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Rolf Busch: "Viele Lehrer sind hilflos vor Gewalt"
Interview mit dem Vorsitzenden des Thüringer Lehrerverbandes Rolf Busch. Busch ist seit 1987 Lehrer und unterrichtet an einer Regelschule in Wurzbach Mathematik und Physik. 1999 übernahm er den Vorsitz des Lehrerverbandes.
Frage: Lehrer klagen seit Jahren über die wachsende Gewalt an Schulen. Stellen auch Sie eine Verrohung auf dem Schulhof fest?

Busch: Sicher nimmt die Gewaltbereitschaft in Schulen, aber auch in der Gesellschaft zu. Die Hemmschwelle gegenüber der Gewaltanwendung sinkt. Darin allein kann ich aber keine Erklärung für die Tat am Freitag finden. Ich möchte sie nicht begründen mit der Zunahme der Gewalt an den Schulen und auch in der Gesellschaft.
Welche Gründe gibt es für diese Entwicklung? Sind es wirklich die Gewaltszenen im Fernsehen, die Jugendliche zu Gewalttaten verleiten?

Busch: Es geht eine Gefahr von Gewaltdarstellungen aus, mehr noch von Videos und Computerspielen als vom Fernsehen. Bei jemandem, der Realität und Scheinwelt verwechselt, kann es zu Problemen führen. Es gibt auch Menschen, die sich Gewaltvideos anschauen ohne hinterher gewalttätig zu werden.
Aber würde die Hemmschwelle wieder höher liegen, wenn es keine Darstellung von Gewalt mehr geben würde?

Busch: Es geht mir nicht um Szenen in einem Fernsehkrimi, sondern um Gewaltvideos, deren Zweck allein ist, unvorstellbare Gewalt zu zeigen. Oder Computerspiele. Da wird auf Menschen gezielt, die immer realistischer dargestellt werden, und hinterher sehen Sie Blut fließen. Das gehört für meine Begriffe eingeschränkt. Wobei ich weiß, dass es wohl kaum geht.

Es sind jetzt Stimmen laut geworden, Schulen schärferen Kontrollen zu unterwerfen. Andere wiederum lehnen jede Verschärfung ab. Kann die Schule überhaupt ein sicher Ort sein?

Busch: Wieder mit der Einschränkung, dass es wahrscheinlich keine Lösung ist, sage ich: Viele Schulen können nicht mehr so offen sein, dass jeder wann und wie er will rein- und rausspazieren kann. Dazwischen muss mindestens eine geschlossene Tür sein.
Sie plädieren also dafür, die Schulen abzuriegeln?

Busch: Die Schulen sollen offen sein, sie sollten aber nicht offen stehen.
Sind die Lehrer überhaupt genügend vorbereitet, um Gewalt auf den Schulhöfen zu begegnen?

Busch: Ausreichend ist die Vorbereitung nicht. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Projekten. Doch die Lehrerausbildung arbeitet nicht gezielt in diese Richtung. Da liegt gewiss einiges im Argen. Ich denke, dass viele Lehrer dem Phänomen Gewalt hilflos gegenüber stehen und Unterstützung brauchen.
Gibt es so etwas wie einen Verhaltenskodex für Lehrer in Gewaltsituationen?

Busch: Er ist mir nicht bekannt. Klar ist, dass Lehrern Grenzen gesetzt sind. Man erlebt es häufig, dass Schüler wild um sich schlagen, schreien und Gegenstände umwerfen. Sobald aber der Lehrer sie am Arm anfasst, kommt zurück "Du darfst mich nicht anfassen".
Die angehenden Lehrer erhalten während der Ausbildung Psychologie-Unterricht. Muss der Unterricht überdacht und neu geordnet werden?

Busch: Ich glaube nicht, dass wir die Bluttat hätten vermeiden können, wenn unsere Lehrer psychologisch toll geschult wären. Natürlich muss auf diesen Ausbildungszweig mehr Wert gelegt werden. Deswegen sind wir für eine pädagogische Lehrerausbildung, die Schwerpunkte nicht einseitig auf die fachliche Kompetenz setzt, sondern darüber hinaus Schwerpunkte in der methodisch-didaktischen Arbeit und in der psychologischen Diagnostik sieht. Das hat im übrigen auch die Pisa-Studie gezeigt, dass die Lehrer zu wenig darauf vorbereitet sind, Probleme und Schwächen der Schüler zu erkennen. Sicherlich fehlt den Lehrern auch Zeit. Wenn ein Lehrer genau so viele Stunden hat, wie ein Fachlehrer, der keine Klasse zu betreuen hat, dann ist die Priorität nicht ganz richtig gesetzt.
Kann es sein, dass die Gewaltbereitschaft des Amokschützen deswegen nicht rechtzeitig erkannt werden konnte, weil den Lehrern das psychologische Wissen fehlte?

Busch: Das ist wieder etwas aus der Welt der Spekulationen. Es gab ja sofort viele Erklärungen. Zum Beispiel: vernachlässigte Kinder. Aber offensichtlich lebte der Täter in geordneten Familienverhältnissen, war wohlbehütet aufgewachsen. Vielleicht war da jemand völlig überfordert? Ich habe aber gelesen, das der Junge durchaus intelligent war. Vielleicht war er einfach nicht bereit, sich anzustrengen und die Leistung zu erbringen. Also greift auch das zu kurz.
Planen Sie im Lehrerverband jetzt Schulungen zum Thema Früherkennung und Gewaltprävention?

Busch: Derzeit planen wir das nicht. Wir wollen jetzt keine Schnellschüsse machen. Ich wehre mich dagegen, jetzt sagen zu müssen, was das richtige Mittel ist. Ein Beispiel: Waffengesetze. Wie kann es sein, dass ein 19-Jähriger derartige Waffen besitzt und diese Anzahl von Munition zuhause hat. Also müssen die Waffengesetze verschärft werden. Es ist aber kein Geheimnis, dass man in Deutschland diese Waffen auch illegal hätte erwerben können. Auch hier ist es eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, wie das Drama hätte vermieden werden können.
Erwarten Sie jetzt gravierende Veränderungen an deutschen Schulen?

Busch: Es steht erst einmal fest, dass die Schule in diesen Tagen und vielleicht auf lange Sicht nicht mehr so funktionieren wird, wie sie bisher funktioniert hat. Ein Stück der Geborgenheit und Sicherheit, die man normalerweise im Schulgebäude gespürt hatte, ist zerstört.
04.07.2002 | 22:41  
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