den Schüler ? b) Gab es an dieser Schule einen "Gott Kupfer" à la "Schüler Gerber" ?  

  Dr. Anton Karl Mally, 29.04.2002 , 15:59 Uhr  
An Frau Christine Tehrani (29.04.2002, !4:19/20): Wenn Sie Ihren Leserbrief hier im Internetforum schreiben, wird er zumindest von einigen am Thema Interessierten gelesen. Ob er auch abgedruckt wird, ist leider höchst ungewiß. Wenn Sie Ihren Forumsbeitrag unter Ihrem richtigen Namen posten und - nur für die Redaktion, nicht für die Forumsteilnehmer - auch Ihre Adresse angeben, besteht immerhin die Chance, daß er nicht nur im Internet, sondern auch in der Printausgabe der "Presse" erscheint.  

  ET, 29.04.2002 , 14:28 Uhr  
In Deutschland drückt man bis zum Abi 13 Jahre die Schulbank. Mit 18 ist man volljährig, das heißt, in den jeweiligen Abiturientenkursen sitzen Erwachsene. Die Klassenverbände werden schon zu Beginn der 11 Klasse aufgelöst, aus diesem Grunde kennen sich die Schüler untereinander zum Teil nur flüchtig. Das erklärt auch die unterschiedlichen Charakterbeschreibungen der Mitschüler. Die gymnasiale Oberstufe gleicht mehr einem Universitätsbetrieb mit Vorlesung. Der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern beschränkt sich nur auf den Unterricht. Mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres bekommen die Eltern ohne schriftliche Zustimmung Ihrer Sprösslinge in der Schule keine Auskunft mehr. Die berühmten „blauen Briefe“ werden direkt der/dem Betroffene/n ausgehändigt, die Eltern bleiben ohne Info. So kam es, dass sich niemand um die Probleme des Jungen kümmerte. Galt er doch für alle als Erwachsener, der gefälligst mit seinen Schwierigkeiten alleine fertig zu werden hatte. Ist die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern gut, klappt dieses System in der Regel auch, nur wenn in diesem fragilen Räderwerk etwas schief geht, dann kann das Ergebnis erschreckend sein.  

  Tehrani Christine, 29.04.2002 , 14:20 Uhr  
Habe heute einen Leserbrief zum Thema Erfurt an die e-mail-Adresse der Chefredaktion geschickt. Überschrift: Söhne brauchen Väter! Vaterlose Söhne sind eine tickende Zeitbombe! Mit freundlichen Grüßen Christine Tehrani (aus der Sicht einer Mutter)  

  Tehrani Christine, 29.04.2002 , 14:20 Uhr  
Habe heute einen Leserbrief zum Thema Erfurt an die e-mail-Adresse der Chefredaktion geschickt. Überschrift: Söhne brauchen Väter! Vaterlose Söhne sind eine tickende Zeitbombe! Mit freundlichen Grüßen Christine Tehrani (aus der Sicht einer Mutter)  
 
 
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