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Erfurt trauert. Thüringen
trauert. Deutschland trauert. Die Welt ist erschüttert. Etwas
Furchtbares ist geschehen: Ein Mensch hat anderen Menschen das Leben
genommen, hat 16 Menschen aus ihrem Leben, aus unserer Mitte
gerissen. Und er hat sein eigenes Leben weggeworfen. Was geschehen
ist, ist unfassbar.
Inmitten der vielen Blumen - dort drüben
vor dem Erfurter Rathaus - habe ich einen Satz gelesen: "Lasst uns
unser Entsetzen in Kraft, unser Leiden in Erkennen und unseren
Schmerz in Liebe verwandeln." Das fällt sehr schwer. Wir finden
keine Worte für das Leid, das so viele Menschen getroffen hat.
Niemand von uns kann wirklich ermessen, was Sie, die Angehörigen, am
vergangenen Freitag - um diese Stunde - verloren haben: Ihre Frau,
Ihren Mann, Ihre Mutter, Ihren Vater, Ihre Tochter, Ihren Sohn, Ihre
Schwester, Ihren Bruder, Ihre Freunde; Menschen, die für Sie Glück,
Lebensfreude und Zukunft waren.
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"Unser Entsetzen darf
uns nicht lähmen"
Alle noch so gut gemeinten Worte
klingen hilflos. Und dennoch: Wir dürfen nicht schweigen. Unser
Entsetzen darf uns nicht lähmen. Wir dürfen die Angehörigen der
Toten, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und
Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in ihrem Schmerz nicht allein
lassen. Sie brauchen unser Mitgefühl, unsere Solidarität. Es ist
menschlich und hoffentlich auch tröstlich, auszusprechen, was wir
fühlen - und mag es auch noch so unvollkommen gelingen.
Wir
verneigen uns vor den Toten. Wir verneigen uns aber auch vor denen,
die diesen schrecklichen Tag überlebt haben. Wir verneigen uns vor
denen, denen das Wohl und die Unversehrtheit der Kinder und
Jugendlichen so wichtig waren, dass sie dafür ihre Angst überwunden
und ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht haben. Bessere Vorbilder
für Mitmenschlichkeit gibt es nicht!
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"Unsere Aufgabe ist es,
das Gespräch zu suchen"
Dass die grauenhafte Tat an einer
Schule verübt worden ist, in der - wie alle bezeugen - ein gutes
Miteinander von Schülern, Lehrern und Eltern herrschte, gehört zur
besonderen Tragik dieses Verbrechens. Wir alle wollen für die
unmittelbar betroffenen Lehrer, für die Schülerinnen und Schüler da
sein. Die Bilder vom Tod ihrer Mitschüler Susann und Ronny, ihrer
Lehrerinnen und Lehrer, der Schulsekretärin werden in Erinnerung
bleiben. Die Tat hat Wunden geschlagen, die niemals vollständig
heilen. Narben bleiben. Unsere Aufgabe ist es, das Gespräch zu
suchen, vor allem zuzuhören, Ängste zu nehmen und Geborgenheit zu
bieten - nicht nur jetzt, sondern auch in der Zukunft.
Wir
verneigen uns vor dem getöteten Polizisten und trauern mit seiner
Frau und seinen beiden Kindern, aber auch mit seinen Kolleginnen und
Kollegen. Der Mord an Andreas Gorski macht uns neu bewusst, dass
sich Polizistinnen und Polizisten immer wieder in tödliche Gefahr
begeben, um unser aller Sicherheit willen und um Leben zu
retten.
Wir empfinden in dieser Stunde tiefe Dankbarkeit für
alle, die nach Kräften geholfen haben. Wir danken den Polizisten,
den Rettungskräften, den Ärzten und den Sanitätern, die - mutig und
engagiert - mehr als ihre Pflicht getan haben. Wir danken den
Seelsorgern, den Psychologen und jedem, der den Angehörigen, den
Schülern, den Lehrern und den Eltern über die ersten Stunden hinweg
geholfen hat und ihnen auch in diesen Tagen beisteht.
