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Frau Präsidentin, meine
sehr verehrten Damen und Herren,
am 26. April dieses Jahres
wurde am Erfurter Gutenberg-Gymnasium das schrecklichste Verbrechen
seit der Wiedergründung des Freistaates Thüringen verübt. Es ist
zugleich die schlimmste Tat dieser Art, die seit dem zweiten
Weltkrieg in Deutsch-land geschehen ist: Das Entsetzen, aber auch
unser Mitgefühl und unsere Solidarität mit den Angehörigen der Opfer
und allen anderen Betroffenen halten an.
Ich halte es für
meine selbstverständliche Pflicht, in der ersten Landtagssitzung
nach dieser Bluttat im Namen der Landesregierung Ihnen und der
Öffentlichkeit zusammenfassend zu berichten und erste Konsequenzen
zu ziehen.
Was geschehen ist, bleibt auch nach den bisherigen
Ermittlungen unfassbar: Ein 19-jähriger Täter hat zwölf Lehrer, zwei
Schüler, die Schulsekretärin und einen Polizisten ermordet. Danach
hat sich der Täter selbst gerichtet.
Weil zahlreiche Zeugen
von einem weiteren Täter sprachen, eine Geiselnahme nicht
auszuschließen war und sich noch viele Schüler und Lehrer im Gebäude
befanden, mussten Polizei und Rettungskräfte äußerst umsichtig und
behutsam vorgehen. Um jede Gefährdung weiterer Menschenleben zu
vermeiden, musste sich die Polizei von Raum zu Raum
vorarbeiten.
Den Spezialkräften, die das Gebäude nach
möglichen Mittätern und Geiseln durch-suchten, bot sich ein
unvorstellbares Bild: Der Täter hatte ein Blutbad angerichtet.
Notärzte und Rechtsmedizin haben bestätigt: Alle Opfer erlitten so
schwere Schussverletzungen, dass sie keine Überlebenschancen
hatten.
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Der Täter
Über die Motive des Täters wird wahrscheinlich auch nach
Abschluß der Ermittlungen keine endgültige Klarheit herrschen. Fest
steht, dass der Täter am Ende der 10. Klasse einen externen
Realschulabschluß angestrebt, die Prüfung aber vorzeitig abgebrochen
hat. Fest steht, dass er die elfte Klasse wegen schwacher
schulischer Leistungen auf Bitten seiner Eltern hin freiwillig
wiederholt hat. Fest steht, dass er am 5. Oktober 2001 als Schüler
der zwölften Klasse das Gutenberg-Gymnasium verlassen hat. Er ist ?
wegen unentschuldigten Fehlens und Fälschung eines ärztlichen
Attests ? dem Vorschlag seiner Schule gefolgt, an ein anderes
Gymnasium zu wechseln. Sicher ist auch, dass er danach ein
Beratungsgespräch mit dem Schulamt geführt hat und zunächst dem
Erfurter Königin-Luise-Gymnasium zugewiesen worden ist. Weil es in
diesem Schuljahr an dieser Schule keinen Grundkurs "Physik" gab,
wurde dem Täter ein anderes Gymnasium genannt. Dort hat er sich
nicht gemeldet. Der Täter wollte nicht, dass seine Eltern informiert
werden; er wolle das selbst tun. Da er volljährig war, hatten Schule
und Schulamt dies zu akzeptieren.
Er war Mitglied eines
Erfurter Schützenvereins und hat die Waffen und die Munition für
dieses Verbrechen ? man muss es leider so sagen ? offenbar legal
erworben. Allerdings ist er seiner Verpflichtung, den Kauf der
Waffen dem Ordnungsamt anzuzeigen, nicht nachgekommen.
Fest
steht auch, dass der Täter in großer Zahl Gewaltvideos und
gewaltverherrlichende Computer-Spiele besessen und konsumiert hat.
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Dank für Einsatz und
Solidarität
Dieses entsetzliche Verbrechen, der Mord an
sechzehn Menschen, hat in Deutsch-land, europa- und weltweit tiefe
Betroffenheit ausgelöst. Es hat aber auch in ungewöhnlichem Ausmaß
Hilfsbereitschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl und Mitmenschlichkeit
deutlich werden lassen. Die Trauernden in Erfurt und in ganz
Thüringen haben eine Welle der Solidarität erfahren.
