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Liebe Lehrerinnen und
Lehrer,
liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe
Erfurterinnen,
liebe Erfurter,
in dieser Stunde
gedenken wir der Opfer des schrecklichen Verbrechens vom vergangenen
Freitag. Eine ganze Woche ist vergangen, aber das Entsetzen hat uns
nicht verlassen.
Wir trauern um:
Heidrun
Baumbach,
Monika Burghardt,
Birgit
Dettke,
Ivonne-Sofia Fulsche-Baer,
Andreas
Gorski,
Rosemarie Hajna,
Susann
Hartung,
Gabriele Klement,
Hans Lippe,
Ronny
Möckel,
Carla Pott,
Heidemarie Sicker,
Helmut
Schwarzer,
Hans-Joachim Schwertfeger,
Anneliese
Schwertner und
Peter Wolff.
Schüler haben ihre Lehrer
und Mitschüler für immer verloren, Lehrer trauern um ihre Kollegen,
eine Schule um ihre Mitarbeiterin, Eltern fassen nicht den Tod ihrer
Kinder, Polizeibeamte beklagen den Tod eines Kollegen.
In
Familien, in Freundschaften, in Nachbarschaften, in ganz Erfurt hat
der Tod eine furchtbare Spur gezogen und tiefen Schmerz gebracht.
Sie sind in Ihrer Trauer nicht allein. Die Nachricht hat in ganz
Deutschland und in vielen Teilen der Welt Entsetzen, Trauer und
Mitgefühl ausgelöst.
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Ratlosigkeit nicht
überspielen
Wir sind ratlos. Wir haben nicht für möglich
gehalten, dass so etwas bei uns geschieht. Wir sollten unsere
Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar
naheliegenden Erklärungen. Wir sollten uns eingestehen: Wir
verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie - letzten Endes - auch nie
völlig erklären können. Gewiss, wir möchten verstehen, was den Täter
angetrieben, was ihn verführt, was ihn jeden menschlichen Maßstab
hat verlieren lassen. Wir suchen nach Ursachen und nach
Verantwortung. Wir möchten schnell wissen, welche Konsequenzen
gezogen werden müssen, damit so etwas nicht wieder geschieht. All
das verstehe ich gut. An erster Stelle aber stehen heute die Trauer
um die Opfer und das Mitgefühl für alle, die so plötzlich einen
nahen Menschen verloren haben.
Wir nehmen Abschied von der
Schulsekretärin und von den Lehrerinnen und Lehrern, die für die
Schülerinnen und Schüler, die ihnen anvertraut waren, ihr Bestes
gegeben haben. Sie sind aus der Mitte des Lebens gerissen worden.
Sie hinterlassen Ehepartner und Kinder, Eltern und Geschwister. Sie
hatten Ziele und Träume, die sie verwirklichen wollten.
Wir
trauern um die Schülerin und um den Schüler, die noch ganz am Anfang
ihres Lebensweges standen und die sich auf das Leben gefreut haben.
Wir trauern mit ihren Eltern und Freunden, die einen so plötzlichen
und schrecklichen Verlust erlitten haben.
Wir nehmen Abschied
von dem Polizeibeamten, der helfen und retten wollte und dabei von
den Kugeln des Mörders getroffen wurde. Ihm und seiner Familie
gehört unser Mitgefühl. Wir denken an die Verletzten, an ihr Leid,
ihren Schmerz und wir hoffen, dass sie wieder ganz gesund
werden.
Opfer der furchtbaren Tat sind auch all die Schüler
und Lehrer, die mitansehen und erleben mussten, was am vergangenen
Freitag am Gutenberg-Gymnasium geschehen ist. Sie waren in
Todesangst. Sie haben erleben müssen, wie einer der ihren, ein
Schüler wie sie, zu einem Massenmörder geworden ist.
Meine
Gedanken gehen auch zur Familie des Täters. Niemand kann ihren
Schmerz, ihre Trauer und wohl auch ihre Scham ermessen. Ich möchte
ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat: er bleibt ein
Mensch.
Die ganze Stadt Erfurt schließlich, ihre Bürgerinnen
und Bürger, wir alle werden von der Erinnerung an den vergangenen
Freitag noch sehr lange Zeit geprägt sein.
