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Rede von Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel
Erfurt trauert. Thüringen trauert. Deutschland trauert. Die Welt ist erschüttert. Etwas Furchtbares ist geschehen: Ein Mensch hat anderen Menschen das Leben genommen, hat 16 Menschen aus ihrem Leben, aus unserer Mitte gerissen. Und er hat sein eigenes Leben weggeworfen. Was geschehen ist, ist unfassbar.

Inmitten der vielen Blumen - dort drüben vor dem Erfurter Rathaus - habe ich einen Satz gelesen: "Lasst uns unser Entsetzen in Kraft, unser Leiden in Erkennen und unseren Schmerz in Liebe verwandeln." Das fällt sehr schwer. Wir finden keine Worte für das Leid, das so viele Menschen getroffen hat. Niemand von uns kann wirklich ermessen, was Sie, die Angehörigen, am vergangenen Freitag - um diese Stunde - verloren haben: Ihre Frau, Ihren Mann, Ihre Mutter, Ihren Vater, Ihre Tochter, Ihren Sohn, Ihre Schwester, Ihren Bruder, Ihre Freunde; Menschen, die für Sie Glück, Lebensfreude und Zukunft waren.
"Unser Entsetzen darf uns nicht lähmen"

Alle noch so gut gemeinten Worte klingen hilflos. Und dennoch: Wir dürfen nicht schweigen. Unser Entsetzen darf uns nicht lähmen. Wir dürfen die Angehörigen der Toten, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in ihrem Schmerz nicht allein lassen. Sie brauchen unser Mitgefühl, unsere Solidarität. Es ist menschlich und hoffentlich auch tröstlich, auszusprechen, was wir fühlen - und mag es auch noch so unvollkommen gelingen.

Wir verneigen uns vor den Toten. Wir verneigen uns aber auch vor denen, die diesen schrecklichen Tag überlebt haben. Wir verneigen uns vor denen, denen das Wohl und die Unversehrtheit der Kinder und Jugendlichen so wichtig waren, dass sie dafür ihre Angst überwunden und ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht haben. Bessere Vorbilder für Mitmenschlichkeit gibt es nicht!
"Unsere Aufgabe ist es, das Gespräch zu suchen"

Dass die grauenhafte Tat an einer Schule verübt worden ist, in der - wie alle bezeugen - ein gutes Miteinander von Schülern, Lehrern und Eltern herrschte, gehört zur besonderen Tragik dieses Verbrechens. Wir alle wollen für die unmittelbar betroffenen Lehrer, für die Schülerinnen und Schüler da sein. Die Bilder vom Tod ihrer Mitschüler Susann und Ronny, ihrer Lehrerinnen und Lehrer, der Schulsekretärin werden in Erinnerung bleiben. Die Tat hat Wunden geschlagen, die niemals vollständig heilen. Narben bleiben. Unsere Aufgabe ist es, das Gespräch zu suchen, vor allem zuzuhören, Ängste zu nehmen und Geborgenheit zu bieten - nicht nur jetzt, sondern auch in der Zukunft.

Wir verneigen uns vor dem getöteten Polizisten und trauern mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, aber auch mit seinen Kolleginnen und Kollegen. Der Mord an Andreas Gorski macht uns neu bewusst, dass sich Polizistinnen und Polizisten immer wieder in tödliche Gefahr begeben, um unser aller Sicherheit willen und um Leben zu retten.

Wir empfinden in dieser Stunde tiefe Dankbarkeit für alle, die nach Kräften geholfen haben. Wir danken den Polizisten, den Rettungskräften, den Ärzten und den Sanitätern, die - mutig und engagiert - mehr als ihre Pflicht getan haben. Wir danken den Seelsorgern, den Psychologen und jedem, der den Angehörigen, den Schülern, den Lehrern und den Eltern über die ersten Stunden hinweg geholfen hat und ihnen auch in diesen Tagen beisteht.