Wir
danken den Polizisten, den Rettungskräften, den Ärzten, den
Sanitätern, die - mutig und engagiert - mehr als nur Ihre Pflicht
getan haben. Und wir danken Seelsorgern und Psychologen und jedem,
der den Angehörigen, den Schülern, den Lehrern und den Eltern über
die ersten Stunden hinweg geholfen hat. Wir danken dem
Oberbürgermeister von Erfurt und seinen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern.
Ein nicht abreißender Strom von Mittrauernden
hat die Erfurter in den dunklen Tagen nach der Tat nicht alleine
gelassen, viele Tausende von Beileidsbekundungen und
Kondolenzbriefen sind in der Schule, bei der Stadt und bei der
Landesregierung eingegangen. Über hunderttausend Menschen haben an
der Trauerfeier auf dem Erfurter Domplatz teilgenommen. Das
Partnergymnasium in Mainz und Schulen aus ganz Thüringen haben
Lehrer nach Erfurt geschickt, damit der Schulbetrieb wieder
aufgenommen werden konnte. Aus unseren Nachbarländern und vom Bund
kamen Polizisten, Psychologen, Seelsorger, Betreuer und Helfer. Um
nur einige Beispiele zu nennen.
Von einer auf die andere
Sekunde war sichtbar, dass es viel mehr Gemeinsamkeit und Gemeinsinn
in unserem Volk gibt, als wir das zuvor für möglich gehalten haben.
Erfurt ist nicht zum Synonym für eine schreckliche Bluttat geworden,
sondern von dieser Stadt geht auch Hoffnung aus: Ich wiederhole, was
ich auf dem Domplatz gesagt habe. Die Botschaft von Erfurt heißt:
Mitmenschlichkeit ist in Deutschland keine verloren gegangene
Tugend.
Über Nacht ist aller Tagesstreit hinter dem
Verlangen zurückgetreten, zusammen zu stehen, Solidarität zu zeigen
und voller Betroffenheit mit zu trauern. Ich danke den Fraktionen
des Thüringer Landtags, dass sie vom ersten Augenblick an diese
Gemeinsamkeit zu ihrer Sache gemacht haben. Ich danke den
Repräsentanten der ganzen Bundesrepublik, dass sie nahezu
ausnahmslos nach Erfurt gekommen sind.
Unsere Solidarität
und unser Mitgefühl galt selbstverständlich zuerst den Angehörigen
der Opfer dieser schrecklichen Tat. Wir haben versucht zu helfen, wo
wir helfen konnten ? ich danke Herrn Dr. Schulz, dem ehemaligen
Präsidenten der Oberfinanzdirektion Erfurt, dass er sich zur
Verfügung gestellt hat. Ich danke aber auch vielen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern der Landesregierung für ihren selbstlosen Einsatz.
Inzwischen wurden die Angehörigen ? soweit sie es wünschten
? über bisher vorliegende Erkenntnisse zum Tathergang unterrichtet.
Für die Betreuung Betroffener und Hilfesuchender wurde eine
"Hotline" eingerich-tet, die in den ersten Tagen nach der Tat rund
250 Anrufe täglich verzeichnet hat.
Betreuungsmaßnahmen für
traumatisierte Schüler, Lehrer, Polizisten und Helfer wurden sofort
durch das Innenministerium ergriffen. Inzwischen hat das
Sozialministerium die "Hotline" und die Betreuung übernommen.
Die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer
sowie die Eltern haben den Wunsch, möglichst bald wieder in ihr
Schulgebäude zurückzukehren. Es soll versucht werden, dies nach den
Sommerferien zu ermöglichen.
In einem Ersatzgebäudekomplex,
der dem Gutenberg-Gymnasium zur Verfügung ge-stellt wurde, ist der
Unterricht inzwischen ? so gut es geht ? wieder aufgenommen worden.
Das Kultusministerium hat eine "Anlaufstelle" für psychologische
Beratung von Lehrern und Schülern und für schulorganisatorische
Fragen eingerichtet.
Für die Abiturienten dieses Jahrgangs
des Gutenberg-Gymnasiums hat der Kultusmi-nister individuelle
Regelungen vorgesehen. Die Abschlüsse werden bundesweit anerkannt.
Über den Tathergang und die ergriffenen Maßnahmen sind dem
Kabinett bisher vom Innen- und vom Justizminister zwei Berichte
vorgelegt worden. Die Berichte sind wegen der notwendigen
Vorläufigkeit aller Feststellungen den Fraktionsvorsitzenden des
Landtags vertraulich zur Kenntnis gegeben worden. Ein dritter
Bericht soll Ende des Monats vorliegen. Wir streben einen
vorläufigen Abschlussbericht, wenn möglich, bis zur Sommerpause an.