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Miteinander kann Trost
sein
Wo ist Trost, wo ist Hilfe in einem solchen Moment?
Liebe Schülerinnen, liebe Schüler, Michaela Seidel, Eure
Schulsprecherin, hat am vergangenen Sonntag gesagt: "Das ist es, was
ich mir wünsche, was in allen Familien passiert: dass man einfach in
den Arm genommen wird. Und das Gefühl hat, es ist jemand da, und Du
bist nicht allein." Michaela hat Recht. Darauf kommt es an. Die
Menschen in dieser Stadt werden gegenseitige Hilfe brauchen, Zuhören
und einander Stützen. Nur dann können sie lernen, mit dem Ereignis
zu leben, das wohl jeden einzelnen in der Stadt erschüttert
hat.
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Wir kennen einander
häufig nicht
Wir sind ratlos, und wir spüren, dass
schnelle Erklärungen so wenig helfen wie schnelle Forderungen. Diese
Stunde der Trauer ist aber auch eine Stunde der Besinnung. In den
Tagen nach der Untat haben wir gefragt: Wie kann ein Mensch so etwas
tun? Viele aus der Umgebung des Täters haben gesagt: wir kannten ihn
eigentlich nicht sehr gut. In diesem Satz zeigt sich eine
Entwicklung unserer Gesellschaft insgesamt. Wir leben miteinander
und kennen uns häufig nicht. Wir gehen miteinander zur Schule oder
zur Arbeit und wir kümmern uns oft nicht um den anderen.
Wenn
unsere Gesellschaft zusammenhalten soll, wenn unsere Familien,
unsere kleinen Gemeinschaften, unsere Schulen, unsere Betriebe,
unsere Vereine zusammenhalten sollen, dann müssen wir uns umeinander
kümmern.
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Jeder Mensch ist
wertvoll
Wir brauchen zweierlei: Wir müssen einander
achten und wir müssen aufeinander achten. Wir müssen einander
achten: Niemand darf abgedrängt werden, niemand darf an einen Punkt
kommen, an dem er glaubt, sein Leben sei nichts wert, weil er in
einem bestimmten Bereich nur wenig leisten kann, weil er "nichts
bringt", wie man so sagt. Kein Mensch kann leben ohne Zuwendung,
ohne Geborgenheit, ohne Liebe. Jeder ist wertvoll durch das, was er
ist, und nicht durch das, was er kann.
Wir müssen aber auch
aufeinander achten: Es darf uns nicht gleichgültig sein, wenn unsere
Freunde, unsere Schulkameraden, unsere Kinder, unsere Kollegen nicht
mehr mitkommen, wenn sie Wege gehen, die ins Abseits führen, wenn
sie aus der Wirklichkeit in die Scheinwelten von Drogen oder
elektronischen Spielen flüchten. Aufeinander achten, das heißt,
einander mitnehmen, füreinander da sein.
Alle Menschen sind
beeinflussbar - und junge Menschen ganz besonders. Zum Guten wie zum
Bösen. Wir sind verführbar. Unser Handeln hat manchmal Ursachen, die
wir selber nicht kennen. Es gibt im menschlichen Handeln aber keinen
Automatismus von Ursache und Wirkung. Es gibt eine letzte
Verantwortlichkeit des Einzelnen für das, was er tut. Es stimmt:
Welche Ziele und Vorbilder wir angeboten bekommen - davon hängt
vieles ab. Es stimmt aber auch: Welche Ideale wir selber wählen und
mit anderen teilen - auch davon hängt vieles ab.
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Fragen an uns alle
Diese Stunde der Trauer und der Besinnung stellt uns vor
viele Fragen. Einige Fragen gehen die ganze Gesellschaft an, uns
alle:
Wie rücksichtslos ist oft unser alltäglicher Umgang
miteinander? Was gilt der andere, der schwächer ist oder älter oder
der nicht ganz so cool ist oder nicht ganz so fit? Wie viel
Herabsetzung und Ausgrenzung mutet uns manche Werbung zu? Wie viel
Gewalt steckt oft schon in der Sprache?
Haben wir uns nicht
zu sehr daran gewöhnt, dass Gewalt, Hass und Hemmungslosigkeit nicht
nur im Film und in Computerspielen selbstverständlich sind, sondern
dass sie auch manche Talkshow und manche unserer Gespräche
bestimmen?