Wir
danken der Schulleiterin und allen, die ihr eigenes Leid
zurückstellten und sich unermüdlich um die Zukunft ihrer Schule
kümmern und sich gegenseitig stützen. Wir danken allen, die an
unserer Trauer hier in Erfurt Anteil nehmen und die uns dadurch
gestärkt haben. Viel Solidarität hat uns erreicht - aus allen
deutschen Ländern, aus ganz Europa und aus Übersee. Die Schüler und
Lehrer der Partnerschule, der Bowling Green Highscool in Kentucky,
weinten, als sie von dem Verbrechen hörten. |
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"Die Menschen stehen
zusammen"
Erfurt hat weltweit Aufsehen erregt. Aber nicht
nur wegen der schrecklichen Tat, sondern auch wegen der Antwort, die
die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt gegeben haben. Es stimmt,
was ein Journalist dieser Tage gesagt hat: "Ich habe in dieser Stadt
noch nie so viele Menschen auf den Straßen gesehen, und ich habe
diese Stadt auch noch nie so still erlebt."
Von hier geht
eine Botschaft aus: Das furchtbare Geschehen hat die Menschen
zusammengebracht. Von einer Sekunde auf die andere wurde aller
Tagesstreit unwichtig. Wir wissen jetzt: Es gibt viel mehr
Gemeinsamkeit und Gemeinsinn in unserem Volk, als wir es noch vor
einer Woche um diese Stunde für möglich gehalten haben. Die
Botschaft von Erfurt heißt: Mitmenschlichkeit ist in Deutschland
keine verloren gegangene Tugend. Die Menschen haben Solidarität,
stehen zusammen und sie trösten einander, sie brauchen Nähe, sie
wollen miteinander reden, miteinander beten, miteinander weinen und
miteinander trauern und sicher sich eines Tages auch wieder
miteinander freuen.
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"Wir wollen füreinander
Verantwortung tragen"
Erfurt darf nicht zum Synonym für
eine schreckliche Bluttat werden. Von dieser Stadt gehte nach dieser
Woche die Hoffnung aus. Lasst uns gemeinsam unsere Grundüberzeugung
neu formulieren. Wir verachten Gewalt und Terror. Wir wollen nicht,
dass Gewalt und Terror erfolgreich sind, auch nicht im Spiel und
auch nicht in virtuellen Scheinwelten. Wir wollen, dass die
Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Achtung vor dem Leben des
anderen unser oberstes Prinzip ist. Wir brauchen Übereinstimmung in
den Zielen, zu denen wir die nachwachsende Generation erziehen. Wir
wollen einen menschlichen Umgang miteinander und wir wollen
füreinander Verantwortung tragen.
Schnelle Antworten können
oberflächliche Antworten sein. Natürlich werden wir über Gesetze
sprechen müssen. Sicher wird es wieder Auseinandersetzungen geben
müssen, auch Streit. Aber geht das nach den Erfahrungen dieser Tage
nicht in einem anderen Geist und in einem anderen Ton? Wir sollten
uns die Überlebenden dieser Schule zum Vorbild nehmen. Die
Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler des
Gutenberg-Gymnasiums trauern, aber sie resignieren nicht. "Unsere
Schule ist unsere Schule", sagt eine Schülerin, "die Schule hat uns
zum Abitur gebracht und zu Menschen gemacht".
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"Wir sind voller
Trauer, aber wir haben auch Hoffnung"
Auch das ist die
Erfahrung dieser Tage: Dass Erzieher unverzichtbar sind, die jungen
Menschen Vorbild sein wollen und Ermutigung zum Leben geben, die
gegen die Gewalt die Kraft der Zuversicht setzen.
Eine
Lehrerin des Gutenberg-Gymnasiums, die ihr Leben verloren hat,
schrieb in ihrem letzten Brief an eine Kollegin der Mainzer
Partnerschule: "Jeder Tag ist ein Geschenk." Das ist ihr Vermächtnis
an uns. Nehmen wir uns diese Botschaft zu Herzen.
Lasst uns
unser Entsetzen in Kraft, unser Leiden in Erkennen und unseren
Schmerz in Liebe verwandeln. Wir sind voller Trauer, aber wir haben
auch Hoffnung.
Dokumentation: dpa Redaktionelle
Bearbeitung: mdr.de |
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| 24.06.2002 | 18:27 |
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