Er soll veröffentlicht werden.
Der Kultusminister hat
Angaben zur Schullaufbahn des Täters veröffentlicht. Die Profiler
von LKA und BKA bereiten ein detailliertes Täterprofil vor. Wir
regen einen bundesweiten Erfahrungsaustausch an, weil sich daraus
wichtige Anregungen für die Tatprävention und die Gewalt- und
Kriminalitätsbekämpfung ergeben können. |
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Grundsatzdebatte über
Gewalt nötig
Die Tat übersteigt unser Fassungsvermögen.
Die Tat ist unbegreiflich. So unbegreiflich wie das Verbrechen des
Amokschützen von Zug in der Schweiz, der drei Mitglieder der
Kantonsregierung und elf Mitglieder des Kantonsrates tötete, wie die
Tat in Nanterre bei Paris, bei der fast der gesamte Stadtrat
ermordet wurde. Es muss alles Menschenmögliche getan werden, um
ähnliche Taten für die Zukunft auszuschließen. Und doch wissen wir,
dass uns Grenzen gesetzt sind. Das Leben muss weitergehen, aber zum
Alltag zurückkehren dürfen wir nicht. Die Botschaft von Erfurt, von
der ich sprach, verpflichtet uns. Sie verpflichtet uns, mehr zu tun,
als nur Gesetze zu ändern. Notwendig ist jetzt eine sehr
grundsätzliche und umfassende Debatte.
Wie kommt es zu
wachsender Gewaltbereitschaft? Wie kann Gewalt geächtet wer-den?
Warum schwindet der Respekt vor der Würde des menschlichen Lebens?
Wie kann die Achtung vor dem Leben des anderen und vor dem eigenen
Leben Mord und Selbstmord verhindern? Jährlich begehen in
Deutschland 1.200 junge Menschen Selbstmord. Wie wehren wir uns
gegen Vereinsamung und Entwurzelung? Was sind die Rechte und die
Pflichten der Eltern und Familie? Was ist die Aufgabe der Schule?
Welche Stellung haben die Lehrer in unserer Gesellschaft? Gibt es
Übereinstimmung in den Erziehungszielen unserer Schulen? Welche
Werte werden von uns allen anerkannt? Was erwarten wir von den
Medien?
Die Dimension des Verbrechens ist ungeheuerlich.
Schnelle und darum notwendiger-weise oft oberflächliche Antworten
werden ihm nicht gerecht. Die Schülersprecherin des
Gutenberg-Gymnasiums hat sehr eindrucksvoll, sehr früh und sehr
richtig gesagt: "Die Ereignisse dürfen nicht zu Aktionismus führen,
sie dürfen aber auch keine Lähmung verursachen."
Ich habe ?
wie Sie wissen ? die Fraktionsvorsitzenden gebeten, im Deutschen
Bundestag eine Grundsatzdebatte zu führen. Eine Debatte, die auch
den Bundesrat mit einbezieht, und von der ich mir wünsche, dass sie
geführt wird wie vor einigen Monaten die Debatte über den Import von
Stammzellen: mit großer Ernsthaftigkeit, mit dem notwendigen
Einfühlungsvermögen und ohne Polemik über Fraktionsgrenzen hinweg.
Inzwischen ist sie wohl für Anfang Juli vorgesehen.
Ich bin
dankbar, dass der gemeinsame Wille besteht, eine solche Debatte
heute morgen in diesem Haus zu beginnen. Wir haben erfahren, der
Mensch hat die Fähigkeit, Gutes zu tun und Gutes zu bewirken. Aber
der Mensch ist auch fähig, Böses zu tun. Wir haben alles
Menschenmögliche zu tun, um ihn daran zu hindern. Johannes Rau hat
auf dem Domplatz gesagt: "Was immer ein Mensch getan hat: Er bleibt
ein Mensch." Und weil das so ist, gilt unser Mitgefühl auch den
Angehörigen des Täters.
Ein Ziel steht über allem: Wir
verachten Gewalt und Terror. Wir wollen nicht, dass Gewalt und
Terror erfolgreich sind, auch nicht im Spiel und auch nicht in
virtuellen Scheinwelten. Wir wenden uns gegen jede Verherrlichung
und Verharmlosung von Gewalt. Gewalt will den Willen des anderen
gewaltsam brechen. Gewalt will in den Lebensbereich des anderen
verletzend, störend oder gar zerstörend eingreifen. Darum widersagen
wir jeder Form von Gewalt und Terror.
