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Wir trauern um die Opfer
und finden kaum die richtigen Worte gegenüber den Hinterbliebenen
und traumatisierten Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern, die
sich im letzten Moment noch retten konnten. Was führt einen jungen
Menschen zu so einer brutalen und sinnlosen Tat? Warum wurden vor
allem Lehrerinnen und Lehrer zu Opfern dieses Amoklaufs? Statt
schnelle Antworten zu ziehen, sollten alle innehalten und
nachdenken: Was läuft schief in unserer Gesellschaft, was wirft
junge Menschen derart aus der Bahn? Wenn wir nach Ursachen
suchen, heißt das nicht, dass die Tat oder der Täter entschuldigt
werden sollen. Vieles liegt in der Persönlichkeit des 19-Jährigen,
was nur durch Psychoanalytiker ergründet werden kann. Doch es gibt
offenbar Faktoren, die diese Grundlagen verstärken und letztlich zum
Überschreiten der Hemmschwelle führen. Es war auch nicht das erste
Mal, dass Lehrkräfte Opfer gewalttätiger Ausbrüche von Schülern
wurden, und wir haben bereits die ersten Nachahmer nach Erfurt. Die
Ursachen sind vielfältig und offenbar erst in ihrer Summe
wirksam.
Gewaltverherrlichende Filme, Videos und
Computerspiele, die ungehindert und vielfach unkontrolliert bereits
von kleinsten Kindern konsumiert werden. Gewalt als Mittel zur
Lösung von Konflikten ? ein einfaches und brutales Schema. Selbst in
den Nachrichten zur besten Sendezeit. Wer ist für die Herstellung,
Verbreitung und letztendlich für die Kontrolle des Konsums
verantwortlich? Unsere Gesellschaft lässt es zu, dass Gewalt gegen
Menschen ? die man in Fernsehen oder am Computer nicht schmerzlich
spüren kann ? Einzug in jedes Kinderhirn halten kann. Wer schaltet
den Fernseher oder Computer aus? Wer spricht mit den Kindern über
das Gesehene?
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Falsch verstandene
Liberalität
Sicher: Deutschland hat ein schärferes
Waffengesetz als Amerika. Aber wieso können Menschen in unserem Land
bereits mit 19 Jahren (und früher) so viel Munition und Waffen legal
in ihrem Besitz haben? Wozu? Um Sport (!) zu treiben reicht es, wenn
die Waffen im Depot des Vereins gut verschlossen aufbewahrt werden.
Ich habe kein Verständnis für derartige Liberalität unserer
Gesellschaft. Vielleicht denken die Gesetzgeber heute anders darüber
und lassen sich nicht von der Lobby der Waffenbesitzer unter Druck
setzen.
Wieso wurden die Signale nicht rechtzeitig
wahrgenommen, die darauf hingewiesen haben, dass hier ein junger
Mensch nicht fertig wird mit dem Konflikt zwischen Anspruch und
Versagen? Waren die Ansprüche an ihn zu hoch und sein
Selbstbewusstsein zu schwach. Wer hat diese Erwartungen an gute
Leistungen geschürt? Die Eltern? Oder die Schule? Selbstbewusstsein
eines Menschen entwickelt sich in frühester Kindheit, durch Achtung
der Erwachsenen gegenüber der Entwicklung, aber auch der Fehler
ihrer Kinder.
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Leistungsbegriff grenzt
aus
Wurde zu spät erkannt, dass der Leistungsdruck
unserer Gesellschaft bei schwachen Menschen zur Suche nach
Schuldigen für das eigene Versagen führt? Nur wer gut ist und
Leistungen bringt, kann was werden, ein Leistungsbegriff, der sich
fest in vielen Köpfen verankert hat, der ausgrenzt, der Verlierer
und Gewinner produziert.
Junge Menschen wollen erfolgreich
sein, aber sie brauchen Hilfe auf diesem Weg und nicht Druck. Hätten
die Lehrkräfte und Eltern rechtzeitiger den inneren Rückzug in eine
Scheinwelt erkennen können und müssen? Und nicht zuletzt: Wer hat
sich die Zeit genommen, mit dem Jungen zu reden? Über seine
Versagensängste, über seine Zukunftsträume, über die Möglichkeit der
Lösung des Konfliktes? Wohlgemerkt, nichts kann die Tat
entschuldigen. Aber die Gesellschaft muss die Ursachen finden, die
vielleicht im nächsten Moment erneut zum Durchbrechen der
Schallmauer führen könnten.
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| 04.07.2002 | 21:48 |
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