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Liebe Angehörige! Liebe
Trauergemeinde!
Du sollst nicht töten! Dieses Gebot gilt seit
ältesten Zeiten. Es gilt heute ebenso: Du sollst nicht deine
Lehrerin töten und nicht deinen Mitschüler! Du sollst keinen Älteren
ermorden - und - du sollst auch nicht dein eigenes Leben zerstören!
Denn: Wenn ein Mensch getötet wird, stirbt eine ganze Welt ?sagt ein
jüdisches Sprichwort.
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Jedes Opfer war Teil
einer ganzen Welt
Kinder trauern um Eltern, Eltern um
Kinder, Frauen um Männer und Männer um Frauen, Kolleginnen um
Kollegen und Freunde. Jedes Opfer war Teil einer ganzen Welt. Diese
ist jetzt schwer verletzt, ja zerstört. Deshalb: Du sollst nicht
töten, denn Leben ist heilig. Nicht durch uns wird es heilig,
sondern durch den, der es uns schenkt, durch Gott. Er will, dass wir
Leben schützen und am Leben bleiben ? gegen alle tödliche
Grausamkeit. Aber warum geschieht dann so Schreckliches, das eine
ganze Schule, eine ganze Stadt, ein ganzes Land getroffen hat ? ? Es
reicht offenbar nicht zu sagen: "Du sollst nicht töten!", obwohl das
nicht oft genug gesagt und im Alltag bis in die Spiele hinein
eingeübt werden kann. Es reicht nicht, Gerichte zu haben und
Polizei. Es reicht nicht, Schuldige zu suchen und zu bestrafen. -
Das soll alles zu seiner Zeit sein, wenn es einzelne Schuldige gibt.
Aber es reicht nicht aus.
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Mord beginnt im Herzen
Darum sagt Jesus: Mord beginnt im Herzen - unsichtbar.
Dann setzt er sich im Kopf fest. Der Mord beginnt in meinem und in
deinem Herzen. Er beginnt mit der Wut, der Enttäuschung. Er äußert
sich im Schimpfwort und kann schließlich im einsamen Hass münden,
der andere zur Zielscheibe macht. Aber ? so werden Sie fragen - ist
es nicht eine Zumutung, am Tag der Trauer und des Entsetzens, an dem
Tag, an dem wir uns um die Angehörigen der Opfer sammeln, an dem Tag
an dem sich das Mitleid Ausdruck sucht, an dem Tag, an dem wir
zusammenstehen und uns gegenseitig stützen wollen, ist es da nicht
eine Zumutung, den Blick auf diese Abgründe, auf den Anfang in uns
selbst zu richten? Wir waren es doch nicht! Unter uns sind die
Betroffenen, die tief Verletzten!
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Prüfe sich jeder selbst
Doch: es gibt keinen einfachen Trost. Wir sind es den
Opfern schuldig: Prüfe sich jeder selbst und erspare sich nichts!
Nur wer die Augen nicht vor sich selbst verschließt, kann anders
handeln und mit anderen zusammen Leben gewinnen. Es ist gut, wenn
wir Blumen und Kerzen auf den Domstufen niederlegen. Es war das
Nächstliegende, dass Ihr, Schüler und Lehrer, euch in die Arme
genommen habt, wobei viel Kleines und Kleinliches bedeutungslos
wurde. Es ist wichtig, wenn Zeichen der Trauer vor der
Gutenberg-Schule stehen. Es sind Zeichen dafür, dass ihr beieinander
bleibt, dass ihr nicht allein seid - in Trauer und Wut, in
Verstörung und Angst. Es wird gut sein, wenn Zeichen der Erinnerung
zu Hause, in der Schule, in der Stadt bleiben. Doch die wichtigste
Folge wird sein: Ihr werdet aufeinander zugehen und feststellen, was
zwischen euch steht; dann, wenn der Alltag allmählich wieder
einkehrt; dann, wenn neben der Trauer anderes wieder Platz findet.
Wir können nur gemeinsam leben, Leben gewinnen.
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Mehr Geduld füreinander
Denn auch das Leben beginnt im Herzen, und ergreift den
Kopf, friedliches Leben, Leben, das den tödlichen Hass überwindet.
Es beginnt - fast unmerklich - mit dem aufmerksamen Blick: Was fehlt
dir? Es setzt sich fort, wenn Zeit für ein langes Gespräch ist, wenn
Wut und Enttäuschung, Zorn und Bitterkeit ausgesprochen werden
können; wenn ich meine eigene verborgene Schuld eingestehen - und
mein Gegenüber verzeihen kann; wenn so Geduld miteinander und
Zuversicht wachsen können.
Selig sind, die Frieden stiften.
Auch dafür brennt die 17. Kerze. Das ist ? heute ? eine Hoffnung
gegen den Augenschein, es ist eine Bitte, ein flehendes Gebet an
den, der uns Leben schenkt und uns begleiten will: Wir wenden uns an
ihn: Verlass uns nicht in der tiefen Dunkelheit! Gib Trost, wo die
Trostlosigkeit über uns zusammenzuschlagen droht! Hilf dort, wo
nichts mehr zu helfen scheint! Schaffe Gerechtigkeit, verwandle den
Tod in neues Leben! So, wie du es an Jesus von Nazareth sichtbar
gemacht hast! So halten wir die Hoffnung fest, dass uns am Ende Gott
erwartet. Er wird zu jeder, zu jedem sagen: Ich habe dich bei deinem
Namen gerufen, du bist mein.
Und dieser Friede Gottes bewahre
eure Herzen, Sinne und Verstand. Amen
Zwischenüberschriften
von MDR ONLINE |
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| 05.07.2002 | 00:14 |
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