Wenn wir über die
Ursachen von Hass, Gewalt und Terror sprechen, müssen wir dar-über
sprechen, welches Bild vom Menschen wir haben, wie wir Werte
definieren, welche Werte für unser Zusammenleben vorrangig sind. Zu
häufig erwarten wir von den Lehrern und Erziehern, dass sie der
nächsten Generation ein Welt- und Wertebild vermitteln, und sind uns
doch selbst im Unklaren, was das für Weltbild sein soll.
Für
uns steht die Unverwechselbarkeit, die Einzigartigkeit eines jeden
Menschen im Mittelpunkt. Aus ihr ergibt sich seine persönliche
Würde. Der Mensch ist Mittelpunkt aller politischen,
wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entscheidungen, allen
gesellschaftlichen Handelns.
Unser Grundgesetz, heute auf
den Tag genau vor 53 Jahren vom Parlamentarischen Rat verabschiedet,
hat die Folgerung aus der Entpersonalisierung des Menschen, aus
seiner Unterdrückung und Entrechtlichung, aus seiner Unterordnung
unter eine menschenfeindliche Ideologie durch die
nationalsozialistische Unrechtsherrschaft gezogen: Mit der
Unantastbarkeit der Menschenwürde im Artikel 1, mit der
Verpflichtung des Staates, sie zu achten und zu schützen, mit der
Aufnahme der Grundrechte in die Verfassung hat das Grundgesetz
eindeutig Stellung bezogen: Gegen Beliebigkeit, gegen
Wertneutralität, gegen einen totalitären Kollektivismus, gegen die
Abwertung des Menschen zu einem Objekt des Staates. |
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Toleranz und
Verantwortung
Weil der Mensch und nicht der Staat an
erster Stelle steht, schafft unser Grundgesetz die Voraussetzung
dafür, dass sich unter seinem Dach verschiedenste Meinungen,
Haltungen und Weltanschauungen entfalten können. Es setzt einen
Rahmen, den wir füllen müssen. Es ermöglicht Toleranz, weil es der
persönlichen Freiheit dort eine Grenze setzt, wo die Freiheit, wo
die Würde des Nächsten beginnt. Es fordert die Verantwortung jedes
einzelnen für den anderen Menschen, für das Gemeinwesen, für die
Demokratie, weil Freiheit ohne Verantwortung in die Unfreiheit
führt.
Das erfordert vor allem, dass wir Übereinstimmung
erzielen über das, was sich aus der Unantastbarkeit der
Menschenwürde ergibt: Eine Verachtung und Verhinderung von Gewalt
gegen Andere und Andersdenkende. Menschliches Miteinander, soziale
Gerechtigkeit, ein fairer Ausgleich von Interessen. Helmut Schmidt
hat es klar ausgedrückt: "Wenn die Übereinstimmung in elementaren
Grundwerten und Grundauffassungen fehlt, dann sind Freiheit und
Würde des Menschen gefährdet. Eine Gesellschaft, in welcher der
Konsens über elementare Grundwerte verloren gegangen ist, treibt auf
Anarchie zu."
Toleranz und Verantwortung sind die
Voraussetzungen der Freiheit. Werte, die sich gegenseitig bedingen
und die wir mit Inhalt füllen müssen. Toleranz darf nicht mit
Desinteresse gleichgesetzt werden. Toleranz heißt nicht Duldung,
sondern Anerkennung des anderen. Verantwortung ist nicht in erster
Linie die Verantwortung der Allgemeinheit für mein Wohl, sondern
zunächst meine Verantwortung für das Gemeinwohl.
Unsere
Landesverfassung, auf die wir eher zu selten verweisen, spiegelt den
Grundwertekonsens wider, auf den sich die Thüringerinnen und
Thüringer nach der friedlichen Revolution verständigt haben. Sie
gibt die Erziehungsziele vor, die sich aus der Notwendigkeit von
Toleranz und Verantwortung konkret ergeben und an denen wir uns
orientieren können. In Artikel 22 heißt es: "Erziehung und Bildung
haben die Aufgabe, selbständiges Denken und Handeln, Achtung vor der
Würde des Menschen und Toleranz gegenüber der Überzeugung anderer,
Anerkennung der Demokratie und Freiheit, den Willen zu sozialer
Gerechtigkeit, die Friedfertigkeit im Zusammenleben der Kulturen und
Völker und die Verantwortung für die natürlichen Lebensgrundlagen
des Menschen und die Umwelt zu fördern."