Wir danken der Schulleiterin und allen, die ihr eigenes Leid zurückstellten und sich unermüdlich um die Zukunft ihrer Schule kümmern und sich gegenseitig stützen. Wir danken allen, die an unserer Trauer hier in Erfurt Anteil nehmen und die uns dadurch gestärkt haben. Viel Solidarität hat uns erreicht - aus allen deutschen Ländern, aus ganz Europa und aus Übersee. Die Schüler und Lehrer der Partnerschule, der Bowling Green Highscool in Kentucky, weinten, als sie von dem Verbrechen hörten.
"Die Menschen stehen zusammen"

Erfurt hat weltweit Aufsehen erregt. Aber nicht nur wegen der schrecklichen Tat, sondern auch wegen der Antwort, die die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt gegeben haben. Es stimmt, was ein Journalist dieser Tage gesagt hat: "Ich habe in dieser Stadt noch nie so viele Menschen auf den Straßen gesehen, und ich habe diese Stadt auch noch nie so still erlebt."

Von hier geht eine Botschaft aus: Das furchtbare Geschehen hat die Menschen zusammengebracht. Von einer Sekunde auf die andere wurde aller Tagesstreit unwichtig. Wir wissen jetzt: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeit und Gemeinsinn in unserem Volk, als wir es noch vor einer Woche um diese Stunde für möglich gehalten haben. Die Botschaft von Erfurt heißt: Mitmenschlichkeit ist in Deutschland keine verloren gegangene Tugend. Die Menschen haben Solidarität, stehen zusammen und sie trösten einander, sie brauchen Nähe, sie wollen miteinander reden, miteinander beten, miteinander weinen und miteinander trauern und sicher sich eines Tages auch wieder miteinander freuen.
"Wir wollen füreinander Verantwortung tragen"

Erfurt darf nicht zum Synonym für eine schreckliche Bluttat werden. Von dieser Stadt gehte nach dieser Woche die Hoffnung aus. Lasst uns gemeinsam unsere Grundüberzeugung neu formulieren. Wir verachten Gewalt und Terror. Wir wollen nicht, dass Gewalt und Terror erfolgreich sind, auch nicht im Spiel und auch nicht in virtuellen Scheinwelten. Wir wollen, dass die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Achtung vor dem Leben des anderen unser oberstes Prinzip ist. Wir brauchen Übereinstimmung in den Zielen, zu denen wir die nachwachsende Generation erziehen. Wir wollen einen menschlichen Umgang miteinander und wir wollen füreinander Verantwortung tragen.

Schnelle Antworten können oberflächliche Antworten sein. Natürlich werden wir über Gesetze sprechen müssen. Sicher wird es wieder Auseinandersetzungen geben müssen, auch Streit. Aber geht das nach den Erfahrungen dieser Tage nicht in einem anderen Geist und in einem anderen Ton? Wir sollten uns die Überlebenden dieser Schule zum Vorbild nehmen. Die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler des Gutenberg-Gymnasiums trauern, aber sie resignieren nicht. "Unsere Schule ist unsere Schule", sagt eine Schülerin, "die Schule hat uns zum Abitur gebracht und zu Menschen gemacht".
"Wir sind voller Trauer, aber wir haben auch Hoffnung"

Auch das ist die Erfahrung dieser Tage: Dass Erzieher unverzichtbar sind, die jungen Menschen Vorbild sein wollen und Ermutigung zum Leben geben, die gegen die Gewalt die Kraft der Zuversicht setzen.

Eine Lehrerin des Gutenberg-Gymnasiums, die ihr Leben verloren hat, schrieb in ihrem letzten Brief an eine Kollegin der Mainzer Partnerschule: "Jeder Tag ist ein Geschenk." Das ist ihr Vermächtnis an uns. Nehmen wir uns diese Botschaft zu Herzen.

Lasst uns unser Entsetzen in Kraft, unser Leiden in Erkennen und unseren Schmerz in Liebe verwandeln. Wir sind voller Trauer, aber wir haben auch Hoffnung.

Dokumentation: dpa
Redaktionelle Bearbeitung: mdr.de
24.06.2002 | 18:27  
 
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