Doch bevor wir allein den Medien die Schuld geben:
Tragen wir nicht selber dazu bei, dass mit der Darstellung von Hass
und Gewalt, dass mit menschlichem Leid hohe Einschaltquoten erzielt
werden?
Warum geht es in vielen Spielen immer darum,
möglichst viele Gegner und Feinde zu töten und nicht darum,
möglichst viele vor einer Gefahr zu schützen oder aus einer
gefährlichen Situation herauszuholen?
Warum sind die Helden
in so vielen Filmen eiskalt, unbeirrbar und ohne Mitleid?
Die
Selbstkontrolle der Medien ist wichtig. Unsere eigene
Selbstkontrolle ist aber noch wichtiger. Wir müssen uns gegen einen
Verrohung unserer Gesellschaft wehren - und diesen Kampf muss jeder
bei sich selber beginnen.
Unsere Kinder und unsere Schüler
brauchen eine lebendige Phantasie, die sie zu selbstbestimmten und
selbstbewussten Menschen werden lässt. Sie dürfen aber nicht in die
Gefangenschaft künstlicher Welten geraten, aus der sie nicht mehr
herausfinden. Die modernen Kommunikationsmedien sind unverzichtbar.
Schulen brauchen aber mehr als den Anschluss ans weltweite Netz.
Schüler brauchen lebendige, erfahrbare Netze, die sie halten; sie
brauchen Netzwerke aus Mitmenschlichkeit und Interesse am
anderen.
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Kein Mensch ist ein
hoffnungsloser Fall
Unsere Kinder und Schüler müssen
sich aneinander messen. Sie müssen lernen, Konkurrenz auszuhalten.
Ohne Leistung, ohne Leistungsbereitschaft wäre jede Schule
wirklichkeitsfremd. Immer muss aber klar sein, dass die Beurteilung
einer Leistung kein Urteil über eine Person ist. Kein Schüler, kein
Mensch ist ein hoffnungsloser Fall.
Schulen dürfen nicht zu
Orten der Angst werden - weder für Schüler noch für Lehrer. Ich
danke allen Lehrerinnen und Lehrern in ganz Deutschland für die
großartige und engagierte Arbeit, die so viele von ihnen leisten.
Manchmal tun sie das unter ganz schwierigen Bedingungen. Sie sorgen
dafür, dass ihre Schule ein Ort ist, an dem man lernen kann, in
Achtung voreinander zusammen zu arbeiten und zu leben.
Keiner
glaube, wir könnten den Kampf gegen Gewalt, Aggression und Hass
allein an die Schulen delegieren. Da sind wir alle gefordert. Wir
dürfen unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil. Aber wir
sollten in ihnen die Zuversicht wecken, dass die Welt nicht
unheilbar ist. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie Konflikte
lösen, dass sie Enttäuschungen überwinden können und dass
Anstrengungen sich lohnen. Wer dieses Vertrauen mit auf den Weg
bekommen hat, der wird auch als Erwachsener den Mut haben,
Schwierigkeiten anzugehen und nach vernünftigen Lösungen zu
suchen.
Unser Zusammenleben darf nicht zu einem
erbarmungslosen Konkurrenzkampf werden. Eine menschenfreundliche
Gesellschaft lebt von gegenseitiger Hilfe, von Solidarität mit den
Schwachen, von der Aufmerksamkeit füreinander. Zeit füreinander
haben: Das gehört zum Kostbarsten, was wir uns schenken können. Nur
so schaffen wir eine Gesellschaft, in der wir selber gerne
leben.
Ich wünsche allen, die am vergangenen Freitag einen
nahen Menschen verloren haben, dass sie Menschen haben oder finden,
die sie begleiten, die Ihnen zuhören, die ihnen helfen, die nächsten
Schritte im Leben zu tun. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie Quellen
des Trostes finden auf dem schweren Weg, der noch vor Ihnen liegt,
und dass Sie neue Zuversicht gewinnen können.
Lassen Sie uns
gemeinsam innehalten in Schmerz und Trauer.
Lassen wir
einander nicht allein.
Zwischenüberschriften von MDR ONLINE
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| 24.06.2002 | 18:33 |
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