Es kommt vor allem
darauf an, wie diese Werte, wie Grund- und Menschenrechte vermittelt
werden, wie sie mit Leben gefüllt werden. Werden Menschenrechte nur
aus Zwang anerkannt, werden Werte nicht vorgelebt, bleibt Toleranz
oft nicht mehr als eine desinteressierte und missachtende Duldung
des Andersdenkenden und An-derslebenden. Eine Duldung, die schnell
in Gewalt, in Verächtlichmachung, in Hass umschlagen kann.
Roman Herzog: "Toleranz heißt nicht Standpunktlosigkeit. Man
kann auf Dauer nicht miteinander leben, wenn man nichts voneinander
weiß und nicht miteinander redet. (...) Ohne gegenseitiges Wissen
gibt es kein gegenseitiges Verständnis, ohne Verständnis gibt es
keinen gegenseitigen Respekt und kein Vertrauen, und ohne Vertrauen
gibt es keinen Frieden, sondern wirklich nur die Gefahr des
Zusammenpralls."
Wir sprechen in Deutschland gerne von einer
neuen "Kultur der Bildung", einer neuen "Kultur der Werte". Meine
Überzeugung ist: Bevor wir das tun, müssen wir vor allem von einer
neuen "Kultur des Zuhörens" sprechen, einer "Kultur des
gegenseitigen Kennenlernens". Wir müssen Sprachlosigkeit überwinden,
wo Sprachlosigkeit herrscht. Wir müssen die Kluft zwischen den
Generationen überbrücken. Wir brauchen eine "Kultur des
Miteinander-Sprechens". Sie schafft Verständnis, Respekt, Vertrauen
und sie mindert die Gefahr eines "Zusammenpralls".
Dass wir
vielfach nicht wissen, was junge Menschen bewegt, dass wir nicht
wissen, womit sie ihre Freizeit verbringen, dass sie sich hinter
verschlossenen Türen mit gewaltverherrlichenden Computerspielen
beschäftigen, das muss uns beunruhigen und das fordert uns alle
heraus: Eltern, Familie, Lehrer, Erzieher, Schüler und uns
Politiker. |
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Erziehung beginnt in
der Familie
Erziehung beginnt in der Familie. Darum muss
über die Pflichten, die die Eltern bei der Vermittlung und
Weitergabe von Grundwerten wahrzunehmen haben, gesprochen werden: Im
Elternhaus wird der Grundstein für die Bildung der Persönlichkeit
gelegt. Der Grundstein für das Bewusstsein eines Selbstwertes und
das Bewusstsein für den Wert und die Würde jedes anderen Menschen.
Familie ist der Ort, an dem Liebe, Vertrauen, Offenheit,
Geborgenheit, Verlässlichkeit und Einsatzbereitschaft vorgelebt,
erlebt, gefördert, eingefordert und weitergegeben werden. Familie
ist der Ort, der Rückhalt bei Niederlagen und Demütigungen durch
andere geben muss. Familie ist der Ort, der unabhängig von Leistung
und Fähigkeit, Kindern Selbstwertgefühl, Selbstbewußtsein und
Verantwortungsbewußtsein vermitteln muss. Bei den Eltern liegt die
erste und wichtigste Verantwortung, weil der Mensch in seinen ersten
Lebensjahren entscheidend geprägt wird. Weil in der Familie
Verzicht, Rücksicht und Ordnung eingeübt werden können. Weil dort
die Spielregeln vermittelt werden, die ein menschliches Miteinander
möglich machen.
Kinder merken, wenn sie als lästig empfunden
werden. Wer die Prioritäten falsch setzt, wer beispielsweise
ungestörten Fernsehkonsum mehr schätzt als die Beschäftigung mit
seinen Kindern, der darf sich über Lieblosigkeit und
Gewaltbereitschaft, über extremes Denken nicht wundern. Kinder
können nur Orientierung finden, wenn sich ihre Eltern zu ihnen
bekennen, wenn sie sich ihnen widmen, wenn sie ihnen Aufmerksamkeit
schenken.
Eltern müssen Zeit haben, müssen sich Zeit nehmen,
sich mit ihren Kindern zu be-schäftigen. Deswegen bekennen wir uns
ausdrücklich zu einer Politik, die die Familien unterstützt und
ihnen eine stabile materielle Grundlage bietet.
Aber das ist
nur eine Seite. Wir haben erlebt, dass es nicht nur materielle
Grundlagen sind, die die Zukunft junger Menschen sichern. Sondern,
dass es darauf ankommt, dass sich die Familie ihrer Verantwortung
bewußt ist. Natürlich dürfen wir die Eltern mit dieser Verantwortung
nicht alleine lassen. Wir müssen sie unterstützen, wir müssen
Familienberatungs- und ?betreuungseinrichtungen stärken und ihre
Angebote bekannter machen.
Kindergärten und Kinderhorte,
Schule, außerschulische Betreuung ergänzen und un-terstützen die
Erziehung in der Familie. Ersetzen können sie sie nicht! Weil
Bildung ohne Erziehung ebenso unmöglich ist wie Erziehung ohne
Bildung, greifen die Erziehungsarbeit der Eltern und der Schulen eng
ineinander. "Die Schulen sind Werkstätten der Humanität, indem sie
ohne Zweifel bewirken, dass die Menschen wirklich Menschen werden."
[Johannes Comenius am Ende des 16. Jahrhunderts] |
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Schule muss auch Werte
vermitteln
Schule muss mehr sein als eine Anstalt zur
Stoffvermittlung. Sie ist auch dazu da, Werte zu vermitteln. "Mut
zur Erziehung". Es ist Zeit, diesen Mut aufzubringen! Erziehung
gedeiht mit Zuwendung, aber auch mit Regeln und Grenzen: Liebe, aber
nicht Beliebigkeit! Erziehung lebt vom Vorbild. Das gilt
selbstverständlich für Eltern wie für Lehrer.
Wir haben es
erlebt, wie sehr sich Lehrerinnen und Lehrer dieser Vorbildfunktion
bewusst sind. Das Wohl und die Unversehrtheit ihrer Schüler haben
die Lehrer des Gutenberg-Gymnasiums so wichtig genommen, dass sie
dafür ihr eigenes Leben eingesetzt haben. Bessere Vorbilder für
Mitmenschlichkeit kann es nicht geben.
Allzu oft wird in der
Öffentlichkeit ein Bild der Lehrer gezeichnet, das ihnen und ihrer
Aufgabe nicht gerecht wird. Zu selten erfahren Lehrerinnen und
Lehrer die öffentliche Anerkennung, die sie erwarten dürfen. Das
trifft auch auf Kindergärtnerinnen und -hortnerinnen sowie auf viele
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Schulen und
Erziehungseinrichtungen zu.
Wir müssen Lehrerinnen und
Lehrern Mut machen, Wissen zu vermitteln und Erzieher zu sein. Und
wir müssen sie dazu besser in die Lage versetzen und ihnen dazu das
notwendige Handwerkszeug geben. Die Debatte über die Lehreraus- und
?weiterbildung, die verstärkt wieder eingesetzt hat, halte ich zum
Beispiel für überaus wichtig. Die Anforderungen an Lehrer sind heute
andere als noch vor vier oder fünf Jahrzehnten. Oft stehen Lehrer
vor der schier unlösbaren Aufgabe, Sozialarbeiter, Erzie-her,
Bildungsvermittler, Vorbilder, Autoritätspersonen und
Vertrauenspersonen in einem sein zu sollen.
Bei dieser
Diskussion sollten wir uns nicht von pädagogischen Mythen
beeinträchtigen lassen: Das Bild eines angeblich
begeistert-selbstlernenden Schülers, dem nur ein "Lernmoderator" zur
Seite gestellt werden müsse, entspricht vielleicht den Vorstellungen
einer "Spaßgesellschaft", aber es entspricht nicht der Realität: Der
Lehrer bleibt die entscheidende Person im Unterricht. Der
Unterricht, der gelenkte Erwerb von Wissen, Können und
Urteilsfähigkeit ist zentrale Aufgabe der Schule.
Aufgabe
von Erziehung und Schule ist es, auf das Leben als Erwachsener
vorzubereiten. Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie hieß es,
die Schulen müßten leistungsorientierter werden. Nun, nach dem
Geschehnis in Erfurt, warnen manche, man dürfe nicht länger von
"Wettbewerb" und "Leistung" an unseren Schulen sprechen. Johannes
Rau hat die richtige Antwort gefunden: "Ohne Leistung, ohne
Leistungsbereitschaft wäre jede Schule wirklichkeitsfremd." Vor
Wettbewerb und Konkurrenz dürfen wir unsere Kinder nicht schützen.
Sie müssen lernen, damit umzugehen. |
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Jeder muss seine Chance
bekommen
Ein Verzicht auf Förderung von Talenten, von
individuellen Anlagen und Fähigkeiten bedeutet nicht nur, dass wir
diese Gaben der Schüler nicht ernst nehmen, es bedeutet auch, dass
wir diesen Schülern nicht gerecht werden, weil wir sie unterfordern,
vernachlässigen, langweilen und schließlich entmutigen. "Bildung
heißt Benachteiligung vermeiden, heißt aber auch Begabung, ja auch
Höchstbegabung, rechtzeitig zu erkennen und zu fördern." [Johannes
Rau] Fördern und fordern, aber nicht überfordern! ? Wir werden
nichts daran ändern können, dass es begabte und weniger begabte
Menschen gibt. Jeder muss seine Chance bekommen. Eltern müssen
einsehen, dass ihr Kind die Schule besuchen soll, die seinen
Fähigkeiten gerecht wird, und nicht ihren Wunschvorstellungen. Und
dass sie zur richtigen Entscheidung den Rat und die Hilfe des
Lehrers brauchen. Eltern tun Kindern nichts Gutes, wenn sie sie auf
eine Schule schicken, auf der sie permanent überfordert werden.
Roman Herzog hat die Befürchtung geäußert, dass
Enttäuschungen zu der Tat mit beigetragen haben könnten, "die" ? so
wörtlich ? "daraus entstehen, dass die Eltern aus blindem Ehrgeiz
für sich und ihr Kind dieses auf einen Schule schicken, für die es
nicht geeignet ist." Und er fügt hinzu: "Denn nach meinen
Erfahrungen entspringt daraus das größte Unglück für die Kinder."
Lehrerinnen und Lehrer tragen gemeinsam mit den Eltern eine
besondere Verantwor-tung für die Schüler: Es darf nicht darum gehen,
den Kindern einen festen, vorgezeichneten Lebensweg
"vorzuschreiben". Sondern es muss darum gehen, ihnen Mög-lichkeiten
zur Entwicklung eigener, individueller Lebenswege zu geben, sie
dabei zu beraten und zu fördern. Es geht darum, ihnen das
Bewusstsein zu vermitteln, dass sich das Selbstwertgefühl eines
Menschen nicht auf Noten und schulische Leistungen reduzieren läßt,
sondern dass es aus dem erwächst, was Schüler an Fähigkeiten und
Neigungen entwickeln ? auch außerhalb der Schule.
Selbstverständlich ist es notwendig, auch über konkrete
Änderungen von Gesetzen und Verordnungen zu sprechen. Und dabei wird
auch Streit nicht ausbleiben, etwa wenn es um Prioritätensetzung im
Haushalt geht. Der Streit kann gar nicht ausbleiben, denn zu
unterschiedlich sind unsere Vorstellungen. Aber wir tun das um eine
bittere Erfahrung reicher, und ich hoffe, dass wir es in einer
anderen Geisteshaltung, in einem anderen Ton tun! |
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Thüringen für
Verschärfung des Waffenrechts
Die Landesregierung ist
für alle Themenfelder, die sich aus der Tat von Erfurt ergeben,
selbstverständlich diskussionsbereit. Die Diskussion hat längst
begonnen. Sie wird nicht heute, aber zur gegebenen Zeit
ausgearbeitete Vorschläge vorlegen. Weil in ein paar Tagen der
Bundesrat die Gesetzesnovelle zum Waffengesetz zu beraten hat, hat
die Landesregierung die Anrufung des Vermittlungsausschusses
beschlossen. Es ist doch selbstverständlich, dass wir uns nach dem,
was vorgefallen ist, den Text noch einmal sehr genau ansehen müssen.
Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern hat mit den Vorarbeiten
begonnen. Wir müssen zum Beispiel über die Heraufsetzung der
Altersgrenze für den Waffenbesitz sprechen. Wir können die
Herabsetzung der Altersgrenze von zwölf auf zehn Jahre für das
Schießen mit Luftdruckwaffen nicht mittragen. Nicht nur der Käufer,
sondern auch der gewerbliche Verkäufer soll den Eigentumswechsel
einer Waffe anzeigen.
Dass wir nach der Bluttat die
Schützenvereine und rund zwei Millionen rechtstreuer Sportschützen
nicht unter Generalverdacht stellen, ist selbstverständlich.
Die Debatte über eine Novelle des Jugendschutzgesetzes hat
mit der Vorlage des Gesetzentwurfs der Bundesregierung bereits
begonnen. Weil es uns darum geht, dass der Verleih von
gewaltverherrlichenden Videos und Computerspielen nicht nur an
Minderjährige, sondern auch an Erwachsene verboten wird, muss auch
über eine Änderung des Strafrechts gesprochen werden.
Die
Entscheidung der Bundesprüfstelle über das Computerspiel
"Counterstrike" kann ich nicht nachvollziehen. |
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Gewalt in den Medien
einschränken
Wir wollen die Kontrollmechanismen gegen
die Darstellung von extremer Gewalt im Rundfunk, auf Videos und im
Internet verbessern. Die Rundfunkkommission der Ministerpräsidenten
hat die Bildung eines Präventionsrates "Gewalt in den Medien"
angeregt. Er soll Vorschläge für eine dauerhafte Einschränkung von
Gewaltdarstellungen in den Medien machen. Wir unterstützen diesen
Vorschlag und wollen dabei auch den Eltern eine Stimme geben. Filme
und Spiele, deren zentrale Botschaft Gewalt ist, müssen von den
Bildschirmen verschwinden. |
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Debatte über
Schulgesetz kommt
Wir werden bei uns in Thüringen eine
breit angelegte Debatte über unser Schulgesetz führen. Wir haben
bereits vor Monaten eine umfassende Novelle vorgelegt. Mit der
Einbringung in den Landtag wollten wir, wie angekündigt, warten, bis
die regionalisierten Ergebnisse der PISA-Studie vorliegen. Dass wir
auch die Diskussion berücksichtigen, die nach dem Verbrechen am
Gutenberg-Gymnasium überall im Lande begonnen hat, versteht sich von
selbst.
An den Grundlagen unseres differenzierten und
gegliederten Schulsystems, das den Menschen mit seiner individuellen
Begabung, seinen Neigungen und Fähigkeiten in den Mittelpunkt
stellt, werden wir allerdings festhalten.
Der Grundsatz des
geltenden Schulgesetzes ? kein Realschulabschluss, kein Abitur ohne
zentrale Prüfung ? ist wohl überlegt. Weil wir die Regelschule neben
dem Gymnasium als eine starke Alternative erhalten wollen, und sie
nicht zur "Restschule" verkümmern lassen wollen. Aber über die Art
und Weise der Prüfungen und wie und wo sie in Zukunft abgelegt
werden, muss gesprochen werden.
Wir wollen erreichen, dass
auch die Eltern von volljährigen Schülern über die Schullaufbahn
ihrer Kinder unterrichtet werden. Das erfordert offenbar, dass
zunächst bundesrechtlich die entsprechenden Voraussetzungen
geschaffen werden, damit wir unser Landesrecht ändern können.
Natürlich müssen wir auch überlegen, wie wir die Sicherheit
an den Schulen erhöhen können. Aber vierzigtausend Schulen in
Deutschland kann man nicht zu Festungen ausbauen. Und wir wollen das
auch nicht. Schulen müssen offene Orte der Begegnung bleiben. Eine
eingemauerte Gesellschaft wollen wir nicht.
"Wir müssen
einander achten (...). Wir müssen aber auch aufeinander achten", hat
Johannes Rau auf dem Domplatz gesagt. Lassen Sie uns alles tun,
damit uns das gelingt! In der ganzen Bundesrepublik. Zunächst aber
hier in Thüringen. Natürlich bleiben die Aufgaben und Funktionen,
bleiben Exekutive und Legislative, Mehrheit und Minderheit,
Regierung und Opposition, natürlich bleiben unterschiedliche
Ansichten und Absichten. Aber geht das nicht auch in Respekt und
Hochachtung voreinander?
Der verabscheuungswürdige Anschlag
auf die Erfurter Synagoge im April 2000, der Terroranschlag von New
York und Washington am 11. September 2001 und die Bluttat am
Erfurter Gymnasium haben uns einig gesehen: Thüringen sagt Nein zu
Gewalt und Terror! Wir ziehen Konsequenzen. Eine gemeinsame
Entschließung aller Fraktionen des Thüringer Landtages kann ein
erneuter Beweis dafür sein. |
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| 24.06.2002 | 17:22 |
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Mehr aus mdr.de |
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Hier finden Sie eine Bilanz von Regierung und
Opposition.
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